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Kommende Woche in Frankfurt – Aufruhr der Saison?

Wie dunkel sind die Wolken vor der Hauptversammlung? (Bild: Deutsche Bank)

Reinhard Schlieker (Bild: ZDF)


Die Hauptversammlungs-Parade der deutschen Aktiengesellschaften marschiert – schon bei den bisherigen Zahlenpräsentationen ging es nicht durchweg harmonisch zu. Bei der Deutschen Bank könnte es ein recht munteres Aktionärstreffen werden, ja, vielleicht wird’s sogar turbulent.

Die Hauptversammliungen der DAX-Unternehmen waren recht unterhaltsam, bislang. Vertreter der Kleinanleger rieben sich hier wie dort an den Aufsichtsräten und ihren Verträgen mit dem jeweiligen Vorstand zur Vergütungssystematik. „Undurchschaubar“ war angesichts dessen einer der Kritikpunkte – zum Beispiel bei SAP, dem derzeit größten DAX-Vertreter. Das war noch mild. In der kommenden Woche dürfte es bei der Deutschen Bank auch deswegen ungleich turbulenter zugehen, weil sie stetig und intensiv unter öffentlicher Beobachtung ist. Der Aktienkurs, der sich ordentlich erholt hat, wird die Kritiker wahrscheinlich ebensowenig besänftigen wie der zumindest manierliche Ausblick auf kommende Gewinne.

In der Frankfurter Festhalle, wo sonst von Karl Moik bis Status Quo verdiente Musikanten den Saal füllen, hat man von der Bühne einen weiten Blick ins Rund und auf die Ränge. Was die versammelte Vorstands- und Aufsichtsratsriege dort sehen wird, ist kein jubelndes Publikum, und Zugabe schreit mutmaßlich auch niemand. Selbst wenn die eigentlich mächtigen Aktionäre nicht anwesend, sondern verstreut via Satellit zusehen mögen, dürfte sich im Saal einiges an Unmut auf die Rednerliste schreiben lassen.

Im abgelaufenen Jahr prägte einmal mehr das Hin und Her um die Postbank die Deutsche-Bank-Schlagzeilen: Dass die Tochter nun bleiben soll, wie zwischendurch schon immer mal geprüft, ist bekannt – dass sie integriert wird in den Konzern, das war 2016 eine neue Variante. Verunsicherung bei den Postbankern ist längst die Existenzgrundlage geworden, von daher ist die jüngste Volte nur teilweise neu. Grummelnd werden die Anteilseigner voraussichtlich das neu gestaltete Vergütungssystem durchwinken – bei der Deutschen Bank gab es den Hauptkrach dazu schon letztes Jahr, so dass man die Aufregung, die SAP gerade erlebte, eigentlich schon hinter sich hat – wenn denn die Aktionäre und ihre Vertreter die Verbesserungen erkennen und zu würdigen wissen.

A propos Vertreter: In Deutschland bislang meist unter dem Radarschirm, kennt man inzwischen auch hierzulande die angelsächsisch geprägten Aktionärsberater, mächtige Firmen wie etwa Glass Lewis oder ISS (nein, das sind nicht die von der Raumstation). Diese Unternehmen geben ziemlich unmittelbar und undiplomatisch zu wissen, was sie vom Geschäft der jeweiligen Aktiengesellschaft halten – und nageln Kritikpunkte an die Wand als seien es Thesen zum Weltenlauf. Bei der Deutschen Bank etwa konzentriert sich Glass Lewis auf die zahlreichen Rechtshändel, die immer noch keinen Abschluss gefunden haben und auch einen pekuniären Risikofaktor darstellen. Angesichts dessen empfehlen die Berater den Anteilseignern, die sich ihrer Expertise anvertraut haben, Vorstand und Aufsichtsrat nicht zu entlasten.

Nichtentlastung! Schweres Geschütz also wird aufgefahren. Angesichts der vielen bereits erfolgten Kapitalerhöhungen der Bank in den letzten Jahren ist es aber eine Art Notwehrreaktion – zumal auch dieses Jahr wieder eine Ermächtigung durch die Aktionäre erhofft wird, bei Bedarf das Grundkapital nochmals um die Hälfte aufzustocken. Das kostet den Anteilseigner dann entweder Einbußen durch Verwässerung oder ein Mitgehen bei Erhöhungen durch frisches Geld, unbeliebt beides, wenn es nicht erkennbaren gewinnträchtigen Vorhaben dient, sondern wesentlich der Abwendung von noch schlimmeren oder höheren Strafzahlungen. Die Vertreter von ISS stellen eine Menge bohrende Fragen nach den letzten Skandalen und Skandälchen – von Zinsmanipulation bis hin zu merkwürdigen Russland-Deals.

Manche Zahlungen an US-Behörden etwa hätten durch bessere Kooperation womöglich milder ausfallen können – in Extremform erlebte VW, was passieren kann, weil man meinte, den US-Aufsehern gegenüber nur das Nötigste zugeben zu müssen. Jetzt bekommen die Wolfsburger einen eigenen offiziellen Aufpasser in ihre US-Gesellschaft implantiert. Vertrauen ist der Anfang von allem und sieht anders aus.

Unter all diesen Verwerfungen, die bei „der Deutschen“ ja nun nicht ganz so schlimm sind wie bei „den Wolfsburgern“, aber eben schlimm genug. Unter diesen Verwerfungen also droht der Fortschritt, der unter Chef John Cryan zu sehen ist, etwas ins Hintertreffen zu geraten – nicht ganz fair, aber besonders die Amerikaner wie Glass und ISS werden nun mal nicht zum Kuscheln nach Frankfurt kommen.

12.05.2017 | 17:28

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