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Deutsche Bank und Commerzbank: Zwei Geldhäuser auf Erfolgssuche


Deutschlands private Großbanken kommen einfach nicht in Schwung. Immer noch verschlingen Umbaumaßnahmen hunderte Millionen Euro, während auf der anderen Seite die Erträge mehr oder weniger stagnieren. Die Konkurrenz aus Übersee enteilt, die Aktionäre werden zunehmend ungeduldig. Unter Anlegern wie Analysten entbrennt eine hitzige Debatte um die richtige Ausrichtung und Strategie sowie das beste Konzept für die Zukunft.

Von Oliver Götz

Es waren Worte, die man sich wohl nur als IT-Vorstand mit einem mehr als ordentlichen Finanz-Polster auf dem Konto erlauben kann. Die Deutsche Bank sei das „dysfunktionalste Unternehmen“, für das sie je gearbeitet habe, hatte Kim Hammonds jüngst auf einem Führungstreffen der Bank in die Runde geschleudert. Und somit praktisch mit einem Satz ihre Kündigung eingereicht beziehungsweise die Frage nach der Verlängerung ihres Arbeitsverhältnisses klar und deutlich selbst beantwortet. Darüber hinaus hat sie mit diesem einen Satz aber auch den chaotischen Zustand verdeutlicht, in dem sich Deutschlands größtes Geldhaus nach wie vor befindet.

Nach Anshu Jain und Jürgen Fitschen ist nun auch Hoffnungsträger John Cryan ziemlich sang- und klanglos gescheitert. Die Gründe liegen auf der Hand. Im Handel mit Anleihen, Devisen und Derivaten fielen die Erträge um 50 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro. Zudem konnte Cryan in keinem Jahr einen Gewinn ausweisen. Ganz im Gegenteil: Mit 6,8 Milliarden Euro 2015, 1,4 Milliarden 2016 und 735 Millionen 2017 machte die Bank unter seiner Führung weiter hohe Verluste. Für das erste Quartal 2018 steht nun auch schon wieder eine Gewinnwarnung im Investmentbanking  in Höhe von 450 Millionen Euro im Raum. Grund sollen der starke Euro und höhere Refinanzierungskosten sein. Und an der Börse hat sich der Wert der Bank-Aktie halbiert.

Richten soll es nun der 47-jährige Christian Sewig, also einer aus den eigenen Reihen, der bereits seit seiner Ausbildung bei der Bank arbeitet. Mit Karl von Rohr und Garth Ritchie werden auch die beiden Stellvertreterpositionen neu besetzt. Gut möglich, dass Sewig das Privat- und Firmenkundengeschäft wieder stärker in den Fokus rückt. Dort hat er es in seiner bisherigen Funktion bereits geschafft die Kosten zu senken. Das Investmentbanking soll darunter aber nicht leiden. „Unser Mandat ist es, die Investmentbank profitabel zu machen“, kündigte Ritchie, der ebenfalls schon seit Jahrzehnten bei der Bank arbeitet, in der Financial Times an. Es sei nicht Aufgabe, den Bereich zusammenzustutzen.

Geht also doch alles weiter wie bisher? Nur mit neuen Köpfen und etwas neuem Schwung? „Ich wüsste nicht, was ein anderer Manager besser oder deutlich anders machen sollte als Cryan“, schrieb Equinet-Analyst Philipp Hässler. Die Fehler, die in den vergangenen 20 Jahren gemacht worden seien, könne man nicht in zweieinhalb Jahren korrigieren, ist auch Union Investment-Fondsmanager Ingo Speich mit Blick auf eine zeitnahe Wende skeptisch.

Sewig und Co. müssen nun zeigen, dass sie es eben doch anders und besser können. Und vermutlich haben sie dafür noch weniger Zeit als ihre Vorgänger.  „Eine erneute Strategiedebatte sei angesichts der mittlerweile überstrapazierten Geduld der Anleger unausweichlich“, appellierte zuletzt nicht nur Independent Research-Analyst Tim Rießelmann ziemlich direkt an ein Umdenken. Auch Citigroup-Analyst Andrew Coombs warnte die Aktionäre: Ob die Bank die richtige Strategie fahre, sei nicht mehr sicher.

Immer noch konzentriert sich die Bank auf das Investmentbanking, doch genau da schwächelt man, kann mit der US-Konkurrenz nicht mehr mithalten. Insbesondere der Handel mit Anleihen, Währungen und Rohstoffen hat schon deutlich bessere Zeiten gesehen. Im deutschen M&A-Bereich ist man zudem nicht mehr automatisch Ansprechpartner Nummer eins. Und dann sind da natürlich noch die niedrigen Zinsen, worunter die europäischen Banken im Allgemeinen leiden. Nicht zu vergessen sind auch die weiterhin sündhaft teuren Rechtsstreitigkeiten und Ausgleichszahlungen aufgrund der illegalen Geschäfte zu Finanzkrisenzeiten.

