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Rezension: Neue Dokumente zum Völkermord an den Armeniern

Besucher verfolgen im Deutschen Bundestag in Berlin die Debatte zu den Massakern an den Armeniern 1915/16. (Foto: Handelsblatt/dpa/Stephanie Pilick)

Besucher verfolgen im Deutschen Bundestag in Berlin die Debatte zu den Massakern an den Armeniern 1915/16. (Foto: Handelsblatt/dpa/Stephanie Pilick)


Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts ist vielgestaltig. Sie nimmt ihren Anfang im Kontext des Ersten Weltkriegs. Einer der grauenerregenden Schauplätze ist Armenien, das Land um den Berg Ararat, hinüber zum Van-See, zur Stadt Trabzon am Schwarzen Meer – heute bekannt als Nordost-Anatolien.

Die armenischen Kirchen, wunderbare Zeugnisse einer 17 Jahrhunderte dauernden christlichen Hochkultur – seit nun beinahe 100 Jahren sind die Menschen, die hier beteten, verschwunden. Wenigen nur gelang die Flucht, die große Mehrheit wurde zu Staub in den Weiten der anatolischen Wüsten, Opfer eines bis dahin unvorstellbaren Völkermords. Die Nachkommen und Nachfolger derjenigen, die das Land auf bestialische Weise ethnisch „säuberten“, leugnen beharrlich. Doch die Wahrheit läßt sich nicht vergraben, nicht verschweigen, nicht unterdrücken. Jüngst ist wieder eines der Bücher, die die Wahrheit enthüllen, erschienen.

Für sein aktuelles Buch zum Genozid an den Armeniern 1915 konnte Michael Hesemann erstmals auf bisher unveröffentlichte Akten aus dem Geheimarchiv des Vatikans zurückgreifen, die den Völkermord eindeutig durch Berichte von Zeitzeugen als solchen belegen. Sie zeigen auch die verzweifelten, aber letztlich vergeblichen Bemühungen des Vatikan, vor allem in Person des Apostolischen Delegaten in Konstantinopel Msgr. Angelo Dolci und Papst Benedikt XV., die Verfolgung der Armenier durch das Regime der Jungtürken und seine willigen Helfer im Osmanischen Reich zu beenden.

Detailreich schildert Hesemann die historischen Entwicklungen und politischen Voraussetzungen im Osmanischen Reich, die zum Genozid führten, dem rund 1,5 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Er spart auch nicht die unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches aus, dem das Schicksal der Armenier nicht wichtig genug war, das an seinem Verbündeten, der Hohen Pforte, festhielt. Gegen die Verfolgung, die Grausamkeit, die lakonische Ausführung dieser schier unermeßlichen Steigerung der Unmenschlichkeit unternahm Berlin – trotz dingender päpstlicher Bitte – nichts. Strategische Überlegungen, nicht zuletzt die Versorgung der Mittelmächte mit Rohstoffen, wogen schwerer. Durch viele Augenzeugenberichte werden die zahlreichen Greueltaten, Zwangsbekehrungen und die grausamen Schicksale der Deportierten detailliert und ausführlich geschildert.

Hesemann stellt, auch anhand der Akten aus dem Vatikan, deutlich heraus, dass es sich bei dem Völkermord erstens um einen solchen handelt und zweitens es dabei um eine systematische Säuberung von „christlichen Elementen“ im Osmanischen Reich ging. Denn auch andere Christen wurden Opfer der Verfolgungen. Ein deutliches Zeichen für einen religiös motivierten Völkermord, der die Vision eines rein muslimischen Staates verwirklichen sollte. Einer Vision, die im übrigen in der heutigen Türkei fast komplett verwirklicht ist, das sei aber nur nebenbei erwähnt. Eine weitere Linie führt von diesem Völkermord zum Holocaust, zum millionenfachen Mord an den Juden Europas – auch das kann bei der Lektüre dieses Buches erspürt werden. Nicht von der Hand zu weisen ist Hesemanns These, dass der Völkermord an den Armeniern ein historisches Vorbild für den Völkermord an den Juden durch die Nationalsozialisten war und sich diese Entwicklungen in anderen Verfolgungen bis zu den aktuellen Christenverfolgungen im Nahen und Mittleren Osten fortsetzten. Vor diesem Hintergrund ist Hesemanns Werk ein enorm wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung des Völkermords, gegen dessen Verharmlosung, gegen dessen Leugnung. Würden die Toten vergessen – sie würden ein zweites Mal sterben.

Das Buch wird ergänzt durch eine Karte auf dem Frontispiz, die die verübten Massaker und Deportationen verortet. Enthalten sind auch einige Bilder und Abbildungen von Briefen. Hier wäre allerdings ein eigener Bildteil in höherer Auflösung deutlich aussagekräftiger und anschaulicher gewesen. Leider fehlt auch ein Glossar. Graphisch ist das Buch gelungen, der Einband ist schlicht gestaltet und jede Kapitelüberschrift ist mit einem armenischen Kreuz gestaltet. Dem Buch ist ein Vorwort von Azat Ordukhanyan, dem Vorsitzenden des Armenisch-Akademischen Vereins, vorangestellt, der fordert, den Völkermord auch als „Patriozid“, also als Raub der Heimat anzuerkennen. Da wäre fürwahr wichtig. Eine Aufarbeitung des Völkermords in Armenien würde alle Länder, die beteiligt sind, grundsätzlich verändern – vor allem eines. Doch die schon angesprochene Vorbildrolle für den Nationalsozialismus in Deutschland – für Hitler persönlich! – ist noch nicht annähernd im Bewußtsein angekommen. Michael Hesemann könnte mit seinem Buch den Beginn der Trauerarbeit um die Opfer des Völkermords der Jungtürken an den Armeniern anstoßen. Das würde auch eine abermals erneuerte und vertiefte Sicht auf den Greuel des Nationalsozialismus ermöglichen. Auch darum ist dieses Buch so wichtig. Am 24. April 1915 hat der Völkermord an den Armeniern mit einem Massaker begonnen. Ein Jahrhundert. Es wird Zeit.

Eva-Maria Dempf

Michael Hesemann, Völkermord an den Armeniern, 352 Seiten, Schutzumschlag, München 2015, ISBN: 978-3776627558, 25 Euro.

24.04.2015 | 21:24

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