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Deutsche Börse: Kengeter geht, Gewinnziel kassiert

(Bild: Deutsche Börse)

Nimmt seinen Hut: Carsten Kengeter (Bild: Deutsche Börse)


Der DAX markierte einen neuen, vielversprechenden Höchststand, der Handel auf dem Frankfurter Parkett lief gut – da platzte die Bombe: Carsten Kengeter nimmt zum Jahresende seinen Hut. Prompt kassierte die Deutsche Börse, selbst im DAX notiert, ihre bisherigen Gewinnziele. Die Aktie des Börsenkonzerns ist nach anfänglicher Erholung zum Wochenschluss ins Trudeln geraten. Was Anleger jetzt bedenken sollten.

Für demonstrativen Optimismus und unbedingtem Willen ist Carsten Kengeter als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Börse wie auch als Extremsportler bekannt. In seiner Freizeit läuft er gelegentlich einen Doppelmarathon, das sind mehr als 84 Kilometer am Stück. Und mit der Kraft eines Doppelmarathonläufers setzte er die Fusionsverhandlungen mit der London Stock Exchange, LSE, durch. Damit hätte er durchaus Erfolg haben können – wenn nicht zum Beispiel der Brexit dazwischengekommen wäre. Und unbeirrt war der Doppelmarathonmann auch angesichts eines gegen ihn geführten Ermittlungsverfahrens wegen Insiderhandel: Kurz vor der Aufnahme der Fusionsverhandlungen mit der LSE hatte er für 4,5 Millionen Euro Aktien des eigenen Hauses gekauft – und die gingen zwei Wochen später, nach Bekanntgabe der Fusionsverhandlungen mit London, erwartbar durch die Decke. Das ganze war sogar noch im Rahmen eines Bonusprogramms angesiedelt, was dem CEO zusätzliche Aktien bescherte. Schon lange war er deswegen unter Druck. Und nun nimmt er zum Jahresende seinen Hut.

Zunächst überraschte Kengeter die meisten Beobachter mit seinen Rückzug. Der aktuelle Grund: die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen ihn werden, anders als er selbst es vielleicht erwartet hatte, nicht eingestellt. „Diese Entscheidung ist mir schwergefallen, da ich mich eng mit der Deutschen Börse verbunden sehe und noch viele Ziele hatte“, sagte er zur Begründung. „Angesichts der öffentlichen Vorwürfe und Behauptungen will ich mit diesem Schritt vor allem die Deutsche Börse schützen.“ Doch nach einer kurzen Phase der Erleichterung in der Kurs der Börsenaktie bis zum mittags des Folgetag deutlich stieg, setzte Ernüchterung ein. Die anteile der Deuschen Börse wurden durchgereicht und haben momentan wohl einige Luft nach unten. Das sind keine guten Nachichten für die Anleger!

Enttäuschte Hoffnungen

Das war aber nicht die einzige Hiobsbotschaft für die Deutsche-Börse-Aktionäre. Der Börsenkonzern kassierte gleich auch noch seine Prognose für das Jahr 2017, die ein Wachstum des Nettogewinns um fünf bis zehn Prozent ebenso beinhaltet hatte wie eine Gewinnsteigerung um zehn bis 15 Prozent. Der wohl wichtigste Grund für die Rücknahme dieser Prognose ist aber nicht Kengeters Rückzug, sondern die Flaute an den Märkten. So widersinnig  dies auf den ersten Blick erscheint, so logisch ist dies bei genauerem Hinsehen: Angesichts des hohen, stabilen Niveaus der Indites gab es an den Märkten in den vergangenen Wochen weniger Aufträe für Käufe oder Verkäufe. Finanzchef Gregor Pottmeyer drückt das so aus: „Infolge anhaltender negativer zyklischer Effekte werden wir unsere Ziele für das Gesamtjahr 2017 sehr wahrscheinlich nicht ganz erreichen können.“

