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Zieht Amazon bei MediaMarkt, Metro, Zalando & Co. den Stecker?


Die vergangenen zwei Wochen haben gezeigt: Es bedarf nur einer Ankündigung von Amazon-Chef Jeff Bezos, und schon bricht in Europa und den USA gleichermaßen das Chaos aus. Aktuell kündigt Bezos an, mit Amazon nun auch den Bekleidungssektor aufrollen zu wollen. Das müsste die Aktionäre der Metro aufschrecken, denn zum Juli bereits sollen die Elektronik-Ketten Media Markt und Saturn in ein neues Unternehmen mit dem hübschen Kunstnamen Ceconomy ausgegliedert werden. Doch von wegen Crash: Metro steigt an die MDAX-Spitze! Was ist da los?

Die Schwierigkeiten von Zalando, die chronischen Verluste der Kaufhof-Häuser unter dem neuen Eigentümer Hudson's Bay, das nicht endenwollende Drama um Karstadt – all dies steht auf einem Blatt, auch wenn es sich um völlig unterschiedliche Unternehmen handelt. Es geht, kurzgesagt, um den Einzelhandel, um dessen zukünftige Gestaltung und, ja, um dessen Existenz ein heftiges Ringen entbrannt ist. Sicher wird die BÖRSE am Sonntag in der nächsten hierüber berichten – da bleiben wir dran. In der heutigen Ausgabe sind die Ankündigung von amazon, weiter zu expandieren, und die aktuell stattfindende Aufspaltung des deutschen handelskonzerns Metro der Anfangs- und Endpunkt. Denn zwischen diesen beiden Vorgängen besteht natürlich eine starke Abhängigkeit, so wenig die beiden Unternehmen formell auch miteinander zu tun haben.

Was wird aus der Metro?

Der CEO der Metro AG, Olaf Koch, hat natürlich mit mindestens einem halben Auge in die USA geblickt, als er die Aufspaltung seines Konzerns in zwei unabhängige Unternehmen konzipierte und auf den Weg brachte. Der große Kreuzer Metro soll durch zwei wendige, renditestarke und und vielleicht für neue Bündnisse geeignete Fregatten ersetzt, das Großunternehmen soll in eine Elektronik-Sparte namens „Ceconomy“ und eine Lebensmittel- und Einzelhandels-Sparte mit der Supermarktkette Real und Metro aufgespaltet werden. Media-Markt-Gründer Erich Kellerhals hatte gegen die geplante Konzernaufspaltung geklagt.

Kellerhals sieht in Kochs Plänen den Versuch der Metro-Konzernführung, ihn zu enteignen. Die Klage muss aus Formalgründen am Amtsgericht entschieden werden. Nach Meinung mehrerer Experten dürfte aber auch aus diesem Prozess die Metro als Gewinnerin hervorgehen. Eine Eintragung in das Handelsregister kann als sicher gelten. Mit der ersten Börsennotiz der beiden Unternehmen wird nach der Roadshow dann noch im Juli gerechnet. Dann wird es zwei Metro-Aktien an der Börse geben: Das Papier der Ceconomy sowie die Aktie der neuen Metro. Jeder bisherige Aktionär der bisherigen Metro AG bekommt dann jeweils ein Papier von beiden neuen Gesellschaften.

Aktionäre werteten die Meldungen vom Freitag als überwiegend positiv und handelten die Aktie des Konzerns prompt um über drei Prozent nach oben. Damit war das Metro-Papier klarer Spitzenreiter im deutschen MDax. Das Aufatmen verwundert nicht: Hätte Kellerhals vor Gericht Recht bekommen, wäre der gesamte Börsenfahrplan des Unternehmens kaputt gewesen, alles hätte neu aufgerollt und neu geplant werden müssen. Die Aktie stand quasi kurz vor einem möglichen Crash. Aber kurz vor dem Crash bedeutet eben auch, dass die Aktie noch beidrehen kann. Was das Metro-Papier dann auch getan hat. Vorläufig. Denn die Konkurrenz aus den USA macht nicht den Eindruck, zurückstecken zu wollen.

Amazon bleibt Einzelhandels-Schreck

In dieser Woche war es die Nachricht, dass Amazon nun auch im Online-Handel mit Bekleidung zur Attacke bläst, die den Einzelhandel erzittern ließ. Die Konkurrenz verlor an der Börse massiv an Wert. Nicht nur für die bisher bei der Metro vereinigten Unternhemen, sondern auch für Zalando und Rocket Internet könnte es nun richtig eng werden.

„Prime Wardrobe“ lautet der Name des von Amazon neu heraufbeschworenen Ungetüms. So zumindest dürften Online-Konkurrenz und Einzelhandel dieses neue Angebot des Online-Giganten bezeichnen. Denn mit „Prime Wardrobe“ will Amazon nun auch das Kleidergeschäft aus dem Netz an sich reißen. Eine solche Ankündigung kommt eigentlich wenig überraschend, der Schritt war ja beinah schon überfällig. Und doch hat sie gereicht, um die Aktienkurse der Konkurrenz zum Teil erheblich in den Keller zu schicken. So verlor die US-Kaufhauskette JC Penny nach Bekanntwerden des Vorhabens über fünf Prozent an Wert. Bei Nordstrom ging es charttechnisch um zirka vier Prozent gen Süden. Viele weitere Unternehmen der Branche hatten mit Verlusten an der Börse zu kämpfen. Besonders hart traf die Ankündigung die deutschen Modehändler von Zalando. Um über sechs Prozent ging es vergangenen Mittwoch bergab. Dienstag und Mittwoch zusammen genommen waren es sogar um die zehn Prozent. Das Problem: Amazon macht schon jetzt mehr Umsatz mit Mode als Zalando.

