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Deutsche Automobilbranche vor Herausforderungen

Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)

(Bild: Fotolia / Anekoho)


Mehr als 200 Mitarbeiter der führenden Autohersteller sollen in über 60 Arbeitskreisen zahlreiche Themen miteinander abgestimmt haben – von der Technik über Kosten und Preise bis hin zur umstrittenen Abgasregelung. Sollten sich die Kartellvorwürfe bestätigen, könnten den Autoherstellern neben einem weiteren Glaubwürdigkeitsverlust hohe Strafzahlungen drohen. Was müssen Anleger jetzt beachten?

Von Ulrich Stephan

Die deutschen Automobilhersteller kommen nicht zur Ruhe: Neben den anhaltenden Schlagzeilen rund um manipulierte Abgaswerte bei Dieselmotoren sieht sich die Branche zudem mit Kartellvorwürfen konfrontiert. Bereits seit den 1990er-Jahren sollen die großen deutschen Autobauer mit geheimen Absprachen den Wettbewerb ausgehebelt haben – was Medienberichten zufolge eine Selbstanzeige von zwei Kartellteilnehmern bei den EU-Wettbewerbsbehörden belegt. Mehr als 200 Mitarbeiter der führenden Autohersteller sollen in über 60 Arbeitskreisen zahlreiche Themen miteinander abgestimmt haben – von der Technik über Kosten und Preise bis hin zur umstrittenen Abgasregelung.

Sollten sich die Kartellvorwürfe bestätigen, könnten den Autoherstellern neben einem weiteren Glaubwürdigkeitsverlust hohe Strafzahlungen drohen. Die Deutsche Bank hält Strafen in Höhe von insgesamt rund 44 Milliarden Euro für möglich. Das wären bis zu 10 Prozent der weltweiten Umsätze des vergangenen Jahres. Wie schwer die Vorwürfe wiegen, lässt sich auch an der jüngsten Aktienkursentwicklung des Automobilsektors ablesen. So hat der europäische Automobil- und Zulieferer-Index Stoxx Europe 600 Automobiles & Parts seit Bekanntwerden der Vorwürfe am 14. Juli 2017 rund fünf Prozent verloren. Auch das aktuelle Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der Gewinnerwartungen für die kommenden 12 Monate ist mit 7,6 verhältnismäßig niedrig – der Durchschnitt der letzten fünf Jahre liegt zum Vergleich bei rund neun.

Die Kartellvorwürfe und möglichen Strafzahlungen treffen die deutschen Autobauer zur Unzeit – sieht sich die Branche doch ohnehin mit enormen Herausforderungen konfrontiert. Denn die Mobilität befindet sich weltweit in einem Wandel, der sich in den kommenden Jahren weiter beschleunigen könnte. So ist fraglich, wie lange der Verbrennungsmotor überhaupt noch als Geschäftsmodell trägt – erwächst ihm doch zunehmend Konkurrenz durch alternativ betriebene Fahrzeuge. Großbritannien beispielsweise plant ein Verkaufsverbot von Diesel-, Benzin- und sogar Hybridautos ab dem Jahr 2040. Auch andere Staaten wie Frankreich planen ähnliche Regelungen. Neben alternativen Antriebstechniken wie Elektro- oder Wasserstoffmobilität muss sich die Autoindustrie außerdem zunehmend mit neuen Trends wie Carsharing auseinandersetzen. Die Aufarbeitung der Kartellaffäre könnte nun personelle und finanzielle Ressourcen binden, die eigentlich für das Angehen dieser Herausforderungen nötig wären.

Die Unsicherheit bezüglich der deutschen Autoindustrie ist aktuell also hoch – woran auch der „Dieselgipfel“ von Vertretern der Politik und der Autohersteller am 2. August 2017 nichts ändern konnte. Die Teilnehmer konnten sich lediglich auf ein Softwareupdate für verschiedene Modelle einigen, um den Schadstoffausstoß zu verringern. Außerdem sollen die Hersteller Anreize für den Kauf neuer, umweltfreundlicherer Dieselmodelle schaffen. Wie es langfristig mit dem Diesel in Deutschland weitergeht, ist jedoch nach wie vor fraglich – und vor der Bundestagswahl dürften hier seitens der Politik kaum neue Impulse zu erwarten sein.

Trotz der Herausforderungen, denen die deutsche Autoindustrie aktuell gegenübersteht, trifft es sie in einer Zeit, in der sie aus betriebswirtschaftlicher Sicht sehr gut positioniert ist und hohe Erträge erwirtschaftet. So sind beispielsweise die Gewinnerwartungen der Analysten für die Branche im aktuellen und im kommenden Jahr nach wie vor positiv. Dies sollte es den Unternehmen auch erleichtern, zukünftig eher steigende Kosten tragen zu können. Denn die gesamte Automobilindustrie muss sich den aktuellen ökologischen Anforderungen und der Frage nach der Verlässlichkeit stellen, um Lösungen für die Zukunft zu finden. Die Deutsche Bank steht der deutschen Automobilindustrie aktuell neutral gegenüber. Die gute Nachricht für Anleger lautet: Eine Ansteckungsgefahr für Aktienkurse außerhalb der Automobil- und Zuliefererindustrie ist derzeit eher nicht zu erwarten.

Dr. Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

11.08.2017 | 14:44

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