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Pro Sieben Sat 1: Sind die fetten Jahre vorbei?

Seine Zeit bei Pro 7 ist bald beendet: Thomas Ebeling (Bild: Pro 7)


Pro Sieben Sat 1 schaut aktuell in die Röhre: Das Publikum hat sich in die Konkurrenz verguckt. Entsprechend negativ entwickelt sich der Aktienkurs. Das Unternehmen gehört dieses Jahr am Dax zu den großen Verlierern. Im neuen Jahr aber soll dank eines großen Konzernumbaus mit neuem Chef der Turnaround glücken.

Wenn sich ein Jahr – so wie dieser Tage dieses – mit großen Schritten seinem Ende nähert, ist es an der Zeit zurückzublicken. Was bleibt in unserer Erinnerung an 2017 haften, was hat in der Welt der Wirtschaft für besonders großes Aufhören gesorgt? In der Kategorie „Kuriosestes Statement eines Unternehmensbosses“ geht die Auszeichnung dieses Jahr eindeutig an Thomas Ebeling. Der 58-jährige Chef von Pro Sieben Sat 1 bezeichnete sein eigenes Publikum doch tatsächlich unumwunden als „ein bisschen fettleibig und ein bisschen arm“. Beim Programm von Pro Sieben Sat 1 könne sich der Zuseher entspannt im Sofa sitzend zurücklehnen und unterhalten lassen. Soweit so gut. Wäre da nicht das große Problem, dass immer mehr Menschen den beiden Fernsehsendern den Rücken zukehren. Die Ursache dafür jedoch ist weder darin zu suchen, dass hierzulande ein massenhaftes Abspeckprogramm stattgefunden hätte, noch kam es zu einem flächendeckenden Regen von Goldtalern. Offenbar bieten also auch andere TV-Programme und Online-Streamingdiensten dem Publikum entspannte Unterhaltung und einiges mehr.

Während die Konkurrenz den Zuschauer mit selbstproduzierten Programmen, spannenden Live-Sendungen und den quotentechnisch alles überragenden Fußballspielen lockt, laufen auf Pro Sieben alte Serien auf Dauerschleife und auf Sat 1 kümmert sich die „Ruhrpottwache“ um Einbrüche in kleinen Möbelgeschäften. Den Abgang von Entertainer und Quotenschlager Stefan Raab, der sich Ende 2015 aus dem TV-Geschäft zurückzog, verkraftet die Sendergruppe bis heute nicht. Die Folge: Vor allem junge Menschen - die aus Sicht der Werbeindustrie wichtigste Gruppe – bevorzugen zunehmend Streamingdienste wie Amazon, Netflix oder den Sportsender Sky. Pro Sieben kann inzwischen gerade einmal einen Zuschauermarkanteil von fünf Prozent auf sich vereinen, während Sat 1 anders als früher nicht mehr ARD, ZDF und RTL Paroli bietet, sondern fürchten muss, von VOX eingeholt zu werden. Entsprechend deprimierend hat sich die Aktie zuletzt entwickelt. Seit ihrem Jahreshoch im Frühling bei rund 41 Euro hat sie fast ein Drittel an Wert eingebüßt. Damit ist das Unternehmen schwächster Dax-Wert 2017 und meilenweit vom vor zwei Jahren erreichten Rekordhoch oberhalb der 50-Euro-Marke entfernt.

Damit im kommenden Jahr alles besser wird, stellt sich der Konzern neu auf. Infolge eines großen Umbaus soll die Zahl der Sparten von vier auf drei verringert werden. Die Zusammenlegung der Fernsehsender mit der Online-Streaming-Plattform Maxdome soll bis 2020 für Einsparungen in Höhe von 50 Millionen Euro sorgen. Für die beiden anderen Bereiche – das TV-Produktionsgeschäft und die Internetportale – sucht Pro Sieben Sat 1 eifrig nach Kooperationspartnern. Laut Unternehmensführung gibt es bereits laufende Gespräche, deren Ergebnisse im Laufe des zweiten Quartals 2018 erwartet werden können. Zudem sollen sich die beiden Sparten künftig gegenseitig Geschäfte zuschanzen und so voneinander profitieren. Von den Reiseseiten weg.de und tropo will sich die Mediengruppe trennen, während die Internetaktivitäten rund um die Single-Plattform Parship und das Vergleichsportal Verivox ausgebaut werden sollen. „Mit der Drei-Säulen-Strategie stellen wir ProSiebenSat.1 auch für die Zukunft wettbewerbsfähig auf. Wir sind davon überzeugt, dass eine fokussierte Drei-Säulen-Strategie durch Umsatz- und Kostensynergien zusätzlichen Wert insbesondere für das TV-Geschäft schaffen wird", erklärt Ebeling, der das Unternehmen nach einvernehmlicher Einigung mit dem Aufsichtsrat nach der Bilanzpressekonferenz am 22. Februar 2018 verlassen wird. Ein Nachfolger für ihn steht allerdings noch nicht fest. Dieser wird gespannt auf die weitere Entwicklung blicken.

Während der Gewinn für das laufende Geschäftsjahr „leicht“ steigen dürften, senkt Pro Sieben Sat 1 wegen gesunkener Einnahmen im TV-Geschäft die Umsatzprognose und rechnet nur noch mit Erlösen im mittleren statt im hohen einstelligen Prozentbereich. In den vergangenen Jahren konnte das Unternehmen hier noch Zuwächse zwischen zehn und 16 Prozent erreichen. Vergangenes Jahr wurde ein Umsatz von 3,8 Milliarden Euro erwirtschaftet, der Gewinn lag bei 1,02 Milliarden Euro. Das dritte Quartal entsprach im Großen und Ganzen den Erwartungen. Der Umsatz wuchs um drei Prozent auf 883 Millionen Euro, der Betriebsüberschuss stagnierte bei 202 Millionen Euro, der bereinigte Konzernüberschuss stieg um ein Prozent auf 99 Millionen Euro. Laut JPMorgan ist das Papier aktuell bei geringen Erwartungen niedrig bewertet, während die Sorgen um die strukturellen Probleme übertrieben seien. Das Kursziel der US-Bank liegt bei 45 Euro. Sollte das Papier diese Marke tatsächlich erreichen, dürfte Pro Sieben Sat 1 nächstes Jahr die Auszeichnung „Comeback des Jahres“ sicher sein. WIM

07.12.2017 | 23:43

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