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Zetsche contra Bundesregierung

Meinungsstark: Daimler-Chef Zetsche (Foto:Daimler)


Die chinesische Wirtschaft expandiert international im großen Stil und steigt zum ersten Mal in der Geschichte zum weltweit größten Firmenkäufer auf. Besonders hoch im Kurs stehen dabei Unternehmen aus Deutschland. Hierzulande löst diese Entwicklung oftmals Ängste aus. Die Bundesregierung reagiert und schiebt zwei geplanten Übernahmedeals den Riegel vor. Daimler-Chef Dieter Zetsche gefällt das nicht.

Alleine in den ersten Monaten des aktuellen Jahres kauften chinesische Firmen 37 deutsche Unternehmen für knapp 10 Milliarden Euro. „Im ersten Halbjahr 2016 haben chinesische Investoren mehr Geld für deutsche Unternehmen ausgegeben als in den gesamten fünf Jahren zuvor; vielleicht sogar mehr als in den vergangenen zehn Jahren zusammengenommen“, bemerkt Daniel Koller, Managing Partner von Ginkgo Tree Advisors. 2015 kauften Unternehmen aus China noch für vergleichbar niedrige 900 Millionen Euro in Deutschland ein, 2014 betrug die Zahl 1,7 Milliarden Euro.

Diese großangelegte Übernahmeoffensive aus Fernost löst in Deutschland vor allem eines aus: Angst. Es droht eine Verschleppung von Know-how und Technologien nach Asien und eine damit einhergehende Schließung deutscher Standorte. „Ich hoffe, das entwickelt sich nicht zur Katastrophe für Deutschland", mahnt Roland Klose von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) angesichts der aktuellen Entwicklungen. Auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel beobachtet die Situation kritisch und ist gewillt, die Übernahmen deutscher Firmen durch chinesische Investoren zu erschweren. Zuletzt legte die Bundesregierung daher gleich zweimal ihr Veto ein, als es um Verhandlungen zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen ging. Die Investoren aus dem Reich der Mitte bekamen sowohl bei der geplanten Übernahme des Maschinenbauunternehmens Aixtron als auch bei einem möglichen Kauf der Lampensparte des Leuchtmittelherstellers Osram einen Riegel vorgeschoben.

Daimler Chef Dieter Zetsche gibt Gabriel und der Bundesregierung in einem aktuellen Interview mit dem „Handelsblatt“ Contra und spricht sich dagegen aus, chinesische Unternehmen mittels Gesetzen vom deutschen Markt fernzuhalten. „Die Stärke des Wirtschaftsstandortes Deutschland kommt doch daher, dass Wirtschaft und Staat weitgehend getrennt sind. Diese Trennung sollten wir auch erhalten“, so Zetsche. „Wenn ich Zäune hochziehe, dann werden die Unternehmen müde und träge", erklärt der 63-jährige weiter. Den Kritiker, die beklagen, China sei noch immer ein Land voller räuberischer Kopierer und geistiger Diebe entgegnet er: „Da hieß es vor einiger Zeit noch, die Chinesen klauen und kopieren. Das ist Unsinn. China bildet mehr Ingenieure aus als wir. Das Land hat daher ein hohes Eigeninteresse, Patente zu schützen." Schutz ist auch das Motto der Bundesregierung. Allerdings für deutsche Unternehmen vor der Invasionswelle aus China.

Liebe Leserinnen und Leser: Wie sehen Sie die Diskussion? Haben Sie Verständnis für die jüngsten Entscheidungen der Bundesregierung oder geben Sie Daimler-Chef Zetsche recht? Wir sind auf Ihre Meinung gespannt! Diskutieren Sie gerne mit! Hier unter dieseem Artikel oder auf unserer Facebook-Seite!

31.10.2016 | 21:04

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