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Wer übernimmt die Commerzbank?

Hoch hinaus dank Übernahmepoker? Commerzbank-Aktien sind heiße Papiere, derzeit! (Bild: Fotolia / Brian Eberle)


Spannende Übernahmephantasien beflügeln den Kurs der Commerzbank-Aktie. Der Bund dementiert einen Verkauf der von ihm gehaltenen Anteile, doch niemand glaubt es. Immerhin, steigende Zahlen im Geschäft mit Privatkunden sowie die Aussicht auf eine Erhöhung des Leitzinses haben bewirkt, dass die Commerzbank-Anteile im Wert deutlich gestiegen sind. Kommt nicht vielleicht doch eine europäische Großbank zum Zug?

15,6 Prozent. So hoch ist der Anteil, den der Bund an Deutschlands zweitgrößter Bank aktuell hält. Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise stieg der staatlichen Bankenrettungsfonds SoFFin für 5,1 Milliarden Euro bei der Commerzbank ein. Doch offenbar besteht von Seiten des Bundes wenig Interesse daran, das Engagement langfristig fortzuführen. „Wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass der Bund seine Beteiligung nicht für ewig halten wird und für den Steuerzahler ein gutes geschäftliches Ergebnis erzielen will“, lautet die jüngste Stellungnahme aus dem deutschen Finanzministerium. Und genau dieses angesprochene „gute geschäftliche Ergebnis“ rückt zunehmend in greifbare Nähe.

Als Übernahmekandidaten werden derzeit die italienische Großbank Unicredit, die kaum kleinere Schweizer UBS und die auch nicht eben leichtgewichtige BNP Paribas gehandelt. Eine offizielle Stellungnahme steht sowohl von Seiten der Interessenten als auch der Commerzbank zum aktuellen Zeitpunkt noch aus. Da es sich bislang um informelle Kontakte – zudem noch in einem frühen Stadium – gehandelt haben dürfte, kann füglich davon ausgegangen werden, dass ein Deal erst mittelfristig möglich sein dürfte. Eine Fusion der beiden Geldinstitute würde wohl über einen Aktientausch abgewickelt werden. Da Unicredit an der Börse aktuell rund 40 Millionen Euro wert ist – und damit in etwa dreimal so viel wie die Commerzbank – würden die Mailänder im Zuge eines Aktientauschs die Oberhand behalten.

Als aktueller Favorit für die Übernahme der Bundesanteile gilt indes nicht Unicredit, sondern BNP Paribas. Laut „Wirtschaftswoche“ favorisiere die Bundesregierung einen Zusammenschluss des Frankfurter Geldhauses mit der französischen Großbank, da ein starkes deutsch-französisches Institut als politisches Zeichen für eine Vertiefung der europäischen Bankenunion gesehen werden könne. Auch zu diesem Gerücht gibt es bislang noch von keiner Seite eine offizielle Stellungnahme. Beobachter erwarten aber, dass Gespräche zu dieser Angelegenheit bereits im November mit dem Vorstand der Commerzbank geführt werden dürften.

Gänzlich vom Tisch sind hingegen – zumindest vorerst – die Spekulationen über einen Zusammenschluss zwischen Commerzbank und Deutscher Bank, da sich beide Banken offenbar darüber einig sind, erst einmal im eigenen Haus aufräumen zu müssen, bevor über weitere Schritte nachgedacht werden sollte. Dennoch plädiert der Chef der Deutschen Bank, John Cryan, generell für Fusionen in der Branche: „Wir brauchen weitere Zusammenschlüsse – auf nationaler Ebene – aber eben auch über die Landesgrenzen hinweg.“ Gerade in Deutschland gebe es „schlicht zu viele Banken“.

Wo die Commerzbank auf Kundenfang geht

Ein Blick auf Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken lohnt in diesem Zusammenhang. Viele Kunden könnten hier abspringen, da die genossenschaftlichen Institute ihre Gebühren angesichts der langen Nullzinsphase stark erhöhen müssen. Und genau hier wittert die Commerzbank, die neben der forcierten Digitalisierung besonders auf das Privatkundengeschäft fokussiert ist, ihre große Chance: Unzufriedene Kunden der Konkurrent abjagen und zu eigenen machen. Klappt bisher ganz gut. Seit Oktober 2016 konnten die Frankfurter mehr als eine halbe Millionen Privatkunden neu dazu gewinnen. Insgesamt sind es aktuell 12,6 Millionen Privatkunden, die der Commerzbank ihr Geld anvertrauen.

Vertrauen gewinnen langsam offenbar auch wieder die Anleger, die sich neben der positiven Entwicklung im Privatkundengeschäft und den heißen Übernahmespekulationen besonders über die jüngste Entscheidung der US-Notenbank Fed freuen, die eine Erhöhung des Leitzinses – auch in Europa – in Aussicht stellt. Und so gehört die Aktie aktuell zu den ganz großen Gewinnern im Dax, verteidigt die aus charttechnischer Sicht wichtige Kursuntergrenze von zehn Euro, Anleger peilen das am 8. April 2015 erreichte Drei-Jahres-Hoch von 13,28 Euro an.

Trotz der vielen guten Nachrichten hat sich die Commerzbank aber noch lange nicht von dem Schock der Finanz- und Wirtschaftskrise erholt. Ein Ende der zähen Durstrecke ist trotz der zahlreichen Sanierungsprogramme noch nicht in Sicht, und so erwartet Vorstandschef Martin Zielke für dieses Jahr nur dank Sondereffekten ein „leicht positives“ Ergebnis. Und 2018 soll dann ein „Übergangsjahr“ werden. Ob diese Bezeichnung angesichts der Übernahmephantasien wohl doppeldeutig interpretiert werden darf? Wim Weimer

07.10.2017 | 19:13

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