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Kommt jetzt der große Crash?

Kommt nach Jahren des Aufstiegs nun ein drastischer Crash oder legt der Dax nur eine kurze Atempause ein?

Marc Faber, amerikanischer Investor und in der Szene als Untergangsprophet Dr. Doom bekannt, spricht hinsichtlich des Aktienmarktes von einer „kolossalen Blase“ (Quelle: Fotolia).


Bis vor kurzem schwappte die Finanzwelt auf einer gewaltigen Welle der Euphorie. Der Dax boomte auf Rekordkurs. Anleger zeigten sich begeistert. Investitionen in Aktien waren der Hit. Doch plötzlich verliert die Konjunktur spürbar an Fahrt, an den Börsen dieser Welt wächst angesichts zahlreicher militärscher Konflikte und der Angst vor einem  Ende der Niedrigzinspolitik die Nervosität. Kommt nach Jahren des Aufstiegs nun ein drastischer Crash oder legt der Dax nur eine kurze Atempause ein?
 
Nicht wenige Börseninsider dürften dieser Tage ein Déjà-vu-Erlebnis haben. Seit Ende Juli hat der Dax schon fast sechs Prozent verloren. Dieses Szenario erinnert stark an den Beginn der großen Talfahrt vor exakt drei Jahren. Damals nahm das Börsenunheil auch Ende Juli seinen Lauf. Innerhalb weniger Tage stürzte der Deutsche Aktienindex von knapp 7300 Punkten auf 5600 Punkte zusammen. Nach kurzer Erholungsphase ging es in einer zweiten Welle sogar bis auf rund 5000 magere Punkte herab. Innerhalb von nur fünf Wochen hatte der Index knapp 30 Prozent verloren.

Zwar ist man von einem Einbruch dieser Größenordnung noch ein ganzes Stück entfernt. Doch nach unten scheint noch einiges möglich zu sein. Viele Experten gehen davon aus, dass der Dax in den nächsten Handelstagen sein Jahrestief von 8900 Punkten unterschreiten könnte. Auch ein Absturz bis zum Jahresende auf 8000 Punkte scheint durchaus möglich. Börsenguru Roland Leuschel geht sogar noch deutlich weiter in seiner Prognose: „Die Kursabstürze in den vergangenen Tagen waren nur ein Vorgeschmack auf das was kommen wird. In der ersten Etappe, die ich noch in diesem Jahr sehe, könnte der DAX um die Hälfte abgeben. Das heißt, er würde zwischen 4000 und 5000 Punkten notieren.“
 
Vor drei Jahren war die hochkochende Schuldenkrise hauptverantwortlich für die pessimistische Stimmung an den Börsen. Diesmal sorgt laut Leuschel die Diskrepanz zwischen der wirklichen Wirtschaftsentwicklung und der Entwicklung der Börsen für großes Gefahrenpotential. „Wir haben weltweit eine überbewertete, überkaufte und überoptimistische Börsensituation", so der Crash-Prophet. Hinzu kommt, dass das Anleihekaufprogramm der FED Ende Oktober 2014 auslaufen wird.

Dies hat wiederum steigende Zinsen zur Folge. „Die geldpolitische Verschärfung der vergangenen Monate wird diese Blase endgültig zum Platzen bringen", prognostiziert Leuschel. Diese Meinung hat er bei Weitem nicht exklusiv. Auch Marc Faber, amerikanischer Investor und in der Szene als Untergangsprophet Dr. Doom bekannt, spricht hinsichtlich des Aktienmarktes von einer „kolossalen Blase“. Sein düsterer Ausblick: „Sie wird platzen. Es gibt jetzt schon erste Anzeichen dafür. Die Unternehmen sind noch viel mehr überbewertet - außerdem wächst die Weltwirtschaft nicht, wie die meisten Ökonomen glauben. Ich denke, sie sinkt viel eher". Optimismus klingt anders.
 
