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Großbritannien: Brexit sorgt für zunehmende Unsicherheit

Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)

(Bild: Fotolia / Jürgen Fälchle)


Brexit-Verhandlungen verlaufen weiterhin zäh / Zeitplan für EU-Austritt Großbritanniens scheint zunehmend ambitioniert / Steigende Verunsicherung unter Unternehmen und Verbrauchern könnte britische Konjunktur belasten

Von Ulrich Stephan

Rund 19 Monate ist es her, dass die Briten für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) votierten – und noch immer sind die genauen Trennungsmodalitäten unklar: In vielen wichtigen Punkten, etwa dem Status der EU-Bürger auf der Insel, steht eine Einigung zwischen den Verhandlungsführern Großbritanniens und der EU nach wie vor aus. Erschwert werden die Verhandlungen durch ein breites Meinungsspektrum innerhalb der britischen Politik, das von einer weiterhin engen Bindung zur EU bis zu maximaler Unabhängigkeit reicht. Vor diesem Hintergrund scheint auch der aktuelle Zeitplan zunehmend ambitioniert: Dieser sieht vor, dass das Vereinigte Königreich und die Union ab März 2018 bereits ganz konkret die zukünftigen Beziehungen regeln, im Oktober die Austrittspapiere unterschreiben und innerhalb einer Übergangsphase bis Ende 2020 einen Freihandelsvertrag ausgehandelt haben.

Angesichts der nach wie vor bestehenden Unsicherheiten bezüglich des Brexits erwartet die Deutsche Bank für das Jahr 2018 in Großbritannien aktuell ein Wirtschaftswachstum von lediglich 1,3 Prozent. Damit liegt sie unter dem Konsensus einer aktuellen Bloomberg-Umfrage. Grund für diese Einschätzung ist, dass die Deutsche Bank auf absehbare Zeit weder vonseiten der britischen Konsumenten noch der Unternehmen mit konjunkturellen Impulsen rechnet. So halten sich die Unternehmen auf der Insel aktuell mit Investitionen zurück, da kaum abzusehen ist, wie sich ihr Zugang zum europäischen Binnenmarkt in Zukunft gestalten wird. Ein abnehmendes Wachstum der privaten Investitionen dürfte entsprechend negative Auswirkungen auf die konjunkturelle Entwicklung haben.

Konsumstimuli in Großbritannien nicht zu erwarten

Die britischen Verbraucher dürften die wirtschaftliche Entwicklung in ihrem Heimatland ebenfalls kaum stützen, denn die Wachstumsaussichten für den Konsum sind eher verhalten. Zwar ist die Arbeitslosenquote in Großbritannien mit 4,4 Prozent vergleichsweise niedrig – Lohndruck ist jedoch kaum vorhanden: Abgesehen von den Jahren 2015 und 2016 blieb das Lohnwachstum in den vergangenen 10 Jahren kontinuierlich hinter der  Teuerungsrate zurück. Vereinfacht gesagt: Nach Abzug der Inflation hatten die Verbraucher fast jedes Jahr weniger Geld in der Tasche als zuvor. Die Inflation liegt auch wegen des schwächeren Pfunds bei rund drei Prozent und drückt damit die Realeinkommen. Insofern liegt die schwache Entwicklung der Realeinkommen weniger an geringen nominalen Lohnsteigerungen als an der hohen Inflation.

In den vergangenen Jahren konnten die Briten diesen Kaufkraftverlust noch durch die Aufnahme von Schulden und einer geringeren Sparrate kompensieren. Letztere befindet sich jedoch bereits nahe ihrem historischen Tief und dürfte daher kaum noch signifikant fallen. Statt wie in Teilen der EU spürbar zu wachsen, könnte der Konsum in Großbritannien also zunehmend unter Druck geraten – zumal die Dynamik beim Stellenaufbau ebenso nachgelassen hat wie das Verbrauchervertrauen.

Wie reagiert die Bank of England?

Die verhaltenen Aussichten für die britische Wirtschaft könnten auch die Geldpolitik der britischen Notenbank beeinflussen: Aktuell rechnen die meisten Marktteilnehmer seitens der Bank of England (BoE) noch mit einer Leitzinsanhebung im Mai dieses Jahres – eine Erwartung, der in der jüngsten Notenbanksitzung im Februar 2018 zumindest nicht widersprochen wurde. Es besteht jedoch das Risiko, dass es in den Brexit-Verhandlungen bis dahin nicht ausreichend Fortschritte geben und sich der konjunkturelle Abschwung noch deutlicher abzeichnen könnte. Aus diesem Grund bleibt die Deutsche Bank bei ihrer  Einschätzung, dass es in diesem Jahr keine Leitzinsanhebung der BoE geben wird. Hinsichtlich der bevorstehenden Trendwende bei der Geldpolitik, bei der die ersten Zentralbanken die Leitzinsen anheben, könnte dies das britische Pfund weiter schwächen.

Wie auch immer sich die politische Situation in den nächsten Monaten gestaltet, die Folgen des Brexits dürften auf lange Sicht die wirtschaftliche Lage Großbritanniens maßgeblich beeinflussen. Nicht zuletzt aufgrund möglicher Währungsverluste scheint es für Anleger aus der Eurozone mit entsprechender Risikobereitschaft daher aktuell interessantere Investmentziele als das Vereinigte Königreich zu geben.

Dr. Ulrich Stephan ist Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

23.02.2018 | 20:24

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