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Großbritannien: Schwächere Währung – starker Aktienmarkt?

Börse London: noch Anschluss trotz Brexits? (Bild: Fotolia / Jürgen Fälchle)


Die globale Konjunktur scheint aktuell rund zu laufen, viele Börsen weltweit eilen von Rekord zu Rekord. Der britische Aktienmarkt macht da keine Ausnahme: Seit Jahresbeginn konnte der britische Index FTSE 100, der die 100 bedeutendsten britischen Konzerne listet, um knapp fünf Prozent in Landeswährung zulegen. Die Stimmung unter den Marktteilnehmern scheint aktuell also auch in Großbritannien gut zu sein – und sie lässt sich derzeit auch von politischen Ereignissen kaum eintrüben.

Von Ulrich Stephan

Immerhin hat das britische Parlament jüngst den Weg für den Brexit-Antrag freigemacht, und auch die britische Königin Elizabeth II hat dem zugestimmt. Premierministerin Theresa May kündigte daraufhin bereits an, den EU-Austritt ihres Landes am 29. März offiziell erklären zu wollen. Zwar müssen die Abgeordneten nach Abschluss der Austrittsverhandlungen zwischen Großbritannien und der EU dem Austritt noch abschließend zustimmen, ein „Nein“ dürfte hier jedoch unwahrscheinlich sein. Die Reaktionen an den Finanzmärkten auf den Parlamentsbeschluss waren angesichts der Verwerfungen im Anschluss des Brexit-Votums ein Stück weit überraschend: Sie hielten sich in Grenzen. Und der FTSE 100 lief weiter gut.

Zwar geriet das britische Pfund im Anschluss an die Parlamentszustimmung zunächst unter Druck, es konnte seine Verluste insbesondere dem Euro gegenüber jedoch schnell wieder wettmachen (siehe Grafik). Nichtsdestotrotz rechnet die Deutsche Bank damit, dass die britische Währung – wie bereits im Zuge des Brexit-Referendums – in den kommenden Monaten deutlich an Wert verlieren dürfte. Neben dem wohl steigenden Zinsunterschied zu den USA, der zu Kapitalabflüssen in Richtung Vereinigte Staaten führen könnte, sowie ersten Anzeichen einer Konjunkturabkühlung in Großbritannien dürften dabei vornehmlich die anstehenden Diskussionen um die Gestaltung des EU-Austritts eine Rolle spielen.

Dementsprechend rechnet die Deutsche Bank bis zum Jahresende mit einer Abwertung des Pfund gegenüber dem US-Dollar um 13 Prozent – größere Schwankungen nicht ausgeschlossen. Auch der Wechselkurs zum Euro dürfte sich schwankungsintensiver zeigen als die Jahresendprognose von minus drei Prozent für das Pfund auf den ersten Blick erscheinen lässt. Aufgrund der erwähnten Risiken hält die Deutsche Bank zwischenzeitlich sogar eine Parität Euro/Pfund für möglich, was einer Abwertung von mehr als zehn Prozent entspräche.

Die Unternehmen im britischen Leitindex FTSE 100 könnten von dieser möglichen Pfundschwäche profitieren – denn sie erwirtschaften rund 60 Prozent ihrer Umsätze im Ausland. Ein schwächeres Pfund würde zum einen britische Produkte im Ausland günstiger und damit wettbewerbsfähiger machen. Zum anderen würde es sich positiv auf die Gewinnsituation von Unternehmen auswirken, die ihre Produkte in Fremdwährung verkaufen – schließlich werden diese Einnahmen letztendlich in Pfund transferiert.

Angesichts dieser Perspektiven scheint der britische Aktienmarkt aktuell interessant bewertet: Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 14,5 mit Blick auf die kommenden zwölf Monate ist der FTSE 100 aktuell günstiger bewertet als der gesamteuropäische Aktienindex Stoxx 600 – wenngleich frühere Wertentwicklungen, Simulationen oder Prognosen kein Indikator für die künftige Wertentwicklung sind. Ein Risikofaktor dürfte jedoch die vergleichsweise hohe Gewichtung des Rohstoffsektors im FTSE 100 darstellen – wenngleich die anhaltenden chinesischen Konjunkturstimuli die Rohstoffnotierungen stützen sollten.

Bietet der britische Aktienmarkt Anlegern damit also interessante Perspektiven? Zumindest für Investments in Euro eher nicht – schließlich dürfte hier die zu erwartende Pfundschwäche die Performance belasten. Insgesamt dürfte für Euroanleger ein Investment auf dem breiten europäischen Aktienmarkt eine interessantere Möglichkeit darstellen, gleichwohl der Anlagefokus aufgrund der wachstumsfördernden Politik in den USA nach wie vor auf den Vereinigten Staaten liegen könnte.

Dr. Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

27.03.2017 | 12:49

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