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„Die Finanzwelt läuft Gefahr, drängende Probleme zu ignorieren!“

Auf der großen Bühne des Ludwig-Erhard-Gipfels: Grashoff (links) und Gastgeber Wolfram Weimer (gegenüber; Bild: Hofmann / WMG)


„Wir haben in Europa Kredite in Höhe von 800 Milliarden Euro, die derzeit nicht bedient werden können. Allein in Italien sind es zwischen 300 und 350 Milliarden Euro“, warnte Gerald Grasshoff, Senior Partner & Managing Director von Boston Consulting in Frankfurt, auf dem Ludwig-Erhard-Gipfel vor zu viel Finanzmarktoptimismus.

Die Finanzwelt läuft Gefahr die offensichtlichen Liquiditätsprobleme zu ignorieren, davon ist Grashoff überzeugt. Stattdessen müsse vermehrt Fragen gestellt werden, ob die EU eigentlich noch handlungsfähig sei. Denn das Bündnis drohe immer mehr auseinanderzudriften, wie Grasshoff konstatierte. Er fragt klipp und klar: „Wo ist der Mehrwert?

Skeptisch äußerte sich Grashoff auch gegenüber der oft hochgepriesenen Tech-Branche. Die Digitalisierung werde auch deshalb so überdurchschnittlich stark befeuert, weil mit ihr in Verbindung stehenden Unternehmen so gerne finanziert werden. Hier seien aber auch Unternehmen dabei, die einen schlechten oder überhaupt keinen Business-Plan aufwiesen. Das bedeutet: Auch in dieser Branche ist nicht alles Gold, was glänzt.

Finanzmärkte 2018 – Quo vadis?

Auch in diesem Jahr dürfte die Aktienrallye weitergehen. Das erstaunt, denn die Risiken sind nicht verschwunden. Experten von Banken und Vermögensverwaltern diskutierten im Rahmen des Ludwig-Erhard-Gipfels die Trends, die Chancen und die Risiken an den Finanzmärkten. Er sei mit Blick auf die Entwicklungen am Aktienmarkt nicht mehr so euphorisch wie noch vor zwei Jahren, eröffnete Bernhard Brinker, Bereichsvorstand und Privat-Banking-Verantwortlicher der Hypo-Vereinsbank, die Diskussionsrunde. Allerdings seien die Gewinne vieler Unternehmen weiter hoch und die Statistik zeige, dass „vor allem auch die späten Zyklen am Kapitalmarkt gute Zyklen waren.“

Geht es nach Brinker, bleibt die Aktie also wohl auch 2018 ein lohnendes Investment. Martin Mihalovits, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Miesbach-Tegernsee, stimmte ihm zu. „Sie verlieren jeden Tag Geld.“, sagte er in Bezug auf die vor allem bei deutschen Privatanlegern immer noch weit verbreitete Zurückhaltung in Sachen Wertpapier. Wir sind Kreisliga, was die Anlage in Aktien anbelangt“, warnte auch Peter Scharl, Vorstand der BlackRock Asset Management Deutschland AG, vor zu viel Angst vor dem Risiko. Auch er sieht weiter „einen synchronisierten Aufschwung über alle Regionen hinweg.“

Anleger sollten auf die Krisenherde dieser Welt ein Auge werfen

So einig sich die Experten in ihren positiven Ausblicken auch waren, sie warnten auch vor zu viel Zuversicht. Marcus Vitt, Sprecher des Vorstands der Privatbank Donner & Reuschel sieht den Aktienmarkt 2018 prinzipiell weiter auf Klettertour. „Aktien bleiben weiterhin eine Top-Anlage.“, sagte er. Anleger sollten sich aber vermehrt trauen die traditionellen Pfade zu verlassen und außerhalb Europas und den USA zu investieren. Chancen auf hohe Renditen sieht er unter anderem in den Indizes der Schwellenländer, denn: „Wir müssen uns an mehr Schwankungen gewöhnen.“

Dass auf ein Rekordjahr 2017 also auch ein Rekordjahr 2018 folgt, erscheint nach Meinung des Experten gut möglich. US-Steuerreform und wohl auch durch Digitalisierung und damit einhergehenden Produktivitätssteigerungen weiter anziehende Unternehmensgewinne dürften die Indizes weltweit stützen. Derweil bedrohen die hoch verschuldeten Banken Italiens, die europäische Schuldenkrise im Allgemeinen und geopolitische Risiken die Stabilität. Ohne Risiko wird es am Aktienmarkt also auch 2018 nicht gehen. Dafür aber winken ja auch die Chancen auf hohe Renditen, sollte die internationale Aktienrallye weiter Bestand haben.

23.01.2018 | 18:03

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