Die Aktie der Deutschen Börse reagierte zunächst durchaus positiv auf die Nachrichten. In einem bullischen Markt, der am Donnerstag mit einem Rekordhoch schloss, legte sie deutlich zu. Dann aber, zum Wochenschluss, schlitterte sie von der DAX-Spitze auf die Verliererseite. Was darauf deutet, wie groß auch die Anleger die Belastung durch die Ermittlungen gegen Kengeter einschätzen. Sie sind nicht zuletzt desillusioniert, was seine Person betrifft. Die Irritationen durch sein mutmaßliches Fehlverhalten könnten durchaus noch Folgen haben, und zudem fällt nun auf, dass die Geschäftszahlen keine positive Überaschungen bergen. Schon in der Pressekonferenz, auf der die Halbjahreszahlen vorgestellt worden waren, hatte ja CFO Pottmeyer die Prognose für den Jahresgewinn unter den Vorbehalt gestellt, dass sich in der zweiten Jahreshälfte 2017, etwa durch gestiegene Voltilität an en Märkten, deutlich erhöhte Marktschwankungen ergeben würden. Doch diese Aussicht, die für die Anleger Streß bedeuten würde, für die Handelsplätze aber Gewinn, hat sich für die Deutsche Börse bislang nicht erfüllt.

Anleger sollten sich für volatile Zeiten wappnen

Allgemein wird mit einer steigenden Volatilität an den Märkten gerechnet, wenn das Tapering der Anleihenkäufe der Zentralbanken einsetzt. Dieser Prozess ist nun zwar eingeleitet, zugleich ist die Geschwindigkeit, mit der das Tapering einsetzen soll, durch Mario Draghi aber deutlich verlangsamt worden. Außenplitische Krisen werden im Falle des Falles ebenfalls zu höherer Volatilität führen, doch zum Glück blieben größere Verwerfungen – über die bekannten Krisenherde hinaus, die schon schlimm genug sind – bislang aus. „Die Volatilität, sie ist einer der Haupttreiber der Handelsaktivität auf den Kassa- und Terminmärkten, blieb im Quartalsdurchschnitt auf sehr niedrigem Niveau“, heißt es im dementsprechend in der aktualisierten Prognose der Deutschen Börse. Im vierten Quartal rechnet der DAX-Konzern ebenfalls nicht mehr mit einer deutlichen Belebung. Man weist stattdessen darauf hin, dass viele Anleger derzeit wegen des bevorstehenden Brexits verunsichert sind und größere Umschichtungen schlichtweg aus Angst verschieben. Das Nullzinsumfeld, dessen Niveau sich nur unwesentlich verbessert hat, tut ein übriges dazu.

Kengeter hinterlässt im übrigen ein bestelltes Haus. Die Erlöszuwächse der Deutschen Börse beliefen sich im abgelaufenen Quartal auf drei Prozent. Das entspricht 576 Millionen Euro. Der um Sondereffekte bereinigte Überschuss stieg um vier Prozent auf 198 Millionen Euro. Beide Kennzahlen liegen damit in der Tat unter dem Korridor von fünf bis zehn respective zehn bis 15 Prozent, die vorgegeben waren. Deutlich unter der Flaute an den Märkten litt die Derivate-Sparte Eurex, deren Betriebsgewinn (Ebit) im dritten Quartal um zehn Prozent zurückging. Nennenswert zulegen konnten dagegen die Wertpapierverwahr-Tochter Clearstream und das Marktdatengeschäft. Dies deutet auf ein solides, aber an Impulsen armes Geschäft hin. Carsten Kengeter, der für starke Impulse sorgte, scheint zu fehlen, schon vor seinem Abgang. Und so bemerken mehr und mehr Beobachter, dass ihn das Verfahren wegen des Verdachts auf Insiderhandel, das gegen ihn läuft und das nun eben nicht eingestellt wurde, ihn wohl doch noch stärker belastet, als er es bislang zugegeben hat. Doppelmarathon-Qualitäten reichten nicht: ein Börsen-Chef, der des Insiderhandels verdächtigt wird, der kann auch mit den schnellsten Schuhen nicht schnell genug laufen.

„Man hätte schon viel früher die Notbremse ziehen sollen“, fasst der als „Bankenprofessor“ bekannte Finanzwissenschaftler Wolfgang Gerke die Stimmung zusammen. Und das ist denn auch der Stoff, aus dem ein Abwärtspotntial für eine Aktie. Die Anleger der Deutschen Börse müssen auf einen Nachfolger hoffen, der wieder Impulse setzt und Ideen mitbringt, denn sonst taucht wieder ein Gespenst am Horizont auf, das die Anleger nicht gerne sehen: die Deutsche Börse könnte auch zu einem Übernahmekandidaten werden. Und wenn es erst soweit ist, helfen dem Börsenkurs des DAX-Konzerns die schönsten momentanen Gewinnzuwächse ebensowenig wie die immer neuen Rekordstände seines wichtigsten Börsenbarometers, des DAX. sig

27.10.2017 | 00:31

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