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Lateinamerika: vier Märkte für Lokalwährungsanleihen

Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)

Die segnenden Hände über Rio... und ganz Lateinamerika. (Bild: Fotolia / dislentev)


Im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende zählten auch viele lateinamerikanische Volkswirtschaften zu dem Kreis der globalen Wachstumstreiber. Sie profitierten dabei in erster Linie von einer jungen, wachsenden Bevölkerung, einer vergleichsweise geringen Staatsverschuldung und einem hohen Niveau bei den Preisen für Erdöl und Industriemetalle. Doch dann kam die Krise. Vier Märkte sind dort derzeit trotzdem interessant.

Von Ulrich Stephan

Auf der Suche nach Volkswirtschaften mit hohen Wachstumsraten landen Anleger zunächst unweigerlich in Asien: Neben den Schwergewichten China und Indien, die bereits seit Jahren das weltweite Wachstumsranking dominieren, finden sich dort auch kleinere Schwellenländer wie Indonesien oder die Philippinen, deren Ökonomien deutlich dynamischer wachsen als diejenigen der Industrieländer. Lateinamerika hatte den asiatischen Staaten fast schon den Rang abgelaufen und stand vor einer weiteren, fast durchgängig guten Entwicklung. In den letzten Jahren hat sich die Situation allerdings grundlegend gewandelt: Politische Instabilität, Misswirtschaft und vor allen Dingen der Preisverfall bei Erdöl, Industriemetallen und Agrarprodukten haben die ökonomische Entwicklung der Region gebremst: Beispielhaft hierfür stehen die Jahre 2015 und 2016, in denen die durchschnittliche Wirtschaftskraft Lateinamerikas nach Zahlen der Deutschen Bank sogar um 0,3 beziehungsweise 1,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken ist – während in vielen Regionen weltweit ein anziehendes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen war.

Langsam scheint sich die konjunkturelle Lage in den Ländern von Mexiko im Norden bis zur Südspitze Chiles jedoch zu verbessern: Für das laufende Jahr rechnet die Deutsche Bank mit einem durchschnittlichen Wachstum in den lateinamerikanischen Staaten von 1,1 Prozent, 2018 könnten es 2,2 Prozent sein. Dabei ist jedoch zu beachten, dass es innerhalb dieser Ländergruppe erhebliche regionale Unterschiede gibt – selbst dann, wenn man die prekäre Lage im wirtschaftlich schwer angeschlagenen Venezuela gar nicht in Betracht zieht.

1. Markt: Mexikos US-Handelsbeziehungen weiter intakt

Mexiko beispielsweise könnte insbesondere davon profitieren, dass die von US-Präsident Donald Trump angekündigten Handelsbeschränkungen bislang nicht umgesetzt worden sind. Zum Jahresanfang hatten entsprechende Befürchtungen sowie eine Erhöhung der Benzinpreise um rund 15 Prozent noch zu starken Preissteigerungen von über 6 Prozent geführt. Mittlerweile liegen die Inflationserwartungen mit rund 3,5 Prozent wieder auf einem moderateren Niveau. Darüber hinaus rechnet die Deutsche Bank nach einem etwas schwächeren Jahr 2017 (1,6 Prozent) für 2018 aufgrund der anziehenden Weltkonjunktur mit einem Wachstumsschub (2,3 Prozent).

2. Markt: Brasilien, der langsame Aufsteiger

Brasilien dagegen hat zwar weiterhin mit hohen politischen Unsicherheiten aufgrund von Korruptionsverfahren gegen die Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva und Dilma Rousseff sowie den aktuellen Staatschef Michel Temer zu kämpfen. Trotzdem sinken die Inflationsraten in der größten Volkswirtschaft der Region seit Januar 2016 stetig – mit über 10 Prozent allerdings von einem deutlich höheren Ausgangsniveau als in Mexiko. Zwar bleibt das erwartete Wirtschaftswachstum 2017 hinter dem von Mexiko zurück – nach Jahren der Rezession dürfte es in diesem Jahr mit 0,7 Prozent aber erstmals wieder im positiven Bereich liegen.

3. Markt: Andenstaaten mit Rückenwind

In Chile, Peru und Kolumbien ist eine ähnliche Entwicklung wie in Mexiko zu erwarten: Einem etwas schwächeren Jahr 2017 könnten 2018 neue Wachstumsimpulse folgen. Gleichzeitig dürfte sich der Abwärtstrend bei den Inflationsraten fortsetzen. Bei den Andenstaaten ist jedoch zu beachten, dass sie vergleichsweise stark von der Entwicklung an den Rohstoffmärkten abhängig sind und Industriemetalle rund 50 Prozent ihrer Exporte ausmachen. Die seit Jahresanfang zu beobachtende Aufwärtsbewegung bei den Preisen für Industriemetalle hat insbesondere Chile und Peru Rückenwind verliehen. Inwieweit sich diese Entwicklung fortsetzt, bleibt jedoch abzuwarten. In Kolumbien hat Präsident Juan Manuel Santos jüngst den Bürgerkrieg nach Unterzeichnung eines Friedenabkommens und der Entwaffnung der Farc-Rebellen offiziell für beendet erklärt.

4. Markt: Argentinien mit wirtschaftlichem Neustart

Mit Mauricio Macri folgte im Dezember 2015 ein wirtschaftlicher Neustart in Argentinien. So verordnete er zahlreiche Reformen, um das Land nach Jahren der Rezession (BIP-Wachstum 2016: –2,2 Prozent) wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Macri kürzte beispielsweise die Energiesubventionen stark und gab den Wechselkurs des argentinischen Pesos frei. Nach einem starken Anstieg der Inflation (40 Prozent in 2016) infolge der Abwertung des Pesos ging die Preissteigerungsrate zuletzt zurück, liegt aber immer noch bei rund 25 Prozent. Gleichzeitig konnten die Exporte gesteigert werden. Die Deutsche Bank rechnet für das Jahr 2017 im Zuge der wirtschaftlichen Erholung mit einer Wachstumsrate von 2,4 Prozent. Die weitere Entwicklung ist allerdings eng mit der politischen Stabilität verknüpft.

Fazit

In einem Umfeld nur leicht steigender US-Zinsen und einer anziehenden Weltkonjunktur sieht die Deutsche Bank für die lateinamerikanischen Volkswirtschaften derzeit insgesamt weiteres Erholungspotenzial. Gestützt werden sollte diese Entwicklung durch sinkende Inflationsraten, welche die nationalen Währungen weiter stabilisieren und den betreffenden Notenbanken, beispielsweise in Brasilien oder in Peru, zusätzlichen Spielraum für Leitzinssenkungen eröffnen würde.

Aus Sicht entsprechend risikobereiter Anleger könnten trotz der politischen Unwägbarkeiten durch die Aussicht auf weitere Leitzinssenkungen Schwellenländer-Staatsanleihen in lokaler Währung ein interessantes Investment darstellen. Die Region Lateinamerika hat im breiten Index für Schwellenländer-Anleihen ein Gewicht von rund 30 Prozent und trägt damit maßgeblich zur Wertentwicklung bei. Darüber hinaus erscheinen diese Papiere sowohl im Hinblick auf die derzeitige jährliche Verzinsung von durchschnittlich sechs Prozent als auch bezüglich möglicher Kursgewinne für entsprechend risikobereite Anleger interessant. Aufgrund der zum Teil großen Unterschiede der einzelnen Volkswirtschaften der Schwellenländer – und der damit verbundenen speziellen Anlagerisiken – ist eine breite regionale Streuung ratsam.

Dr. Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

02.09.2017 | 22:23

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