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Kurzfristige Aktienskepsis und Gold-Comeback

Dirk Heß (Bild: Citigroup)

(Bild: Degussa)


Ist am Aktienmarkt kurzfristig vielleicht schon die Luft raus? Darauf deutet zumindest die Stimmung der Anleger hin, die für die aktuelle Erhebung des Citi-Investmentbarometers befragt wurden. Offenbar lassen die jüngsten Index-Rekordstände die Akteure vorsichtiger werden.

Von Dirk Heß

Noch nicht einmal jeder Dritte (32 Prozent) der befragten Teilnehmer geht davon aus, dass die Kurse europäischer Aktien in den kommenden drei Monaten steigen werden. Im Quartal zuvor hatten noch über 38 Prozent mit steigenden Aktiennotierungen gerechnet. Momentan erwartet fast jeder Zweite (48 Prozent) seitwärts laufende Kurse. Dass Anleger trotz der jüngsten Kursrekorde vorsichtiger agieren, mag auf den ersten Blick widersprüchlich wirken. Es ist aber an der Börse ein altbekanntes Verhaltensmuster, das aufzeigt, dass Anleger kurzfristig mit Kurskorrekturen rechnen. Mittelfristig sind die Umfrageteilnehmer mit Blick auf europäische Aktien wesentlich optimistischer: Aktuell glauben über 60 Prozent, dass die Aktienkurse in den nächsten zwölf Monaten zulegen werden. Vor drei Monaten hatten dies lediglich 53 Prozent erwartet.

Im Gegensatz zu ihrer Einstellung bezüglich der europäischen Aktienmärkte äußern sich die Teilnehmer des Citi-Investmentbarometers im Hinblick auf Gold deutlich optimistischer als noch im Vorquartal: Derzeit glaubt knapp die Hälfte (47 Prozent) daran, dass der Preis des gelben Metalls in den nächsten drei Monaten steigt. Bei der vorherigen Erhebung aus dem ersten Quartal 2017 gingen nur über 41 Prozent davon aus. Auf Zwölf-Monatssicht erwarten derzeit sogar über 50 Prozent, dass der Goldwert zulegt.

Der Gold-Optimismus passt zum aktuellen Zins-Pessimismus der Anleger: Noch nicht einmal jeder Fünfte (16 Prozent) glaubt daran, dass die Europäische Zentralbank (EZB) in den kommenden drei Monaten die Zinsschraube anzieht. Im Vorquartal rechneten immerhin noch 26 Prozent mit auf Drei-Monatssicht steigenden Zinsen in Europa. Die große Mehrheit (79 Prozent) erwartet für diesen Zeitraum jedoch keine Veränderungen des Zinsniveaus. Auch mittelfristig gehen mit 55 Prozent die meisten Umfrageteilnehmer von einer Seitwärtsbewegung europäischer Zinsen aus.

Diese erneute Eintrübung der Zinserwartungen passt gut zur neu erwachten Zuversicht bei Gold. Denn solange der Zinsmarkt keine nennenswerten Renditen bietet, ist auch Gold als Investment attraktiv – zumal das Edelmetall auch als Krisenwährung gilt. Dass Goldinvestments keine Zinsen einbringen, ist in diesem Fall kein Nachteil. Das gelbe Metall verliert erst im Fall nachhaltig steigender Zinsen an Attraktivität gegenüber festverzinslichen Wertpapieren.

Angesichts der zuletzt gesunkenen Ölpreise scheinen die Marktteilnehmer dem Rohstoff auch künftig nicht allzu viel zuzutrauen. Nur etwa jeder Vierte (26 Prozent) glaubt, dass sich die Rohölkurse in den nächsten drei Monaten erholen und ansteigen. Dagegen rechnen 44 Prozent kurzfristig mit seitwärts laufenden und über 29 Prozent mit fallenden Ölpreisen. Zum Vergleich: Im Vorquartal waren über 28 Prozent von steigenden Kursen ausgegangen und Ende 2016 hatten sogar mehr als 57 Prozent mit einer Aufwärtsbewegung der Ölpreise gerechnet.

Die Erwartungen der Anleger zu den verschiedenen Anlageklassen spiegeln sich auch im Gesamt-Sentiment wider, das die Einschätzungen von Aktien, Öl, Zinssatz und Gold aggregiert und Werte von -100 bis +100 Punkten einnehmen kann: Im zweiten Quartal 2017 liegt es nun bei +25 Zählern. Verglichen mit dem Vorquartal hat es nur einen Punkt eingebüßt und verharrt damit weiterhin auf einem deutlich niedrigeren Niveau als noch Ende 2016 (+36 Punkte).

Dirk Heß ist Finanzexperte der Citigroup.

12.07.2017 | 23:55

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