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Synthetische Treibstoffe: Verbrennungsmotor vor Renaissance?

Hier müssen keine fossilen Rohstoffe durch die Rohre laufen: es geht auch regenrativ! (Bild: Fotolia / industrieblick)


Manipulationsobjekt, Umweltkiller, Auslaufmodell. In Zeiten von Klimawandel und Dieselgate ist der traditionsreiche Verbrennungsmotor in etwa so beliebt wie Martin Schulz bei der vergangenen Bundestagswahl. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die emporschreitende Elektromobilität Diesel- und Benzinmotoren den Todesstoß versetzt. Dabei gibt es ein in der öffentlichen Diskussion nahezu ignoriertes und weitgehend unbekanntes „Wundermittel“, einen Hoffnungsträger für den Verbrennungsmotor: Synthetische Kraftstoffe.

Als Cem Özdemir in der Funktion des Grünen-Spitzenkandidaten Ende August forderte, die neue Bundesregierung müsse „den Einstieg in den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor" beschließen, ging ein Raunen durch die politische Landschaft der Bundesrepublik Deutschland. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel zustimmende Worte fand und den Abschied vom Verbrennungsmotor generell als „richtigen Ansatz“ einstufte, schloss CSU-Chef Horst Seehofer daraufhin eine Koalition mit den Grünen kurzerhand nahezu kategorisch aus. Auch die FDP tat den Vorstoß Özdemirs als „Unsinn“ ab. Nur wenige Woche später war der Tenor aus dem Lager der Grünen im Vorlauf zu den Sondierungsgesprächen über eine Jamaika-Koalition dann plötzlich ein ganz anderer. „Die Forderung der Grünen nach einem Verbrennungsmotor-Verbot 2030 gibt es nicht", so Oliver Krischer, Stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen-Bundestagsfraktion. Diese Aussage klänge zunächst nach einer krassen politischen Kehrwende der Grünen in der Verkehrspolitik, würde Kirschner nicht noch folgendes hinzufügen: „Autos sollen dann emissionsfrei fahren. Das ist ein feiner Unterschied.“

Worin aber liegt dieser „feine Unterschied“? Emissionsfrei und Verbrennungsmotoren scheinen – das haben die Menschen in diesem Land medial über Jahre hinweg hinreichend eingetrichtert bekommen – doch zwei absolut konträre und unvereinbare Begrifflichkeiten. Dem aber ist nicht so. Nur redet erstaunlicherweise kaum jemand darüber. Tatsächlich jedoch können synthetische Kraftstoffe – auch unter dem Namen Synfuels oder E-Fuel bekannt oder besser gesagt unbekannt – aktuelle Verbrennungsmotoren betreiben, ohne das Klima zu schädigen. Sie sind CO2 neutral und werden aus regenerativ erzeugtem Strom hergestellt. Bei der Herstellung von synthetischen Kraftstoffen wird so viel CO2 aus der Atmosphäre beziehungsweise der Biosphäre entnommen wie später bei der Verbrennung freigesetzt wird.

„Mit Hilfe von Elektrolyse kann man Strom in Wasserstoff umwandeln und durch Zugabe von CO2 Kraftstoffe erzeugen", erklärt Stefan Pischinger vom Lehrstuhl für Verbrennungskraftmaschinen an der RWTH Aachen den Vorgang, bei dem Gas oder flüssiger Kraftstoff hergestellt werden kann. „Flüssige Kraftstoffe sind das Optimum, weil sie eine sehr hohe Energiedichte haben. Außerdem kann man die gut lagern und transportieren - es gibt schon das Netz und auch die entsprechende Motorentechnik", so Jakob Burger von der TU Kaiserslautern.

„Power-To-X“ wird die Methode zur Herstellung von synthetischen Kraftstoffen genannt. Und obwohl sie als Hoffnungsträger für den Verbrennungsmotor gilt, fehlt es ihr an Unterstützung und Lobby. „Man muss das politisch fördern, damit die synthetischen Kraftstoffe sich lohnen - durch entsprechende Prämien oder Strafen für fossile Kraftstoffe", fordert Burger. Auch die Dresdner Firma Sunfire, die Flüssigkraftstoffe herstellt und aktuell zusammen mit Audi am e-Diesel bastelt, appelliert an die Politik, die zu hohe Steuern und Abgaben erhebt: „Solange sich diese Rahmenbedingungen nicht verbessern, werden Investoren vorsichtig bleiben". In der Tat agiert die Automobilindustrie äußerst zurückhaltend und favorisiert ein Investment in die Schwerpunkte E-Mobilität, autonomes Fahren und Digitalisierung. Zudem wird viel Geld in die Hand genommen, um den angezählten Diesel etwa durch Abgasrückführungen und Harnstoffeinspritzungen zu verbessern. Der finanzielle Aufwand, der für die Nachrüstungen betrieben wird, ist groß. Fraglich, ob es nicht sinnvoller wäre, in E-Fuel zu investieren. Denn schon heute würden etwa 80 Prozent aller zugelassenen Dieselautos die Abgashürde durch synthetisch betriebene Kraftstoffe überwinden können.

Doch offensichtlich muss der Stein von der Politik erst einmal ins Rollen gebracht werden. Und diese zeigt sich nach der Wasserstoff-Pleite und der noch zu stemmenden Elektro-Ladeinfrastruktur derzeit nicht bereit, neue Projekte signifikant zu fördern. Möglicherweise sieht sie durch die aktuell sehr hohen Herstellkosten, den derzeit zu geringen Ertrag und die noch deutlich steigerungswürdige Skalierbarkeit der synthetischen Kraftstoffe zu viele Risiken für die konsequente finanzielle Förderung. Allerdings hat das Umweltbundesamt schon die Wichtigkeit der Thematik erkannt „Stromgenerierten Kraftstoffen kommt eine besondere Bedeutung zu", heißt es in einer Studie zu den Zukunftschancen von E-Fuel. Rückt das Thema jetzt als nächstes in den Fokus der Bundesregierung? Es wäre wünschenswert. Wim Weimer

14.10.2017 | 18:50

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