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Der Lufthansa-Aktien-Crash

Lässt die Aktie die Flügel etwa hängen.... oder wurde nur ein wenig gehegdt? (Bild: Lufthansa / Hadi Khandari)


Was in dieser Woche mit der Lufthansa-Aktie passierte, ist dramatisch und geheimnisvoll zugleich. Denn eigentlich gab es keinen Grund für den Kurseinbruch, von dem die Aktie am Donnerstag heimgesucht wurde. Oder doch?

Die Aktien der Lufthansa sind in dieser Woche in schwere Turbulenzen geraten. von Fluggesellschaften sind am Donnerstagvormittag stark unter Druck geraten. Die Papiere sackten am Donnerstag schlagartig um 8,56 Prozent ab. Das Branchenblatt „Der Aktionär“ beschrieb das als „Blutbad“. Am Freitag sackte das Papier nach anfänglichen, vielleicht technischen Reaktionen weiter ab, wenn auch nicht so extrem wie tags zuvor.

Großes Rätselraten auf dem Börsenparkett. Erst zu Wochenbeginn hatte Lufthansa grandiose Zahlen präsentiert: Im ersten Halbjahr erzielte der Dax-Konzern einen bereinigten operativen Gewinn von 1,04 Milliarden Euro und damit knapp doppelt so viel wie ein Jahr zuvor. Für das Gesamtjahr peilt Vorstandschef Carsten Spohr nun einen operativen Gewinn über den 1,75 Milliarden Euro aus dem Vorjahr an.

Getrieben wurde das Ergebnis im ersten Halbjahr sowohl vom Passagierverkehr als auch von anderen Geschäftsfeldern. Der Konzernumsatz stieg von 15 auf 17 Milliarden Euro. Das Adjusted EBIT stieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 97 Prozent auf 1,042 Milliarden Euro. Dieses Ergebnis schlägt die durchschnittliche Analystenerwartung um 27 Prozent. Mit 60 Millionen Passagieren (+ 17,2 Prozent) habe die Lufthansa Group im ersten Halbjahr 2017 so viele Passagiere wie noch nie zuvor befördert. Der Sitzladefaktor sei in diesem Zeitraum mit 79 Prozent ebenfalls auf einen historischen Höchstwert gestiegen und liege für die ersten sechs Monate 2017 um 2,7 Prozentpunkte über dem Vorjahreszeitraum.

Offenbar nutzen einige große Anleger die sehr guten Zahlen zu Gewinnmitnahmen. Die Aktie der Lufthansa zählt seit Monaten zu den besten europäischen Standardwerten überhaupt und hat seit Jahresbeginn mehr als 70 Prozent zugelegt. Die schlagartige Gewinnmitnahme deutet darauf hin, dass ein größerer Hedgefonds seine Position glattgestellt hat. Leerverkäufer seien am Werk gewesen. An der Börse war zu hören, dass die Verkäufe von New Yorker Adressen gekommen seien. Tatsächlich haben insbesondere die New Yorker Banken in den vergangenen tagen zu Gewinnmitnahmen geraten. Unter anderem bei Goldman Sachs, der Deutschen Bank, Morgan Stanley und Bernstein Research steht Lufthansa auf der «Verkaufen»-Liste. «Die Fluggesellschaft hat ausgezeichnete Kennziffern ausgewiesen. Die höheren Gewinnziele hat der Markt aber bereits eingepreist», sagt auch Adrian Pehl, Analyst der Commerzbank.

Der geheimnisvolle Gewinnmitnehmer...

Als Anlass für die Gewinnmitnahmen wurde die Verschärfung der Reisepolitik mit der Türkei genannt. Unter einer Eskalation der deutsch-türkischen Beziehungen würde  die Flugbranche leiden. Gerüchte, dass türkische Investoren sich von Lufthansa-Aktien getrennt hätten, wurden am Markt nicht bestätigt. „Der Türkei-Streit ist nur der Anlass zum Kasse-Machen“, hieß es in Frankfurt. Außerdem hätten die schwierigen Zahlen von Easy-Jet gezeigt, dass der harte Konkurrenzkampf mit anderen Billigfluglinien andauere. EasyJet und Ryanair mussten ebenfalls deutliche Kurseinbußen hinnehmen. Auch ein steigender Ölpreis könnte die Gewinne wieder schrumpfen lassen. Große Fonds würde nun also mit einer Sektorrotation beginnen. Damit ist gemeint, dass vor allem Großanleger ihr Engagement in der Luftfahrtbranche zurückfahren und dafür stärker in einer anderen investieren.

Für Charttechniker ist der plötzliche Kursrutsch freilich interessant. „Damit kann es jetzt schnell zu einer hochinteressanten Tradingchance auf der Short-Seite kommen“, schreiben die Analysten von Lynx. Denn die Aktie sei durch das dramatische Minus von 8,56 Prozent „in Schlagdistanz zur Kreuzunterstützung aus der oberen Begrenzung des Oktober-Aufwärtstrendkanals und der Januar-Aufwärtstrendlinie (18,50/18,80 Euro) gelangt.“ Wenn diese Zone durchschlagen würde, fände sich der nächste charttechnische Auffangbereich von Bedeutung erst wieder in der Region um die bis in den Januar 2015 zurückreichende Pivot-Zone 15,40/15,55 Euro, die untere Begrenzung des Oktober-Trendkanals bei 15,20 Euro sowie die 200-Tage-Linie bei aktuell 14,55 Euro. Bevor die Lufthansa-Aktie aber die jetzt angelaufene Kreuzunterstützung nicht mit Schlusskursen unter 18,40 Euro hinreichend deutlich gebrochen hat, sollte man sich auf der Short-Seite noch eher bedeckt halten. Denn immerhin fand am Freitag der Abrechnungstermin am Terminmarkt statt, der den Ausverkauf vom Donnerstag deutlich intensiviert haben könnte.

21.07.2017 | 13:56

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