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Herr Musk, halten Ihre Investoren das durch?

Werden die Anleger di Nerven behalten? Elon Musk hat einen höchst riskanten Fahrstil... (Bild: Teslamotors)

In den USA aktuell mehr Verkäufe als die Flaggschiffe von Mercedes, BMW und Audi zusammen: Tesla Model S (Bild. Teslamotors)


Es war eine kleine Sensation. Für kurze Zeit war der kalifornische E-Auto-Hersteller Tesla an den Märkten mehr wert als der deutsche Premiumkonzern BMW. Teslas Model S läuft in diesem Jahr auf dem US-Markt besser als alle vergleichbaren deutschen Konkurrenzmodelle zusammen. Wird Elon Musk zum Totengräber der deutschen Automobilhersteller? Oder wird er zum Ikarus des automobilen 21. Jahrhunderts?

Die Schlagzeile, dass sich Tesla in Sachen Marktkapitalisierung inzwischen dauerhaft vor den beiden großen amerikanischen Autobauern Ford und General Motors platziert hat, ist gerade einmal wenige Wochen alt. Elon Musk hat sich mit seinem E-Auto-Projekt auf Platz fünf der wertvollsten Automobilhersteller der Welt vorgearbeitet. Vor ihm liegen in absteigender Reihenfolge nur noch Toyota, Volkswagen, Daimler und BMW. Zwar werden an der Börse zu einem guten Teil hohe Erwartungen und kühne Visionen gehandelt – aber Toyota und die großen Drei aus Deutschland schienen dann doch nicht angreifbar.

Und dann kam der 9. Juni. Und der deutete an, dass Tesla auch die ganz Großen einholen kann. Durch ein zwischenzeitliches neues Allzeithoch der Aktie in Höhe von 376,8 US-Dollar erreichte Tesla eine Marktkapitalisierung von 62,9 Milliarden Dollar. Und zog damit für einen kurzen Moment einmal mehr auf die Überholspur und am Münchner BMW-Konzern vorbei. Dieser kam zum gleichen Zeitpunkt auf eine Marktkapitalisierung in Höhe von umgerechnet 61,3 Milliarden Dollar.

Gegen Ende des Handelstages mussten sich die Kalifornier den bayerischen Motorenwerken dann doch wieder geschlagen geben. Im Zuge eines schwächelnden Nasdaq, dessen Tech-Werte nach einer Goldman-Sachs-Studie, die vor deren teils hoher Bewertung warnte, stark einbrachen, wurde auch das Tesla Papier auf einen Kurs von 357,3 Dollar pro Aktie zurückgeworfen. So stand schlussendlich eine Marktkapitalisierung in Höhe von 59,6 Milliarden Dollar zu Buche. Am heutigen Morgen war der Tesla-Anteilsschein mit 359 Dollar bewertet. Aktionäre konnten 59,26 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung notieren.

Damit ist man immer noch ganz nah dran an BMW und der kurzfristige Ausbruch zeigt: Nicht wenige Aktionäre trauen Tesla den ganz großen Wurf zu. Nämlich den gesamten und globalen Automarkt umzukrempeln und sich auf lange Frist als einer der besten und größten Automobilproduzenten der Welt zu etablieren. Die Geschwindigkeit, mit der Tesla im Vergleich zu den etablierten Autobauern aufholt, ist dabei schwindelerregend. Noch im Dezember des vergangenen Jahres war BMW 30 Milliarden Dollar mehr wert als der Musk-Konzern.

Während Tesla am Finanzmarkt also von Erfolg zu Erfolg fährt, müssen die Verantwortlichen jenen nun auch auf die Straße bringen. Bis man einem Premiumhersteller wie BMW in der Realwirtschaft ernsthaft Konkurrenz machen kann, dürfte es dann doch noch ein wenig dauern. Dass sich auf dem US-Markt im ersten Quartal 2017 mehr Tesla Model S verkauften, als Mercedes S-Klassen, Porsche Panameras und BMW 6er und 7er zusammen, ist aber ein deutlicher Fingerzeig.