Alles in allem gehe so die Erosion der Erträge noch immer schneller vonstatten als die Reduzierung der Kosten, bemängelt Experte Coombs die Geschäftsentwicklung. Das spürt die Bank vor allem an der Börse. Anleger verlieren zunehmend die Geduld. 2007, also kurz vor Ausbruch der globalen Finanzmarktkrise, bekam man für eine Aktie des Finanzinstituts noch 92 Euro. Etwas mehr als zehn Jahre später sind noch rund elf Euro übrig. Allein seit Beginn des laufenden Jahres steht ein Verlust in Höhe von 30 Prozent zu Buche. Nun war 2018 mit Blick auf steigende Kurse bislang generell kein besonders freundliches Jahr. Die überaus miserable Performance der Deutschen Bank aber toppt DAX-weit kein anderes Papier. Dass die Bonuszahlungen an die eigenen Mitarbeiter immer noch zehnmal so hoch sind wie das, was an Aktionäre ausgeschüttet wird, dürfte bei Anlegern für zusätzlichen Unmut sorgen.

Während die Deutsche Bank also mal wieder vor einem schweren Neuanfang steht, kann die Commerzbank vergleichsweise optimistisch in die Zukunft blicken. Man erwarte 2018 einen „signifikanten Anstieg des Konzernüberschusses“, da keine nennenswerten Aufwendungen für den Umbau mehr anfallen würden, schürte Deutschlands zweitgrößte börsennotierte Privatbank zuletzt die Erwartungen. Man strebe daher auch an „für das Geschäftsjahr 2018 eine Dividende auszuschütten“, versicherte CEO Martin Zielke. Bislang war dies erst einmal nach Ausbruch der Finanzkrise der Fall gewesen.

Mit Blick auf die nach wie vor anhaltenden Übernahmephantasien und die wohl im kommenden Jahr auch in der Eurozone wieder ansteigenden Zinsen eigentlich gute Nachrichten. Zudem bemüht sich die Bank um ein jüngeres und an den modernen Zeitgeist angepasstes Image. Mit Investitionen in die Digitalisierung will man die wichtigen Kunden von morgen bereits heute abholen. So planen die Frankfurter beispielsweise eine internationale Online-Bank. Überhaupt soll das „Banking“ übers Smartphone noch besser nutzbar gemacht werden. Mit ihren Bemühungen zielt die Commerzbank klar auf das Privatkundengeschäft ab, auf das man sich zunehmend spezialisiert. Damit scheint man im Vergleich zum großen deutschen Konkurrenten eine klarere Strategie zu fahren.

Alles in allem hat man jedoch mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen. Seit 2015 schrumpfte der Gewinn von 1,1 Milliarden Euro auf 279 Millionen 2016 und nur noch 156 Millionen 2017. Dass es überhaupt bei schwarzen Zahlen blieb, hat man Sondereffekten wie dem Verkauf seiner Konzernzentrale zu verdanken. Für 2018 rechnet man nun zwar mit dem bereits erwähnten Ergebnisanstieg, die Erträge allerdings werden rückläufig erwartet. Das operative Ergebnis soll auf Vorjahresniveau stagnieren, sprich auf zirka 1,3 Milliarden Euro.

Die Commerzbank bräuchte 2019 eine Zinserhöhung um mindestens ein Prozent, um ihr Ziel einer bereinigten Eigenkapitalrendite von mehr als sechs Prozent zu erreichen, ist Kepler Cheuvreux-Analyst Tobias Lukesch skeptisch. Zudem seien die Wachstumsaussichten mit Blick auf die Erträge im Unternehmenskundengeschäft bis 2020 enttäuschend. Sein Kursziel senkte er auf elf Euro. Derzeit ist das Commerzbank-Papier zu einem Preis von 10,70 Euro zu haben, seit Jahresbeginn hat der Kurs also schon um rund 14 Prozent nachgegeben. Von ihrem Hoch bei 219 Euro von vor der Finanzkrise ist auch die Commerzbank-Aktie meilenweit entfernt.

Ganz anders sieht es übrigens bei der amerikanischen Konkurrenz aus. Goldman Sachs und JPMorgan haben die Finanzkrise längst hinter sich gelassen, die Gewinne sprudeln und die Aktienkurse kletterten zuletzt von einem Rekordhoch zum nächsten. Auch bei der Bank of America und der Citigroup läuft das Geschäft wieder. Die deutschen wie auch die übrigen europäischen Geldhäuser im Allgemeinen verlieren gegenüber diesen wiedererstarkten, ja inzwischen beinahe übermächtigen Wettbewerbern zunehmend an Boden. Das verunsichert die Anleger und lässt die Aktienkurse immer weiter fallen.

„Einen Öltanker zu wenden, benötigt eben seine Zeit“, hatte John Cryan noch vor kurzem auf einer Veranstaltung in Texas gesagt. Cryans Zeit ist abgelaufen, und auch Sewig und Zielke dürften nicht viel davon haben. Beginnt man nicht schleunigst damit die Lücke zur internationalen Konkurrenz zu schließen und vor allem auch die digitale Transformation entschieden voranzutreiben, könnte die Wende, wenn sie denn überhaupt einsetzt, zu spät kommen.

13.04.2018 | 00:46

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