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Big Data und der Wahlkampf

Desinfomation: zuviel oder zu wenig, beides führt zur Verzerrung. (Bild: Fotolia / Gandini)


Datenpolitik ist kein Wahlkampfthema. Doch die Technologie ist allgegenwärtig: Facebook, Twitter und Google sorgen dafür. Das kann über den Ausgang von Wahlen entscheiden oder diese entscheidend beeinflussen. Die Parteien sollten Technologien wie Big-Data-Analysen, Wählerprofilierung und neue Hardwarestandards beherrschen lernen, statt den Internet- und Medienkonzernen das Feld zu überlassen.

Micro-Targeting (oder Mikrotargeting) ist das neuartige Politmarketing und die Wunderwaffe, die hinter dem Wahlerfolg von Barack Obama und nun auch hinter dem Sieg von Donald Trump vermutet wird. Es geriet in die Schlagzeilen, nachdem die Aktivitäten des Unternehmens Cambridge Analytica für die Republikaner im US-Präsidentschaftswahlkampf bekannt geworden waren. Was der Unternehmenschef, Alexander Nix, offenbar bei keiner Gelegenheit unerwähnt lässt. Das Unternehmen soll mittels statistischen und datenanalytischen Methoden Donald Trump zum Sieg verholfen haben. Cambridge Analytica nutzt Daten aus öffentlichen und privaten Quellen, die es zu diesem Zweck kauft, beispielsweise Bonuskartendaten, Clubmitgliedschaften, Zeitungsabonnements, medizinische Daten. Die werden dann mit den öffentlich zugänglichen Wählerdaten und Facebook-Einträgen verknüpft. So erhält man sehr genaue Persönlichkeitsprofile der einzelnen Wähler, oft mit Adresse, Telefonnummer und vielen weiteren Daten. Auf diesem Weg ist eine gezielte Ansprache der Wähler mit personalisierten Inhalten möglich.

Ob solche Verfahren in Deutschland angewendet werden dürfen, bleibt derzeitig noch strittig. Nicht zuletzt im Hinblick auf das (noch) geltende Datenschutzgesetz. Parteien und ihre Marketingdienstleister erstellen in Deutschland keine umfassenden Profile zu jedem einzelnen Wähler, berichtete die FAZ. Aber sie nutzen die Datenbestände von Facebook und anderen Plattformen für die Möglichkeiten der Zielgruppenansteuerung, um ihre Botschaften personalisiert zu platzieren. Nach dem Bundesmeldegesetz dürfen Parteien und Wählergruppen sechs Monate vor der Bundestagswahl Daten von Wahlberechtigten erfragen und für Wahlkampfwerbung nutzen. So scheint es, dass es auch im Interesse deutscher Parteien ist, das Potenzial der individuellen Wählerprofilierung zu nutzen: Es gibt Anfragen aus der Schweiz und Deutschland, bestätigte der Chef von Cambridge Analytica in DasMagazin.ch.

Massendatenauswertungen und Datenanalysen helfen zu bestimmen, wer, wann und mit welcher Botschaft am besten erreicht werden kann. Sie sollen im Tür-zu-Tür-Wahlkampf dazu beitragen, Meinungen zu beeinflussen und Nichtwähler zu mobilisieren. Sie bestimmen, wo und wann Botschaften platziert werden, um eine optimale Wirkung zu erreichen. Nicht mehr Menschen, sondern Algorithmen sollen entschieden haben, wo Hilary Clinton „ihre 140 Millionen TV-Werbedollar plaziert“, recherchierte Katharina Matheis von der WirtschaftsWoche (46

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13.04.2017 | 11:52

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