Es dürfte ihn daher wenig verwundern, dass auch Deutschland derzeit Sorgen um die Konjunktur plagen. So sanken im Juni die Aufträge für die Industrie so stark wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Dementsprechend schlecht ist die Stimmung bei den Firmen. So fiel der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts zum dritten Mal in Folge. Ralph Solveen von der Commerzbank blickt angesichts dessen wenig hoffnungsfroh in die nähere Zukunft: „Damit steigt das Risiko, dass die deutsche Wirtschaft - nach einem leichten Minus im zweiten Quartal - auch im dritten Quartal enttäuschen wird."  Auch bei den europäischen Nachbarn sieht die Lage nicht besser aus.

Besonders Italien, drittgrößte Volkswirtschaft Europas, bereitet der Wirtschaft im Euroraum Bauchschmerzen. Das Sorgenkind ist unverhofft wieder in die Rezession geraten. Für Hiobsbotschaften anderer Größenordnung sorgt weiterhin der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Die voranschreitende Zuspitzung der Auseinandersetzungen belastet die Börsen stark. Anleger befürchten, dass die harten Wirtschaftssanktionen gegen Russland negative Auswirkungen auf die Wirtschaft haben werden – zumal Russland Gegenmaßnahmen ergreifen könnte. Alleine in Deutschland sind mehr als 25.000 Arbeitsplätze in Gefahr.
 
Trotz der vielen Indikatoren für einen drastischen Börsen-Crash sind Aktien für Börsen-Guru Dirk Müller weiterhin die sinnvollste aller Geldanlage. Aus seiner Sicht sind die Krisen zwar da, können sich aber auch über mehreren Monaten oder Jahre in die Zukunft ziehen. Daher teilt er die weitverbreitete Panik hinsichtlich der Aktien-Entwicklung nicht. „Mann kommt gar nicht drum herum, in Aktien investiert zu sein, muss die Risiken aber im Blick haben und im geneigten Moment auch reagieren, und sich absichern beziehungsweise entsprechende Maßnahmen ergreifen. Deshalb: Investieren ja, Aktien kaufen definitiv, aber im Zweifel auch eine Absicherung vornehmen, vor allem dann, wenn es gerade mal wieder kriselt und knackt“, lautet Müllers derzeitiger Tipp für Anleger. Er sieht im Aktiengeschäft keine Blasenbildung, sondern die günstigste Anlageklasse.

Auch Klaus Schrüfer, Kapitalmarktstratege von Santander Asset Management, rät zum Kauf von Aktien. „Die große Mehrzahl der Faktoren, die die Aktienmärkte bestimmen, spricht weiterhin für Aktien. Ich möchte hier nur auf wieder stärker steigende Unternehmensgewinne, die auch bei ersten Zinserhöhungen in den USA nach wie vor sehr expansive Geldpolitik, die hohe Dividendenrendite und den Mangel an Anlagealternativen hinweisen. Zudem sind die Aktien durch die Korrektur wieder etwas günstiger bewertet“, lautet sein Plädoyer für Anteilsscheine. Er geht davon aus, dass der Dax Ende des Jahres 2014 bei 10.500 Punkten landen wird. Diese Einschätzung zeigt, wie weit die Expertenmeinungen auseinander gehen. Auch wenn derzeit vieles auf einen Crash hindeutet, ist es ebenso möglich, dass sich die Börsen gerade lediglich in einer normalen, sommerlichen Verschnaufpause befinden.

Genau das macht den Reiz der Börse aus. Keiner kann vorhersehen, wie sich die Dinge entwickeln. Niemand weiß, wann oder ob es den großen Crash geben wird. Und daher wird spekuliert, diskutiert und zu allem Möglichen geraten. Carl Fürstenberg, deutscher Bankier und Inhaber der Berliner Handelsgesellschaft, hat dieses Phänomen einst folgendermaßen ausgedrückt: „Im Unterschied zur Straßenbahn wird an der Börse zum Ein- und Aussteigen nicht geklingelt.“

WIM

10.08.2014 | 15:17

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