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Wird Lufthansa nun Marktanteile verlieren?

Die Herren Piloten wollen noch höher hinaus: Streik bei Lufthansa (Bild: Lufthansa / Hadi Khandani)

180.000 Euro jährlich – im Durchschnitt! – sind nicht genug. Die Lufthansa-Piloten streiken. (Bild: Fotolia / Gstockphoto)


Am Dienstag, am Mittwoch auch noch die Langstrecke dazu. Es geht also wieder los. Eine schwere Belastung für die gesamten Konjunkturprognosen in Deutschland sind diese Männer – ein paar Frauen sind auch dabei. Die Passagiere, die Frachtversender und die Lufthansa-Aktionäre zahlen die Zeche. Wie wenig Verantwortung die Piloten für ihre traditionsreiche, seit 1926 fliegende Kranich-Linie augenscheinlich aufbringen: das mutet sehr bedenklich an. Wann reagieren Justiz und Politik?

Fast 3.000 Lang- und Kurzstreckenverbindungen mussten von Mittwoch bis Samtag abgesagt werden, nur für einige wenige Flüge konnten Ersatz-Piloten gefunden werden. Weit über 300.000 Passagiere, viele Frachtempfänger und -versender, ja, und auch die Lufthansa-Aktionäre zahlen die Zeche. Dieser Streik ist juristisch vermutlich legitim, aber schon sind Bremsspuren in den Konjunkturerwartungen für Deutschland zu sehen. Überreizen die Piloten ihr Blatt? Aktuell liegt jedenfalls ein Angebot für 4,4 Prozent mehr Lohn und eine Einmalzahlung von 1,8 Monatsgehältern auf dem Tisch. Allein die Einmalzahlung beläuft sich bei einem erfahrenen Langstreckenpiloten auf runde 25.000 bis 30.000 Euro.

Der Kranich-Linie würdig?

Wie wenig Verantwortung die Piloten augenscheinlich für ihre traditionsreiche, seit 1926 fliegende Kranich-Linie aufbringen: das ist sehr, sehr traurig. Dabei sollte es für jeden Piloten eine Ehre sein, für eine Fluglinie wie Lufthansa fliegen zu dürfen. Bei deren Honorierung, die ohnehin für Hebammen, Krankenschwestern und Altenpfleger schwindelerregend hoch klingt, geht es um rückwirkende Erhöhungen, und zwar ab 2012.

Das Augenmaß scheint indes ein wenig verlorgengegangen, es riecht ein bisschen nach Narzissmus mit drei, vier (oder sind es fünf?) goldenen Streifen an der Uniform. Zwar ist die Höhe von jährlich 3,7 Prozent augenscheinlich nicht abgehoben, aber die Piloten schweben schon auf einer sehr ordentlichen Reiseflughöhe. Dass man seit nunmehr fünf Jahren auf eine Tarifeinigung warten muss, dafür tragen sicher alle Seiten ihre Verantwortung, sicher auch die Konzernspitze. Die jedoch muss das Gesamtgefüge im Auge haben, und wie es dagegen die Piloten verantworten wollen, eine europäische Traditionsairline anzugreifen, die gegen mutmaßlich mit Öl-Milliarden gesponserte arabische Airlines um die Existenz kämpft, das wird die Pilotenvereinigung Cockpit (VC) sicher alsbald erklären.

Der Pilotenstreik sei der falsche Weg, erklärte die Lufthansa jedenfalls dem Handelsblatt. Die VC werde ihrer Verantwortung als Tarifpartner nicht gerecht, wenn sie die mehrfach angebotene Schlichtung ignoriere. Grund für die Streikankündigung sind die gescheiterten Verhandlungen zu den Gehältern von rund 5.400 Kapitäne und Co-Piloten der Lufthansa-Kerngesellschaft, der Lufthansa Cargo und der „Billigtochter“ Germanwings. VC-Präsident Ilja Schulz jammert, dass es seit inzwischen fünf Jahren trotz eines Gewinnanstiegs des Kranich-Konzerns in Höhe von fünf Milliarden Euro keine Gehaltserhöhung mehr gegeben habe. Die Gewerkschaft verlangt jährliche Gehaltserhöhungen von insgesamt 22 Prozent für einen Zeitraum von fünf Jahren. Lufthansa hingegen ist nach eigenen Angaben lediglich zu einer Lohnerhöhung von 2,5 Prozent bis Ende 2018 bereit. Dieses Angebot wird von der VC wegen der Teuerung als Nullrunde gesehen, ja, sogar von Reallohnverluste ist die Rede.

Kein Saft, kein Brötchen: Eurowings musste Streik des Kabinenpersonaals aushalten

Trotz mehrmonatiger Verhandlungen habe mit dem Vorstand von Eurowings bislang kein Tarifabschluss erzielt werden können, beklagte Verdi nach angaben des Handelsblattes. In Hamburg trifft diese Ankündigung 19 Abflüge und 19 Ankünfte von Eurowings-Maschinen. Über 4.000 Passagiere würden nicht befördert, falls die Flüge komplett ausfallen sollten, hieß es beim Flughafen. In Düsseldorf waren laut Eurowings 44 Starts und 44 Landungen geplant. Gegenüber dem großen Pilotenstreik bei Lufthansa klingt das zwar wie Kaffee aus dem Pappbecher, aber für Eurowings ist die Auseinandersetzung ein Problem.

Verdi fordert für die rund 460 Beschäftigten in der Kabine bei Eurowings eine Anhebung der Gehälter und Funktionszulagen von sieben Prozent, zusätzlich 500 Euro Zulage für die Kabinenleitung und einige weitere Verbesserungen. Am 11. November war zuletzt ergebnislos verhandelt worden. Zwischen Airline und Gewerkschaft herrscht derzeit Funkstille.

Ein Blick auf die Kranich-Aktie lohnt trotzdem

Fundamental ist die Lufthansa derzeit für Anleger dennoch interessant. Und es gab in jüngster Vergangenheit auch gute Nachrichten zu vermelden. So wurde die Gewinnprognose nach oben korrigiert - der Konzern geht von einem Betriebsgewinn auf dem Vorjahresniveau von 1,8 Milliarden Euro aus. Hintergrund ist, dass Firmenkunden nach dem Ende der Urlaubssaison im September mehr Flüge buchten als erwartet. Erst drei Monate zuvor war diese Prognose noch gesenkt worden.

Zumindest kurzfristig sollten Anleger die Kranich-Aktie, die nach einigen Luftlöchern auf der Kurstafel nicht in allzu hohen Regionen fliegt, durchaus im Auge behalten. Ein Steigflug könnte anstehen, wenn sich die Herren Piloten auf die Erkenntnis besinnen, dass ihre Airline, die immerhin das Verbot durch das unheilvolle Wirken einer schlimmen Diktatur überlebt hat und die derzeit unter schwerstem Beschuss durch arabische Konkurrentinnen steht, die unvorstellbar subventioinert werden – dass diese überaus traditionsreiche Fluglinie auch ihr eigenes fliegendes Personal überleben muss. Für die Aktie sieht es indes, wenn sich erst die Piloten und auch die Kabinen-Crews besonnen haben, nach zusätzlichem Aufwind aus; die direkte Reaktion der Börse waren jedenfalls moderate Aufschläge für die Kranich-Aktie, denn die wüsten ausstände beweisen auch eines: die Konzernleitung achtet auf die Ausgabenstruktur. Für Aktionäre ist so etwas immer eine gute Nachricht. sig

28.11.2016 | 10:58

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