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Die Un-Unternehmer – die neue Unselbständigkeit

Sicherheit und kleines Karo: 1997 war das noch anders! (Bild: Fotolia / sp4764)


30 Prozent der Abiturienten streben derzeit eine Beamtentätigkeit als Berufsziel an. Als ich 1997 meine Matura machte, sah das anders aus. Die New Economy galt als Verheißung, Spaßgesellschaft anstatt Sicherheit, ein müdes Abwinken mit den Worten „Lehramtskandidaten braucht niemand!“ Zu diesem Zeitgeist passten die Agenda 2010 und ihre Verkörperungen Gerhard Schröder, Hans-Olaf Henkel, Horst Köhler und Guido Westerwelle. Diese Haltung stand nicht nur für Zukunftsoptimismus, sondern auch das Credo, es besser selbst in die Hand zu nehmen statt es anderen zu überlassen. Doch das war einmal.

Von Hans-Martin Esser

Heute sieht das anders aus: kaum Volljährige machen Abitur und wechseln von der Gesamtschule oder vom nach Kräften entkernten Gymnasium, wo das Sitzenbleiben quasi abgeschafft wurde, direkt ins Bachelor-Studium. Dort werden sie umhegt von Tutoren; Professoren werden auf die Unselbständigen eingeschworen, Vorlesungen sind möglichst zu verschulen, Prüfungen vorhersehbar zu machen. In Köln, Heidelberg und anderen Städten gibt es für gutbetuchte Eltern die Option, die lieben Kleinen in Condominiums wohnen zu lassen, betreutes Wohnen mit Concierge – alles inklusive.

Blicken wir der Wahrheit ins Auge: „Generation unselbständig“ – das sind unsere Leistungsträger von morgen. Ihr verschulter Lehrplan führt planmäßig, un-unternehmerisch sozusagen, zum Bachelor und dann geht es ins Rathaus, in die Bauverwaltung, ins Umweltamt, idealerweise bis zur Pensionierung. „Sichern Sie sich…“ und alles, was irgendwie mit Sicherheit zu tun hat, ist ein fast unschlagbares Kaufargument. Nicht der Spaß zählt, sondern die Angst. Absicherung des Status quo als beste Möglichkeit, das Leben unfallfrei herumzubringen.

Geschäftsgrundlage für Anbieter

Während des Studiums in Bochum ermahnte uns der Hochschullehrer Peter Hammann, Dienste und Sachleistungen als Bündel zu sehen, wobei Dienste ertragreicher seien, obwohl scheinbar unsichtbar. Ein solches Leistungsbündel lässt sich erweitern um weitere Dienste. Das nennt man Wachstum, wenn man die nationalökonomische Vogelperspektive einnimmt. Unternehmer sind diejenigen, die aus dem Trend zur Unselbständigkeit ihren Nutzen ziehen können.

Die zurzeit wohl erfolgreichsten politischen Unternehmer heißen Donald Trump und Martin Schulz. Beide haben aus der Unselbständigkeit ihrer Wählerschaft Kapital geschlagen. Vor zwei Jahren unterhielt ich mich in Berlin mit einem Juniorprofessor. Es ging um das Thema Nudging. Auf den ersten Blick ist das ein ganz unverfängliches Konzept, Menschen in die „richtige Richtung“ zu stupsen. Christian Lindner lehnt dieses Konzept ab, er sieht es als ersten Schritt zum Paternalismus, wie er mir mitteilte. Recht hat er damit. Außerdem schadet es den Behüteten mehr, als es nützt.

Aber für einen Unternehmer, der die Normalität der sich zunehmend unselbständig gebenden Menschen als gegeben hinnimmt, öffnet sich hier ein großes Geschäftsfeld. Der Berliner Professor, der auf Nudging schwört, ist, wie er mir sagte, auch der Ansicht, Wolfgang Schäuble könne als Jurist viel besser den Posten des Finanzministers ausfüllen als er, der er doch selbst Wirtschaftsprofessor ist. Das ist Nudging für Fortgeschrittene. Man glaubt an die selbstverschuldete Unmündigkeit als einzige Option.

Grundhaltung

Es scheint eine Grundhaltung zu sein, anderen mehr zuzutrauen als sich selbst. Donald Trump und Martin Schulz mag man ja ein zu großes Selbstvertrauen vorwerfen, aber das Problem zu vieler Menschen hierzulande scheint die Selbst-Unterschätzung zu sein. Sie lassen Schulz und Trump aufsteigen wie Ballons, angetrieben mit dem Treibgas der Unselbständigkeit. Wie weitreichend die Geschäftsfelder der Unselbständigkeit abseits der Politik sind, sei an einer Person erwähnt, die ich kürzlich kennengelernt hatte.

