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VW auf der IAA: Aktie vor Turnaround?


In Frankfurt hat die IAA ihre Tore geöffnet – es ist die vielleicht spannendste, die es je gab. Wobei das nicht zuletzt an Volkswagen liegt, denn VW-Chef Müller bläst zur Flucht nach vorn. Der Konzern soll bis 2025 die weltweite Nummer Eins in der E-Mobilität werden. Ein ehrgeiziger Plan – doch wie realistisch? Und was bedeutet er für die Aktie der Wolfsburger?

Seit Montag läuft sie, die 67. Ausgabe der IAA. Für Deutschlands Vorzeigeindustrie dürfte sie zu einer der schwersten ihrer Geschichte werden. Ob nun Politiker, Umweltverbände oder Kunden, alle werden sie mit Argusaugen beobachten wollen, was die Hersteller aus der Vergangenheit um den Dieselskandal gelernt und für die Zukunft in Sachen E-Mobilität und autonomem Fahren entwickelt haben. Besonders „Halle 3“ rückt damit einhergehend ins Zentrum der Betrachtungen. Dort nämlich hat es sich der Volkswagen-Konzern bequem gemacht. Wobei bequem angesichts der Lage in der sich die Wolfsburger noch immer befinden vielleicht nicht ganz die richtige Wortwahl ist. 22 Milliarden Euro hat die Abgas-Trickserei VW inzwischen allein in den USA gekostet. Und die Rechtsstreitigkeiten nehmen kein Ende. Auch in den Niederlanden oder der Schweiz formieren sich die Kläger, Anwälte kommen mit immer neuen Anklagepunkten ums Eck. Nun fordert auch der ADAC für deutsche Kunden Entschädigungen in Höhe von 5.000 Euro pro Fahrzeug. Kein Mensch auf dieser Welt kann absehen, wie lange sich all das noch hinziehen und vor allem wie viel es am Ende kosten wird. Das VW-Desaster, es erinnert immer mehr an das Finanzkrisen-Debakel der Deutschen Bank. Das größte Geldhaus der Bundesrepublik hat auch fast zehn Jahre nach der Krise noch immer etliche Klagen am Hals. VW könnte es da womöglich ähnlich ergehen.

Allmählich aber, so scheint es, wollen sie es sich in Wolfsburg auch gar nicht mehr bequem machen. Auf monatelange Durchhalteparolen folgen plötzlich Ankündigungen, die aufhorchen lassen. Pünktlich zum IAA-Beginn nämlich steht ein selbstbewusster VW-Chef Matthias Müller in „Halle 3“ und verspricht voller Tatendrang eine Elektrifizierungs-Offensive, die Elan Musk und Co. das Fürchten lehren soll. „Wir wollen Volkswagen bis 2025 zur weltweiten Nummer Eins in der E-Mobilität machen. Und dieses Ziel werden wir erreichen.“, blies Müller zur Attacke. Wenig später fügte er an: „Das ist keine unverbindliche Absichtserklärung, sondern eine Selbstverpflichtung, an der wir uns ab heute messen lassen.“ 20 Milliarden Euro will Volkswagen bis 2030 in die Entwicklung neuer E-Modelle stecken. 50 Milliarden in die Batterieproduktion. Bis zum Jahr 2025 sollen zudem konzernübergreifend 80 neue PKW mit Elektro-Antrieb auf den Markt. 50 davon, so der Plan, werden einzig und allein mit Strom fahren, die restlichen 30 sollen Plug-In-Hybride werden. Alle Töchter mit inbegriffen will VW bis 2030 für jedes seiner 300 Modelle und in allen Segmenten mindestens eine elektrisch angetriebene Variante. Schafft es Volkswagen diese Pläne in die Tat umzusetzen, werden ab dem Jahr 2025 25 Prozent der neu produzierten PKW mit Batterie fahren, was einer Zahl von bis zu drei Millionen pro Jahr entspricht.

Der Kunde soll wieder König sein

Modern, zukunftsorientiert, weniger protzig und selbstverliebt, nah an den Bedürfnissen der Kunden will VW (wieder) sein. „Die Zeiten, in denen sich unsere Branche hier in Frankfurt selbst feiert, sich im eigenen Glanz gesonnt hat, die sind vorbei. Business as usual reicht nicht mehr.“, verspricht Müller. VW-Personalvorstand Karlheinz Blessing äußerte sich allerdings in Sachen E-Mobilität vor kurzem noch um einiges skeptischer: Der Umstieg von Verbrennungsmotor auf E-Antrieb  werde noch Jahrzehnte dauern. Ein schnelles Ende des Verbrennungsmotors sei unrealistisch. Ein bisschen kratzen solche Aussagen an der Glaubwürdigkeit von Müllers IAA-Rede. Dennoch sind seine genannten Milliarden-Investitionen eine Hausnummer. Vielleicht meinen sie es tatsächlich ernst in Wolfsburg.

