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Unternehmensanleihen: Obacht in der Eurozone!

Dr. Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)

Dr. Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)

Renditeschmelze in der Eurozone? (Bild: Fotolia)

Renditenschmelze bei Anleihen? (Bild: Fotolia)


Seit dem 8. Juni 2016 sind Unternehmensanleihen Teil der EZB-Anleiheankäufe. Im Durchschnitt konnten Anleger seit dem Jahr 2012 mit bonitätsstarken Euro-Unternehmensanleihen einen jährlichen Gesamtertrag aus Zinszahlungen und Kursgewinnen von rund 3,8 Prozent erzielen. Warum nun negative Gesamtrenditen drohen.

Von Ulrich Stephan

Mit Unternehmensanleihen aus der Eurozone haben Anleger in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen gemacht: Neben den Zinsen beziehungsweise Kuponerträgen strichen sie im Umfeld sinkender Kapitalmarktzinsen zusätzliche Kursgewinne ein – zumal das Ankaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) die Nachfrage nach Anleihen zusätzlich stützte. Seit dem 8. Juni 2016 sind Unternehmensanleihen Teil der EZB- Anleiheankäufe. Im Durchschnitt konnten Anleger seit dem Jahr 2012 mit bonitätsstarken Euro-Unternehmensanleihen (Investment Grade, kurz IG) einen jährlichen Gesamtertrag aus Zinszahlungen und Kursgewinnen von rund 3,8 Prozent erzielen.

Auch in diesem Jahr war die Performance bislang positiv: Vom Jahresanfang bis Ende November lag die durchschnittliche Wertentwicklung von IG-Unternehmensanleihen aus der Eurozone noch bei 2,82 Prozent. Mit positiven Jahreserträgen könnte nun allerdings erst einmal Schluss sein. Denn die Verzinsung der Papiere ist zuletzt spürbar gesunken: Gerade einmal 0,60 Prozent beträgt sie derzeit im Schnitt. Steigt das Kapitalmarktzinsniveau in der Eurozone wie von der Deutschen Bank im Jahresverlauf 2018 erwartet leicht an, dürften Kursverluste die Folge sein. Der Gesamtertrag aus der Kursentwicklung und der niedrigen Verzinsung vieler europäischer IG-Papiere würde ins Negative fallen. Die negative Kursentwicklung würde den positiven Zinsertrag also mehr als aufzehren.

Deutsche Bank erwartet leicht steigende Kapitalmarktzinsen

Dafür, dass ein solches Szenario tatsächlich eintreten könnte, sprechen unter anderem die im Vergleich zu 2016 leicht gestiegenen Inflationserwartungen, welche von der anhaltend guten Konjunktur gestützt werden. In diesem Umfeld dürfte die EZB nicht umhinkommen, den Aufschwung in der Europäischen Währungsunion als nachhaltig anzuerkennen und ihre Rhetorik entsprechend anzupassen. Ihr Anleiheankaufprogramm könnte zum Ende des kommenden Jahres auslaufen, was in der Folge zu einer sinkenden Nachfrage am Rentenmarkt und einem höheren Kapitalmarktzinsniveau führen dürfte. Die Deutsche Bank erwartet für IG-Unternehmensanleihen aus der Eurozone für den Zeitraum der kommenden zwölf Monate daher einen negativen Gesamtertrag. Zudem dürften die Schwankungen am Rentenmarkt spürbar zunehmen.

Trotz der schlechten Aussichten für Unternehmensanleihen der Eurozone sind die Unternehmen selbst in guter Verfassung. Das zeigt auch ein Blick auf die Ratings, denn dort überwogen zuletzt die Upgrades, also die Rating-Aufwertungen. Entsprechend niedrig sind die erwarteten Ausfallraten der Anleihen. Mit größeren Verwerfungen im Rentensegment für Unternehmensanleihen ist demnach nicht zu rechnen – allerdings auch nicht mit interessanten Erträgen. Um die verbliebenen Renditemöglichkeiten optimal nutzen zu können, gewinnen daher die Selektion und ein aktives Management des Rentenportfolios an Bedeutung.

Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

08.12.2017 | 13:02

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