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Indiens Gesundheitssektor: Einstieg könnte lohnen

Marc-André Marcotte (Bild: Sectoral Asset Management)

Investieren im Lande des Taj Mahal? (Bild: Fotolia / Salko3p)


Indian Healthcare – Wer hier investiert, braucht Geduld und fundierte Marktkenntnisse – doch der Einstieg könnte sich lohnen.

Die indische Gesundheitsindustrie befindet sich derzeit in einer schwierigen Phase, nachdem sie Investoren im vergangenen Jahrzehnt mit einem rasanten Wachstum beeindrucken konnte. Der MSCI India Health Care Index hat seit Ende 2015 fast 25 Prozent seines Wertes eingebüßt. Indien ist damit das Schlusslicht unter den Schwellenländern. Investoren sollten die Gesundheitsindustrie des Subkontinents dennoch im Auge behalten. Ein Gespräch mit Marc-André Marcotte, CFA, Head of Research bei Sectoral Asset Management, über die Dynamik des Marktes, neue Strategien indischer Pharmafirmen und das Renditepotenzial für Investoren.

BaS: Warum ist der indische Healthcare-Markt in letzter Zeit so unter Druck geraten?

Marcotte: Wir sehen in Indien derzeit eine zunehmende Marktdynamik hin zu größerer Preiseffizienz, die das traditionelle Geschäftsmodell indischer Pharmaunternehmen untergraben hat. Deren Kerngeschäft lag bislang darin, Arzneistoffe und kleine Nachahmer-Moleküle für den Export, vornehmlich in die USA, herzustellen. Jetzt erleben die indischen Pharmafirmen eine ganz „neue“ Realität. Der Wettbewerb hat sich deutlich verschärft. Die Aufsichtsbehörden prüfen gründlicher. Darauf haben die etablierten Pharmafirmen reagiert, da sie förmlich gezwungen waren, ihre Praktiken und Geschäftsmodelle auf den Prüfstand zu stellen.

BaS: Was genau waren die Beweggründe?

Marcotte: Unter anderem die Umsetzung einer neuen Gebührenordnung für die Generikaindustrie (Generic Drug User Fee Act, GDUFA) durch die US-Arzneimittelbehörde. Diese hat zu einer höheren Anzahl an verkürzten Zulassungsverfahren (Abbreviated New Drug Applications, ANDAs) geführt, was zahlreiche kleinere Akteure auf den Plan gerufen hat. Zudem wurden die Pharmakanäle konsolidiert. Apotheken, Pharmacy Benefit Manager (PBMs), Versicherungsunternehmen und Großhändler können sich mittlerweile zusammenschließen, um ihre Verhandlungsmacht zu stärken. Außerdem stehen indische Pharmaunternehmen mit US-Geschäft unter einem verschärften Preisdruck. Allerdings geht es der globalen Generikaindustrie in diesem Punkt nicht anders.

BaS: Welche Bereiche trifft die Dynamik denn am meisten?

Marcotte: Besonders betroffen sind oral verabreichte Wirkstoffe mit erloschenem Patentschutz. Sie erleben eine Preisdeflation, die man sicherlich als historisch bezeichnen kann. Hinzu kommt ein ohnehin angespanntes regulatorisches Umfeld, da mehrere namhafte indische Produzenten gegen die aktuellen Vorgaben der FDA für die Herstellung von Arzneimittel, die so genannten „Good Manufacturing Practices“ (GMP), verstoßen haben.

BaS: Das klingt nach Ärger…

Marcotte: Ja, das hat in der Tat die Stimmung ordentlich getrübt. Und die kartellrechtlichen Untersuchungen des Justizministeriums wegen geheimer Preisabsprachen haben die Lage noch zusätzlich verschärft. Doch die Firmen haben ihre Lektion gelernt und arbeiten intensiv an Lösungen. Was wir an Ergebnissen sehen, ist ermutigend.

BaS: Was raten Sie Investoren?

Marcotte: Wer in die indische Healthcare-Industrie investieren möchte, sollte sich auf Namen konzentrieren, die sich an die neuen strukturellen Bedingungen angepasst haben. Lupin beispielsweise hat massiv in die firmeneigene Pipeline investiert und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von 7 Prozent des Umsatzes 2012 auf 13,5 Prozent im laufenden Jahr gesteigert. Auch Sun Pharma hat mehrere Übernahmen und Einlizenzierungen abgeschlossen und dadurch seine Produktpipeline gestärkt. Das Unternehmen hat nach und nach die globalen Rechte für den Phase-3-Antikörper Tildrakizumab von Merck sowie für das japanische Markenportfolio und das zugelassene Krebsmedikament Odomzo von Novartis erworben. Andere Marktakteure wie Aurobindo setzen auf ihre Kernkompetenz im Generikageschäft und positionieren sich als Allroundanbieter, halten ihre Produktkonzentration also so gering wie möglich.

BaS: Wie bewerten Sie das Potenzial des heimischen Marktes?

Marcotte: Der heimische Gesundheitsmarkt Indiens indes ist attraktiv, steht jedoch an einem Scheideweg. Einerseits hat die indische Regierung dafür gesorgt, Arzneimittel bezahlbar und zugänglich zu machen und auch deren Qualität verbessert. Viele Krankheiten hat man dadurch in den Griff bekommen und die Lebenserwartung der Menschen gesteigert. Die meisten Inder bezahlen Medikamente aus eigener Tasche, wobei das Arzneimittelvolumen dank starker Fundamentaldaten sehr groß ist. Auf der anderen Seite sind die Gesundheitsausgaben Indiens im Vergleich zu denen anderer Schwellenländer und Industrienationen immer noch relativ niedrig.

Zudem arbeitet die Regierung angeblich an Bestimmungen, die Ärzte dazu zwingen sollen, statt Markenmedikamenten Generika zu verschreiben. Wie dieser Plan umgesetzt werden soll, ist jedoch unklar und zumindest auf absehbare Zeit kaum praktikabel. Denn dazu müsste erstmal geklärt werden, wie man die Arzneimittelqualität gewährleisten will. Anmerken möchte ich außerdem, dass die Geldentwertung und die bevorstehende Einführung der Güter- und Dienstleistungssteuer (GST) die Absatzmuster in Indien verzerren könnten, wenn auch nur vorübergehend.

BaS: Das klingt nach einigen Unwägbarkeiten. Daher die Frage: Investieren – ja oder nein?

Marcotte: Ich drücke es mal so aus: Wer hier investiert, muss erstens Gegenwind abhaben können und zweitens Geduld mitbringen. Wir sind jedoch überzeugt davon, dass Healthcare in Indien ein zunehmend interessantes Investmentthema wird, nicht zuletzt aufgrund der aktuell niedrigen Bewertungen. Die in Gang gesetzte Dynamik hat Potential. Die Nachfrage nach Generika wird weltweit weiter zunehmen, da sie dazu beitragen, die Gesundheitssysteme finanziell zu entlasten. Das traditionelle indische Generikageschäft entwickelt sich hin zu diversifizierten chancenreichen Modellen. Indische Pharmaunternehmen dürften sich deshalb in nächster Zeit noch in einer Art Übergangsphase befinden. Doch wenn die neuen Strategien Früchte tragen, birgt das einiges an Renditepotential.

BaS: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Marcotte!

Marc-André Marcotte ist Head of Research bei Sectoral Asset Management.

31.07.2017 | 18:55

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