Sie arbeitete für einen ostwestfälischen Edel-Möbelproduzenten. Nach ihrem Umzug ins Sauerland wollte sie ihre Leidenschaft für Möbel ebenfalls zum Beruf machen und erwog die unternehmerische Selbständigkeit. So bot ich ihr günstige Räume an und eine Beteiligung. Sofort ruderte sie zurück. Wörtlich nannte sie sich selbst zu ängstlich für solche Vorhaben. Unternehmer, die Angestellte und Arbeiter halten, übernehmen die Unsicherheit, lassen sich dies aber von ihnen, den abhängig Beschäftigten, entgelten, indem das Gehalt respektive der Lohn geringer ausfällt, so dass ein kluger Unternehmer mit jedem Angestellten Geld verdient. Dieter Schneider, ein hoch dekorierter Bochumer Betriebswirt erntete mit dieser Weisheit, die auf die österreichische Schule um Schmoller, Kirzner und Schumpeter zurückging, viel Ruhm.

Dennoch möchte diese Funktion des Unternehmers kaum jemand haben, besonders hierzulande. Sie sind mithin rar. Nicht nur durch die Auffächerung des Bündels um Dienste (vornehmlich der Versicherung) profitiert ein Unternehmer, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass kaum jemand diese Rolle anstrebt. Was selten ist (hierzulande Unternehmer), wird begehrt. Ohne Unternehmer geht es nicht und je mehr Unselbständige, umso weniger Unternehmer, umso höher die Rendite der relativ Wenigen.

Als Beispiel anfügen lassen sich auch Ärzte. Nicht nur Absolventen der üblichen Beamtenstudiengänge wie Soziologie und Germanistik, sondern auch Mediziner streben in die Unselbständigkeit. Das Modell des selbständigen Arzt-Unternehmers ist im Abklingen. Nicht nur aufgrund teurer Apparaturen, sondern auch wegen des unerwünschten Risikos gibt es zunehmend angestellte Ärzte oder zumindest Gemeinschaftspraxen, die vor allem der Minimierung des Risikos dienen.

Wohnungsbau

Nochmals sei die Angestellte aus der Möbelbranche erwähnt. Sie bewohnt ein Condominium. Eine meiner Ansicht nach überteuerte Eigentumswohnung kaufte sie 2012 mit ihrem Ehemann. So zahlten sie für eine mit Styropor ummantelte, zwar schick aussehende, aber mit 95 Quadratmetern eben kleine Wohnung so viel wie ich für eine 1950er Jahre Fabrikantenvilla mit 260 Quadratmetern Wohnfläche sowie beinahe 1000 Quadratmetern Grundstück bei identischem Bodenrichtwert.

Ebbe und Flut sind Kaufmanns Gut. Das weiß jeder Unternehmer. Man kauft günstig und verkauft teuer, wie es mein Vater sagte. Nicht jeder bringt das nötige Geschick mit. Gut für die Geschickten. Der Erbauer der Condominiums übrigens ist hingegen ein cleverer Unternehmer. Er weiß um die Convenience-Mentalität. Damit nicht genug. Da die 95 Quadratmeter nun nicht mehr ausreichen, erwägen die Dame aus der Möbelbranche und ihr Ehemann, ein anderthalb Mal so großes Penthouse für den doppelten Preis zu erstehen.

Von der Gartenfläche gehört keinem der Eigentümer ein konkreter Anteil. Ein weiterer Nachteil, bei jedem gepflanzten Baum muss man die anderen Eigentümer um ein Placet bitten. Dies ist ein typisches Verhalten unselbständiger Menschen: auf ein Gut zu verzichten und mehr für weniger zu zahlen.

Genau hier liegt das Potential für die Investoren. Ein Kauf von Aktien verschiedener Branchen, deren Geschäftsmodell auf der Leitung unselbständiger Konsumenten liegt, scheint ein attraktives Investment zu sein. Oder in Abwandlung des Rothschild-Zitates: „Kaufen Sie, solange die Menschen unselbständig sind.“ Aus diesem Blickwinkel betrachtet sind derzeit die Zeiten für Investoren gut, und sie werden – leider – wohl noch besser werden.

Hans-Martin Esser ist Wirtschaftswissenschaftler, Politologe und Buchautor. Er organisiert Kulturveranstaltungen und berät derzeit die FDP.

27.02.2017 | 20:01

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