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St. Nikolaus: christlicher Held, Kinderfreund, Konsumtreiber

Meist hatte er einst einen blauen Mantel: St. Nikolaus (Bild: gemeinfrei)

Heute kümmert sich Nikolaus, bewusst in Blau gekleidet, um Kinder, die an Weihnachten Vater oder Mutter vermissen. (Bild: Blauer-Weihnachtsmann.de)


Am Vorabend des Nikolaustages stellen die Kinder ihre Schuhe vor die Tür. Sie hoffen auf Geschenke, was die Einzelhändler und Spielzeughersteller sehr freut. Dem schönen Brauch liegen dabei uralte Legenden zugrunde. Ganz real ist, dass der heilige Nikolaus in seinem ursprünglichen Kulturkreis einen blauen Mantel trägt. Dass er einen Migrationshintergrund hat, wie man heute wohl sagen würde. Und dass sich heutzutage Menschen mit einem sehr ernsten Anliegen dieser mythologischen Gestalt bedienen.

Nikolaus von Myra dessen altgriechischer Νικόλαος Μυριώτης geschrieben wird, wurde 270 und 286 in Patara geboren. Er starb an einem 6. Dezember, mehrere Jahre kommen dafür infrage. Nikolaus ist einer der bekanntesten Heiligen sowohl der Ostkirchen als auch der lateinischen Kirche. Sein Todestag ist sein Gedenktag, und den 6. Dezember kennt jedes Kind als seinen Tag. Nikolaus wirkte in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts als Bischof von Myra in der kleinasiatischen Region Lykien, damals Teil des römischen, später des byzantinischen Reichs.

Damals trugen Bischöfe in jenem Gebiet, dem griechischen Ionien, einen blauen Mantel, ganz der Tradition der persischen Könige folgend, deren Habit aus einem bodenlangen blauen Mantel und einem spitzen Hut bestand. Noch heute tragen übrigens die Bischöfe der syrischen Kirche diese Mäntel nach persischem Zuschnitt. Myra aber liegt in der Türkei, deren Staatsreligion und nationale Grundlage der Islam ist, was bedeutet, dass die christliche Tradition des heiligen Nikolaus an ihrem Ursprungsort, der heute Demre heißt, unterdrückt wird. Archäologisch ist die St.-Nikolaus-Kirche in Demre indes recht gut erforscht, und Blau ist die ursprüngliche Farbe des Heiligen, soweit es heute nachvollziehbar ist.

Bis in 19. Jahrhundert wurde St. Nikolaus gelegentlich auch anstatt in Blau als in Fell gekleidet dargestellt. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben verarbeitete 1835 die Figur des Weihnachtsmanns in seinem Lied „Morgen kommt der Weihnachtsmann“. Die erste Darstellung des Hl. Nikolaus im von Heinrich Hoffmann verfassten Kinderbuch Struwwelpeter von 1844 kam dem heutigen Bild des Weihnachtsmannes ziemlich nahe, denn Hoffmann verpasste ihm ein rotes Gewand. Denn in vielen kirchlichen Darstellungen des europäischen Mittelalters ist St. Nikolaus in Rot gekleidet. Diese Farbe war damals nicht so rar wie das Blau. Blaue Farbpigmante, die sich zu blauer Farbe mischen ließen, waren extrem teuer, weil sie in der Natur selten vorkommen. Der blaue Mantel war damals Maria vorbehalten. Nikolaus verschmolz im europäischen Mittelalter, immer öfter in rotem Mantel dargestellt, zunehmend mit seinem Begleiter und Gehilfen Knecht Ruprecht, auch Krampus genannt, übernahm dessen Stiefel, den Sack und die Rute, behielt jedoch den Mantel und den zunehmend modifizierten Bischofshut.

In Nordamerika, wohin die Einwanderer die Nikolausbräuche brachten, wurde dem heiligen Mann zunehmend eine Kleidung angedichtet, die den harten nordamerikanischen Wintern angepasst war. Außerdem wurde das Rot aus Europa übernommen, das ionisch-griechische Blau trat in den Hintergrund. Das nordamerikanisch geprägte Nikolaus-Bild wurde von dem aus Schweden stammenden Grafiker und Cartoonisten Haddon Sundblom aufgegriffen, als er 1931 von der Coca Cola Company den Auftrag erhielt, für eine Werbekampagne den Weihnachtsmann zu zeichnen. So kam der Nikolaus zu seiner heute vorherrschenden rot-weißen Kleidung. Der Coca Cola Company aber ist damit ein fast unvergleichlicher PR-Coup gelungen.

Doch es gibt ihn auch heute noch, den traditionellen, blaugekleideten Nikolaus. Mit Schlitten und Geschenken geht er am Heiligen Abend durch so manche deutsche Stadt. Auf Blauer-Weihnachtsmann.de steht zu lesen, warum: „Nicht allen Kindern wird es dieses Jahr möglich sein, Weihnachten mit beiden Eltern zu feiern. Manchmal sind es die Väter, die sich nicht kümmern. Aber häufig sind es die Mütter, die den Kontakt behindern oder gar verweigern.“ Und so wurde aus dem rotgekleideten Nikolaus ein Blauer Nikolaus: immer dann, wenn die Kinder einen Elternteil am Weihnachtsfest nicht sehen können. Der Nikolaus in der Traditionsfarbe beschenkt speziell Kinder, die gerade an diesem Tag traurig sind. Der Verein sieht seine Vision so: „Die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben der Geschlechter ist eine Gesellschaft, in der Männer und Frauen wirklich gleich gestellt sind, in welcher sie gleiche Rechte und Pflichten haben.“ Was für ein gutes Motto für den Nikolausabend. sig

05.12.2016 | 19:33

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