Anleger reagierten trotz der mit den Investitionen verbundenen hohen Kosten positiv auf die Zukunftspläne des Autokonzerns. Der Kurs einer Aktie konnte seit den Ankündigungen am Montag  um 2,75 Prozent zulegen und steht nun bei glatt 136 Euro. Zwischenzeitlich notierte das Papier sogar bei 138,55 Euro. Bereits in den Tagen zuvor hatten sich viele Börsianer in VW-Kauflaune präsentiert und den Anteilsschein der Wolfsburger aus seinem Jahrestief von 125,90 Euro befreit. Vor allem die Volkswagen-Bemühungen um eine schlankere Konzernstruktur waren an den Märkten positiv aufgenommen worden. Allerdings scheint es so als würden Matthias Müller diesbezüglich schon wieder Steine in den Weg gelegt werden. Denn zunächst muss er noch die VW-Anteilseigener überzeugen. Aufsichtsratsmitglied Wolfgang Porsche sagte dazu: „Verkäufe stehen aktuell nicht auf der Tagesordnung.“

Die Analysten sind uneins

„Der Verkauf von Randbereichen wäre ein positives Signal, würde er schließlich einmal den wahren Konzernwert ans Licht bringen, äußerte sich dagegen Equinet-Analyst Tim Schuldt in einer Studie. Und empfiehlt mit einem Kursziel in Höhe von 166 Euro weiterhin den Kauf der Aktie. Auch Max Warburton von Bernstein Research sieht in der Aktie des Autobauers mit einem Kursziel von 150 Euro noch Potential, stufte das Papier allerdings mit „Halten“ ein und mahnt: Politik und Kapitalinvestoren glaubten an die Zukunft von Elektroautos, damit einhergehend dürften die traditionellen Autobauer nicht mehr länger zögern. Für einen Massenproduzenten wie VW schätzt er zudem vor allem Hybrid-Varianten als erfolgsversprechend ein. Die DZ-Bank geht einen anderen Weg und rät inzwischen zum Verkauf der Aktie. Kursziel: 108 Euro. Die aktuelle Bewertung des Autobauers erscheine zwar günstig, doch werde die Stimmung weiterhin durch die bestehende Abgasdiskussion belastet, so Analyst Michael Punzet. Alles in allem ist die Stimmung bei den Analysten aber eine positive. 69 von ihnen sehen in der VW-Aktie einen Kauf, 19 würden das Papier halten, sieben tendieren zum Verkauf.

Siehe dazu auch die Einschätzung in unserer Analyse der Woche!

Nun gilt es zunächst die Bundestagswahl am 24. September und vor allem die Neuwahl in Niedersachsen abzuwarten. Während Angela Merkels Wiederwahl als Bundeskanzlerin so gut wie fest steht, könnte sich im Heimatbundesland des Konzerns ein Regierungswechsel anbahnen. Und damit steht das sogenannte „VW-Gesetz“ auf dem Spiel. In aller Einfachheit erklärt gibt es dem Land Niedersachsen als Anteilseigner ein historisch bedingtes Mitspracherecht bei Entscheidungen im VW-Konzern. Während Rot und Grün als gewerkschaftsnahe Parteien dieses Gesetz eher willkommen hießen, könnte eine von der CDU angeführte Koalition für die von vielen schon lange geforderte Abschaffung des Gesetzes stimmen. Das wiederum könnte Volkswagen in die Karten spielen, da man so beispielsweise leichter Kostensenkungen durch niedrigere Löhne oder dem Outsourcing bestimmter Produktionssparten erzielen könnte.

Die Absatzzahlen stimmen

Was die Lage am Absatzmarkt betrifft, ist VW weltweit gesehen in der Spur. Die Nachfrage nach der Marke Volkswagen steigt weiter, im August verkauften die Wolfsburger 495.200 Fahrzeuge. 9,3 Prozent mehr als im selben Zeitraum des Vorjahres. Nur in Deutschland hat der Dieselskandal bei den Kunden anscheinend deutliche Spuren hinterlassen. Im August gingen die Verkaufszahlen der Kernmarke um elf Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück. Den Gesamtkonzern betreffend konnte VW seine Absatzzahlen im ersten Halbjahr 2017 um 1,4 Prozent auf zirka 5,2 Millionen Einheiten steigern. Innerhalb Deutschlands ging es aber auch hier um ein Prozent in die negative Richtung. Den Umsatz konnten die Wolfsburger im ersten Halbjahr 2017 dagegen wiederum weltweit um 7,3 Prozent auf knapp 116 Milliarden Euro steigern. Beim operativen Ergebnis ging es um 18,6 Prozent auf 8,9 Milliarden Euro nach oben. Es könnte auch schlechter laufen für VW.

Langfristig wird es für Volkswagen entscheidend sein, ob man seine nun sehr hoch gesteckten Ziele erreichen kann. Sollte dies gelingen, scheint die Aktie des Konzerns derzeit tatsächlich sehr niedrig bewertet. Aber nicht umsonst sind sich die Analysten uneins: Der Dieselskandal ist für VW noch nicht überwunden, die Konkurrenz schläft nicht und jetzt müssen die Wolfsburger erst einmal 4,9 Millionen Autos in China aufgrund defekter Frontairbags zurückrufen. Es könnte auch besser laufen für VW. Oliver Götz

16.09.2017 | 23:10

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