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Strategisch handeln in Ausnahme-Zeiten

Bietet durch ihre Risiko-Finanzpolitik Anreize für Anleger: die EZB (Bild: Fotolia / eyetronic)


Europäische Aktien sind vergleichsweise günstig bewertet, meint Dean Tenerelli, Portfoliomanager der European Equity Strategy bei T. Rowe Price. Speziell das hiesige Wirtschaftswachstum, aber auch das in anderen Teilen Europas gilt als gute Investitionsgrundlage. Daher attestieren die Analysten Europa insgesamt positive Aussichten, und das trotz des Brexit-Risikos.

Trotz wirtschaftlicher und politischer Unwägbarkeiten bieten sich im Jahr 2017 am europäischen Aktienmarkt interessante Investmentmöglichkeiten. Dieser Ansicht ist Dean Tenerelli. „Nach unserer Einschätzung sind die Grundlagen für Investments in Europa solider als manche Anleger denken – wenn man genauer unter die Oberfläche blickt“, sagt er. Vor allem das durch die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) geförderte moderate Wirtschaftswachstum und die guten Aussichten vieler europäischer Unternehmen könnten Investoren zuversichtlich stimmen. Ein ermutigender Indikator für europäische Aktien sei zudem, dass der Citigroup Economic Surprising Index auf seinen höchsten Stand seit März 2015 gestiegen ist. Das Barometer steigt immer dann, wenn die Konjunkturdaten die Konsensschätzungen der Ökonomen übertreffen.

Zugleich sei der Brexit allerdings nach wie vor ein Risiko für den europäischen Markt. Noch sei nicht klar, welche Folgen der Austritt der Briten für die Europäische Union hat. Die europäischen Märkte und die Konsumentenstimmung hätten sich jedoch weitgehend vom Brexit-Schock erholt. „Die Wirtschaft in Kontinentaleuropa hat sich im vergangenen Jahr moderat weiterentwickelt. Der Brexit könnte allerdings noch zu einem europaweiten politischen Störfaktor werden. Die in diesem Jahr anstehenden Wahlen in den größten Mitgliedstaaten der Eurozone, Deutschland und Frankreich, bergen eine gewisse Unsicherheit“, so Tenerelli. Sollten nämlich die EU-feindlich eingestellten Populisten gegenüber den etablierten politischen Parteien in diesen Ländern an Macht gewinnen, könnte dies die Märkte beunruhigen.

US-Aktienrallye wirkt sich auch in Europa positiv aus

Indessen habe der Sieg Donald Trumps bei der US-Präsidentenwahl zuletzt für gute Stimmung an den Märkten gesorgt. Von der damit einhergehenden Rallye konnten bislang Aktienunternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks profitieren. Hauptnutznießer seien in Europa die Sektoren Banken, Grundstoff- und Investitionsgüterhersteller. Ob dieser Trend auch weiter anhält, hänge zum Teil davon ab, ob die versprochenen Steueranreize in den USA tatsächlich umgesetzt werden. „Diese wirtschaftlichen und politischen Faktoren beeinflussen die künftigen Marktbedingungen. Unterm Strich ist der europäische Aktienmarkt vergleichsweise günstig bewertet und verfügt damit über Aufwärtspotenzial“, sagt Tenerelli. So habe das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von europäischen Aktien der Industrieländer am Ende des vierten Quartals 2016 knapp über 16 gelegen, geringfügig über dem langfristigen historischen Durchschnitt.

Gesunder Mix aus Wachstums- und Substanzwerten

Die Entscheidung Großbritanniens, die EU zu verlassen, sei weiterhin ein wichtiges Thema für ganz Europa und besonders für Investoren mit Europa-Fokus: „Wir haben unsere britischen Aktienbestände reduziert. Dennoch wollen wir unsere europäische Aktienstrategie nicht von einem bestimmten Szenario abhängig machen“, betont Tenerelli. Stattdessen wolle man weiterhin in einen Mix aus qualitativ hochwertigen Wachstums- sowie Substanzwerten investieren, die auch den Risiken, die mit dem Brexit verbunden sind, standhalten können.

Derzeit sieht der Portfoliomanager attraktive Chancen im Einzelhandel, in dem profitabel wirtschaftende europäische Unternehmen weltweit tätig seien. „Zudem bevorzugen wir sowohl die Telekommunikationsbranche, der die Marktkonsolidierung zugutekommt, als auch den Technologiesektor, der durch den Online-Handel weiterhin Auftrieb erhält. Außerdem interessieren wir uns für Finanzwerte, insbesondere Banken in konsolidierten Märkten, die im Zuge der US-Wahlen von steileren Zinskurven profitieren“, erläutert Tenerelli und resümiert: „Wie auch immer die aktuellen Wirtschafts- und Marktbedingungen aussehen – wir bleiben unserer Investmentphilosophie und unseren Prozessen treu, die sich schon bewährt haben.“

06.02.2017 | 23:19

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