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Europas Lokomotivenbauer senden „starkes Signal“

Ein europäisches Projekt, ganz im Sinne Merkels und Macrons (Bild: Wikimedia / Hullie / gemeinfrei)


Europa musste auch wirtschaftlich ein Zeichen setzen. Der Wahlausgang in Deutschland macht dies einmal mehr deutlich. Und bereits im Jahre 1848 war es die Bahn, die mit der Fertigstellung der Strecke Paris-Warschau ein europäisches Signal setzte. Wie sehr vor diesem Hintergrund die Zusammenlegung der Bahnsparten von Siemens und Alstom als das erwartete politische Signal zu werten ist, steht dahin. Es wird Europa in jedem Fall stärken – im globalen Wettbewerb.

Politisch ist es also ein starkes Signal. Was aber wird sich durchsetzen: die Idee von der Stärkung Europas oder die Bedenken vor einem Ausverkauf vor allem diesseits des Rheins? Vor rund drei Jahren war sie bereits im Gespräch: Die Fusion der Zug- und Bahntechniksparten von Siemens und Alstom. Damit reagieren die beiden europäischen Schwergewichte auf die erstarkende Konkurrenz aus China. Bei den wirtschaftlich denkenden Anlegern kam jedenfalls Freude auf, die Kurse beider Technologiekonzerne stiegen im Anschluss kräftig. Doch der Deal birgt vor allem auch wirtschaftliche Risiken.

Als die Aufsichtsräte der beiden Unternehmen am Dienstagabend einstimmig für eine Zusammenlegung ihrer Zug- und Bahntechniksparten votierten, verbreiteten sowohl bei Siemens-Chef Joe Kaeser als auch bei Alstom-CEO Henri Poupart-Lafarge demonstrativen Optimismus. „Dieser deutsch-französische Zusammenschluss unter Gleichen sendet in vielerlei Hinsicht ein starkes Signal“, sagte Kaeser und sprach von der Schaffung eines neuen europäischen Champions und nicht zuletzt davon „die europäische Idee in die Tat umzusetzen“. Poupart-Lafarge sieht in der Fusion einen „Schlüsselmoment“ und fügte an: „Ich bin besonders stolz darauf, die Schaffung eines solchen Konzerns zu leiten, der zweifellos die Zukunft der Mobilität prägen wird.“

Doch mit ihrer Kopplung der beiden Zugsparten machen sich die Manager diesseits und jenseits des Rheins nicht nur Freunde. Sowohl Franzosen als auch Deutsche befürchten einen Ausverkauf der eigenen Industrie. Und so stellt sich die Frage: Bleiben am Ende zwei Gewinner oder nur einer? Ob das tatsächlich so sein wird und vor allem ob davon Siemens und Alstom auf Dauer im gleichen Maße profitieren können, muss sich aber erst noch zeigen. Und hier lauert ein Risiko.

Durch die angestrebte Fusion, die erst noch von den Kartellbehörden genehmigt werden muss, entsteht ein neues Konzernkonstrukt mit 62.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 15 Milliarden Euro im Jahr. Der Unternehmenssitz soll Paris werden, dort hatte Alstom auch bisher seine Unternehmenszentrale. Damit wird man auch in der französischen Hauptstadt börsennotiert sein. Berlin bekommt dafür den Sitz-Zuschlag für die Sparte der Mobilitätslösungen (hauptsächlich Signaltechnik).

Analysten sind optimistisch

Für Analyst William Mackie von Kepler Cheuvreux sind das alles in allem Gründe für einen steigenden Aktienkurs. Er hob sein Kursziel von 125,00 auf 126,50 Euro an, stuft die Aktie aber weiterhin nur mit „Halten“ ein. Das neu entstehende Unternehmen dürfte global eine führende Stellung übernehmen und den Wert steigern, schrieb er in einer Studie. Ähnlich sieht das auch Independent Research-Analyst Sven Diermeier. Die Transaktion sei nicht überraschend. Mit der Fusion verkürze man den Rückstand zum chinesischen Weltmarktführer CRRC, der allerdings dennoch beträchtlich bleibe, so der Experte. Den Kurs der Siemens Aktie sieht er bei 128 Euro und rät ebenfalls dazu, das Papier zu halten.

