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Das gefährliche Spiel mit dem Bitcoin

(Bild: Fotolia / Wit)


Beinahe unaufhaltsam steigt der Bitcoin von Rekord zu Rekord. Weit über 10.000 US-Dollar ist eine dieser Computerberechnungen inzwischen wert, allein 2017 hat sich der Kurs mehr als verzehnfacht. Eine Forschungsstudie der Royal Society gibt nun allerdings Anlass zur Sorge. Technologisch heißt es dort, sei der Bitcoin inzwischen von vielen Wettbewerbern überholt worden. Das könnte ein böses Erwachen geben.

11.000 US-Dollar oder 10.000 Euro für einen Bitcoin! Dass dieses Ziel schon bald erreicht wird, erscheint nicht unwahrscheinlich, werden durch die diesjährige Erfolgsgeschichte doch immer mehr Anleger aufmerksam auf das Computer-Gold. Und damit auch immer mehr traditionelle Investoren, die den Bitcoin und andere Kryptowährungen inzwischen als eine neuartige Asset-Klasse entdeckt hätten, wie Professor Philipp Sandner von der Frankfurt School of Finance gegenüber dem Handelsblatt betonte. Goldman-Sachs Chef Lloyd Blankfein äußerte sich kürzlich so: Er möge den Bitcoin zwar nicht, aber er könnte durchaus die nächste Entwicklungsstufe des Geldes darstellen. Und auch MorganStanley-CEO James Gorman sieht im Bitcoin „mehr als eine Masche“ und ein durchaus „sehr interessantes Konzept“.

Die Probleme des Bitcoin aber sind nicht von der Hand zu weisen. Die Schwankungen der Digitalwährung sind so groß, dass man sie derzeit nur schwer als echte Währungsalternative ernst nehmen kann. Zu Beginn der Woche war ihr Wert innerhalb von zwei Stunden um sechs Prozent in die Tiefe gerauscht. Grund war ein Hackerangriff auf die Konkurrenzwährung Tether, durch den 26 Millionen Euro verloren gingen. Das ließ natürlich auch bei Bitcoin-Anlegern die Alarmglocken schrillen. Es dauerte allerdings nicht lange, da hatte sich der Kurs bereits wieder erholt.

Zu heiß für die meisten Anleger

Innerhalb kürzester Zeit verliert und gewinnt der Bitcoin also hunderte Euro an Wert. Das macht die Währung zu einem gefährlichen Investment. Zudem drohen Bitcoins bald ihren unregulierten Rahmen zu verlieren. So hat China inzwischen Handelsblattformen für Digitalwährungen verboten, Russland den Zugang zu Internetseiten eingeschränkt und die EZB denkt über Regulierungen in der Eurozone nach. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege bei der Deutschen Bank warnt deshalb eindringlich: „Ich würde es (die Investition in den Bitcoin, Anm. d. Red.) dem normalen Anleger schlichtweg nicht empfehlen.“ Neu ist all das nicht. Der interessierte Marktbeobachter dürfte die Risiken kennen. Und dennoch war der Bitcoin 2017 wohl eines der lohnendsten Investments der Welt.

Sehr neu dagegen ist eine Forschungsstudie von der Royal Society, die für Aufregung sorgen könnte, da sie nicht die Cyber-Divisen selbst kritisiert, sondern vielmehr den Bitcoin als möglicherweise überbewerteten Vorreiter. Über vier Jahre, vom 28. April 2013 bis zum 13. Mai 2017, haben die Briten das Verhalten von 600 aktiven und insgesamt 1.469 Kryptowährungen untersucht und sind zu dem Schluss gekommen: Der Marktanteil des Bitcoin geht zurück. Und das während sich die Marktkapitalisierung aller Digitalwährungen zusammen allein zwischen Mai 2016 und 2017 vervierfacht hat. Die derzeit auf den Bitcoin folgenden fünf wertvollsten Kryptowährungen weisen zudem eine exponentiell steigende Marktkapitalisierung auf. Gemeint sind unter anderem Ethereum, Ripple oder Litecoin. Gemeinsam machen sie zwanzig Prozent des gesamten digitalen Währungsmarktes aus. Der Bitcoin ist also längst nicht mehr alleine und sieht sich mit starker Konkurrenz konfrontiert, die zum Teil sogar mit einer neueren und besseren Technologie aufwarten kann. Wobei die Studie im Allgemeinen festhält, dass es keine Kryptowährung gibt, die dem Rest technologisch klar überlegen ist.

Ohnehin herrscht auf dem digitalen Währungsmarkt nach wie vor Chaos. Ungefähr sieben neue Kryptowährungen kämen pro Woche neu auf den Markt, heißt es in der Royal Society-Studie. Und genauso viele würden gleichzeitig wieder verschwinden. Zudem seien die Plätze zwei bis sechs im Bedeutungsranking der Währungen – Bitcoin lag bisher unangefochten immer auf Platz eins – schon von 33 verschiedenen Anbietern mit einer durchschnittlichen Lebenszeit von 12,6 Wochen eingenommen worden.

Die große Gefahr

Aber zurück zum Bitcoin: Auf Basis der in der Studie angewandten Modelle rechnen die Royal-Society-Forscher in Zukunft weiter mit großen Kurschwankungen und halten eine Werthalbierung bis 2025 für möglich. Der Bitcoin beherrsche zwar derzeit den Markt, doch aufgrund technologischer Bedenken und der Aufholjagd der Konkurrenz werde seine führende Position zunehmend in Frage gestellt, glauben die Wissenschaftler. Ihr Konsens: Der Bitcoin wird nicht wegen seiner Technologie und damit einhergehend seiner überlegenen Blockchain so viel öfter gekauft als die digitalen Münzen der Konkurrenz, sondern aufgrund seines Marktanteils und dem Fakt, dass er die erste Kryptowährung auf dem Markt war. Das habe ihn berühmt und dominant gemacht.

Kommt also der Bitcoin-Preisverfall? Platzt schon bald eine gewaltige Blase? Vielleicht, ja. Schließlich ist die Überbewertung, der der Bitcoin unterliegt, klar erkennbar und nicht wegzudiskutieren. Andererseits sind auch viele Unternehmen an der Börse im Vergleich mit ihrer aktuellen Performance in der Realwirtschaft klar überbewertet. Viele amerikanische Tech-Werte wie Snapchat, Tesla oder Amazon sind hierfür vielleicht das klarste Beispiel. Deshalb steigen ihre Kurse aber mehrheitlich trotzdem in die Höhe, da Anleger auf eine erfolgreiche Zukunft wetten. Und genau um diese Wette auf die Zukunft geht es auch beim Bitcoin.
So scheint alles möglich. Die Blase könnte platzen, ja. Vielleicht ist ein Bitcoin aber auch bald weit über 11.000 US-Dollar wert. Die Digitalwährung muss sich nur weiter gut selbst verkaufen können. Sollte es aber tatsächlich zu einem Preisverfall kommen, können spekulationsfreudige Anleger seit kurzem sogar mit einem sogenannten Short-Zertifikat der Schweizer Institute Vontobel und Lenteq davon profitieren. Ein gefährliches Spiel – das dürfte klar sein – bleibt es derweil allemal.

Hier kommen Sie zur vollständigen Studie der Royal Society.

29.11.2017 | 13:33

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