„Prime Wardrobe“ ist zunächst nur für Prime-Kunden erhältlich. Bezos folgt damit einer bereits durch US-Marken wie Stitch Fix oder Jack Threads bekannten Strategie. Bis zu 15 Kleidungsstücke kann sich der Kunde nach Hause bestellen und anschließend kostenlos wieder zurückschicken, sollte ihm keines davon gefallen haben. Die bisherigen Argumente für den stationären Einzelhandel, nämlich einfaches Umtauschen, Sichten und Anfassen der Klamotten werden damit ein Stück wertloser.

Mit „Prime Wardrobe“ kopiert Amazon mal wieder die Geschäftsidee anderer. Durch die Größen-, Finanzierungs- und Logistik-Vorteile des Konzerns könnte es dem Online-Warenhaus aber einmal mehr gelingen die Kopie erfolgreicher als das Original zu machen. Auch deshalb, da Amazon immer ein Stück unkomplizierter und einfach kundenfreundlicher daher kommt als die Konkurrenz. Gezahlt wird bei „Prime Wardrobe“ beispielsweise erst nach Eintreffen der Rücksendung und nicht im Voraus, wie es anderswo gängige Praxis ist. Ob das Bekleidungsgeschäft für Amazon am Ende auch lukrativ wird bleibt abzuwarten. Die kostenlosen Rücksendungen dürften die Marge stark beeinträchtigen. Eines aber dürfte klar sein: Auch der gefühlt letzte Strohhalm des Einzelhandels, das Bekleidungssegment, könnte nun sang- und klanglos davonschwimmen.

Und nun auch noch Whole Foods

Ein weiterer der letzten vom Online-Geschäft weniger beeinträchtigten Märkte war der des Lebensmittelhandels. Doch auch hiervon will Jeff Bezos nicht die Finger lassen. Aller Voraussicht nach wird sich der Amazon-Gründer die US-amerikanische Bio-Supermarktkette Whole Foods für 13,7 Milliarden US-Dollar einverleiben. Im vergangenen Jahr hatte das Unternehmen einen Umsatz in Höhe von 16 Milliarden US-Dollar ausgewiesen. Auch auf diese Ankündigung hin brachen die Aktienkurse einiger Konkurrenten teils kräftig ein. Der von Wal-Mart beispielsweise sank um sieben Prozent. Bei der Aktie des ebenfalls amerikanischen Einzelhändlers Kroger ging es gar um 17 Prozent bergab. Die Papiere von Sprouts Farmers Market verloren 15 Prozent.

Ebenso verunsichert waren die Aktionäre von europäischen Lebensmittel- und Einzelhändlern. Die Aktie der französischen Kette Carrefour verlor vier Prozent an Wert, der Anteilsschein des britischen Sainsburry-Konzerns fünf Prozent. Auch die deutsche Einzelhandelskette Metro musste an der Börse einen Verlust in Höhe von knapp zwei Prozent hinnehmen. Die Whole-Foods-Aktie dagegen stieg zeitweise um mehr als 30 Prozent, wurde in der Folge sogar vom Handel ausgesetzt.

Für viele klingt das nach einer äußerst bedrohlichen Paarung für den internationalen Lebensmittelhandel. Noch ist nicht klar, wie genau Amazon Whole Foods gewinnbringend nutzen möchte, doch der Deal zeigt: Online- und Offline-Markt beginnen immer mehr zu verschmelzen. Und dann wäre da noch die Frage: Was kauft Jeff Bezos in Zukunft noch so alles? Der kennt offenkundig keine Greunzen, und Whole-Foods könnte erst der Anfang gewesen sein. Da wäre beispielsweise noch der Food-Delivery-Konzern Grubhub, mit 18 Prozent Marktanteil der größte Essenslieferant der USA. Derzeit ist das Unternehmen mit 3,9 Milliarden US-Dollar bewertet. Ein Klacks im Vergleich zu den 13,6 Milliarden, die Amazon für Whole Foods hinblättern muss. Wer auf diesen weiteren Zukauf spekulieren möchte, dem sei übrigens die Aktie von Grubhub empfohlen.

Wer derzeit dagegen mit Aktien von Rocktet Internet oder Firmen an denen die Berliner Anteile halten spekuliert, für den ist spätestens jetzt allerhöchste Vorsicht geboten. Denn nicht nur das Modeunternehmen Zalando ist durch die bevorstehende Amazon-Expansion in Gefahr, auch die Global Fashion Group und Hellofresh, immerhin zwei von Rocket Internets wesentlichen Beteiligungen, erzielen ihre Umsätze mit dem Kleider- und Lebensmittelversand. Und dann gibt es ja noch Delivery Hero. Auch an diesem Lebensmittelversandhändler hält Rocket Internet Anteile. Bald steht dessen Börsengang an. Wenn dieses IPO durch Amazons Ankündigungen nicht mal gehörig vermiest wird.

Fazit

Auf Einzelhandelsketten wie Metro, Carrefour oder Wal-Mart könnten chaotische Monate und Jahre zukommen. Für die europäischen Konzerne vor allem dann, wenn Amazon auch außerhalb seines Heimatmarktes mal so richtig ernst macht. Vom Einzelhandel sollte man an der Börse vielleicht vorerst die Finger lassen. Wenn überhaupt kann man bei übertriebenen Kursverlusten die Chance zum Einstieg nutzen. Genauso erscheint aber auch die Amazon-Aktie derzeit nicht mehr gerade als Top-Pick. Sie ist trotz aller Ankündigungen und Zukunftspläne zu hoch bewertet. Investments in defensivere Titel wie die von Rückversicherern oder Chemie-Konzernen scheinen da derzeit die bessere Wahl zu sein. OG

23.06.2017 | 16:36

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