Wirft man einen Blick auf den Siemens-Chart, ist der angestrebte Zusammenschluss für Aktionäre bisher wohl tatsächlich ein gern gesehener Kurstreiber. Im Zuge der neu-aufgeflammten Gerüchte und der nun erfolgten Bestätigung legte der Börsenkurs des Technologiekonzerns seit Anfang September sieben Prozent zu und steht nun bei 118,65 Euro pro Anteilsschein. Zum einen nämlich ist die Fusion ein wichtiger Schritt, um sich, wie bereits angedeutet, die chinesische Konkurrenz vom Leib zu halten. Der ebenfalls durch eine Fusion von China North Rail und China South Rail entstandene CRRC-Konzern ist eineinhalb Mal so groß wie die Bahnsparten von Siemens, Alstom und dem den Kanadiern von Bombardier zusammen. Und die Chinesen präsentieren sich expansionsfreudig. „Was auch immer die europäischen Bahnkunden und Fahrgäste in der Zukunft wünschen, wir können es bieten“, so das Management. „Man muss angesichts der Konkurrenz am Ball bleiben“, hatte Siemens-Chef Kaeser deshalb schon vor längerem wiederholt betont und eine Branchenkonsolidierung damit als notwendig erachtet.

Zum anderen sind diese neuen Fusionsbemühungen von Joe Kaeser ein weiterer Schritt in Richtung Holding-Struktur. Siemens-Alstom würde zu einer eigenen Gesellschaft werden, wie es bereits zuvor schon beim Zusammenschluss mit dem spanischen Windkraftanlagenbauer Gamesa der Fall. 2018 soll außerdem die Medizintechniksparte an die Börse gehen.

Wozu jetzt noch zwei verschiedene Schnellzüge?

Siemens und Alstom erhoffen sich durch die Fusion alles in allem Synergieeffekte in Höhe von 470 Millionen Euro pro Jahr. Im besten Falle bereits im vierten Jahr nach Abschluss der Zusammenführung. Ein ehrgeiziges Ziel, dem auf kurz oder lang allerdings auch Arbeitsplätze zum Opfer fallen können, befürchten Experten. Denn auch wenn Kaeser und Poupart-Lafarge davon nichts wissen wollen, dürften in einigen Segmenten die Doppelfunktionen ersichtlich sein. Macht es Sinn, in Zukunft zwei verschiedene Schnellzüge, den ICE und den TGV zu bauen? Wohl kaum. Allerdings können Siemens und Alstom derzeit auf ein gemeinsames Auftragsvolumen in Höhe von 61 Milliarden Euro blicken. Diese Summe spricht eher gegen großflächige Entlassungen. Die könnte es dagegen vor allem beim kanadischen Konkurrenten Bombardier geben. Die Nordamerikaner haben bereits angekündigt bis zu 2.200 Stellen streichen zu wollen. Der Flugzeug- und Eisenbahnbauer aus dem Land mit dem Ahornblatt auf der Flagge könnte durch die deutsch-französische Fusion in starke Bedrängnis geraten.

Einige Franzosen aber sehen durch den angestrebten Zusammenschluss vor allem die eigene Industrie in Gefahr. Die Regierung sei dabei, Frankreich Stück für Stück zu verkaufen, kam es von Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon. Gewerkschaften zeigen sich hinsichtlich einer zum späteren Zeitpunkt möglichen deutlicheren Führungsübernahme von Siemens besorgt. Dies könne zum Verlust von Arbeitsplätzen führen.

Dabei muss man sich fragen, ob das nicht andersherum eher der Fall sein könnte. Siemens hält zwar eine knappe, sehr knappe Mehrheit der Aktienanteile und könnte später auf 52 Prozent aufstocken, dennoch ist der Chef des neuen Konzerns mit Poupart-Lafarge ein Franzose und der Unternehmenssitz ist, es sei nochmals  erwähnt, Paris. Eine französische Job-Garantie für die kommenden vier Jahre scheint ausgehandelt. In diesem Sinne erscheint es nicht ganz unwahrscheinlich, dass am Ende die Jobs in Deutschland verloren gehen. Und damit auch Know-How.

Hat sich Siemens am Ende gar verzockt? Profitiert vor allem Alstom vom Züge-Deal? Mit Airbus gibt es bereits ein Beispiel eines europäischen Super-Konzerns, der zu einem großen Teil auch durch deutsche Firmen entstand, der nun aber seinen Sitz in den Niederlanden und seine Konzernzentrale in Toulouse hat. Im Geschäft mit Motoren für E-Autos hat Siemens derweil ein 50:50-Gemeinschaftsunternehemen mit Valeo ausgehandelt – wohlgemerkt, mit Unternehmenssitz in Paris. Und nach Informationen des Handelsblatts haben die Franzosen die Option darauf, in Zukunft die Führung zu übernehmen. Zur Siemens-Alstom-Fusion äußerte sich die französische Regierung nun in Form von Macrons Verkehrsministerin hoch erfreut. „Eine Konsolidierung wäre eine sehr gute Sache.“

Ja, TGV und ICE als Geschwister. Das klingt tatsächlich sinnvoll und gut. Zumindest so lange die eine Schwester nicht plötzlich die Oberhand gewinnt. Dieses Risiko, es träfe vor allem Siemens, sollten auch Anleger nicht außer Acht lassen. Oliver Götz / Sebastian Sigler

29.09.2017 | 01:45

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