Fundamentaldaten schwach, Steigerung der Umsätze gigantisch

Wirft man einen Blick auf fundamentale Kennzahlen, sieht es für Tesla nicht mehr ganz so rosig aus. 2016 machten die Kalifornier sieben Milliarden Dollar Umsatz. Der von BMW lag bei 94,16 Milliarden Euro. Und während Tesla einen Verlust in Höhe von 773 Millionen Dollar rechtfertigen musste, fuhr BMW mit 9,67 Milliarden Euro mal wieder einen Rekordgewinn ein.  Damit einhergehend hat Tesla auch an der Börse nicht nur Bewunderer gefunden. Bei keinem anderen US-Unternehmen gibt es so viele Anleger, die mit Leerverkäufen gegen den zukünftigen Erfolg wetten. 24 Prozent der am Markt ausgegeben Tesla-Aktien sind Leerverkäufe.

In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres verdoppelte Tesla dagegen wieder seinen Umsatz von 1,2 Milliarden Dollar auf 2,7 Milliarden Dollar. Model S und Model X erzielten Rekord-Absätze. Ziemlich genau 25.000 Autos verkaufte Tesla im ersten Quartal des Jahres. Das sind knapp 70 Prozent mehr als zum Vergleichszeitraum des Vorjahres. Zudem sollen 2017 100 neue Tesla-Autohäuser auf der ganzen Welt entstehen.

Und dann ist da ja noch der für Juli vorgesehene Produktionsstart des hochgepriesenen Model 3. Auch dessen Verkauf soll noch in diesem Jahr starten. Allerdings vorerst nur in den USA. Einhergehend mit einem erfolgreichen Model 3 rechnet Elon Musk für 2018 mit einer Produktion von über 500.000 Fahrzeugen. Die nächsten Monate und Quartale dürften dementsprechend spannend werden. Nicht nur für Musk selbst, auch für den geneigten Anleger. Von Jahresbeginn an brannte die Tesla-Aktie ein Kursfeuerwerk ab und legte in ihrem Wert bis heute um knapp 58 Prozent zu. Wie viel von den mehr als hohen Erwartungen ist schon im Kurs enthalten?

Lohnt jetzt noch der Einstieg?

Bei kaum einer Aktie gehen die Meinungen so stark auseinander, wie bei der von Tesla. Erst kürzlich stufte die Privatbank Berenberg die Aktie des E-Auto-Herstellers von 193 auf 464 US-Dollar hoch. Analyst Alexander Haissl sieht in Tesla das Potential, die gesamte Automobilbranche umwälzen zu können. Außerdem könnten die Kalifornier mit dem Erreichen der erforderlichen Größe wesentlich mehr Barmittel erwirtschaften als die etablierten Hersteller.

Goldman Sachs dagegen rät Anlegern mit einem Kursziel von 190 Dollar zum Verkauf der Aktie. Für Analyst David Tamberrino ist die durchschnittliche Markterwartung für das zweite Halbjahr 2017 eindeutig zu hoch. Weiterhin schätzt er, dass der Model 3-Verkauf den Absatz des Model S schmälern könnte. Die Tesla-Aktie dürfte also weiter zu den interessantesten und diskussionswürdigsten Titeln am Finanzmarkt zählen. Wer es nicht so gern risikoreich mag, sollte an der Börse vielleicht erst einmal die Finger von Elon Musks Visionen lassen. Gerade jetzt, wo die hochgehandelten Tech-Werte in den USA womöglich einer längerfristigen Konsolidierung ausgesetzt sein könnten. OG

Lesen sie dazu auch die durchaus kritische Kolumne zu Person und Persönlichkeit des Tesla-Gründers, Elon Musk, von Wolfram Weimer auf n-tv.

14.06.2017 | 10:42

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