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RWE und Eon – auferstanden aus Ruinen

Völlig neues Image: RWE-Zentrale in Essen (Bild: RWE)


Die beiden Versorger-Schwergewichte RWE und Eon feiern an der Börse seit Monaten ein eindrucksvolles Comeback. Nun legte Eon am Mittwoch die Zahlen zum dritten Quartal vor und überraschte Analysten wie Anleger positiv. Es scheint, als könnten die leidgeplagten Energiekonzerne endlich durchatmen und die Energiewende-Krise hinter sich lassen. Steigen damit die Kurse weiter in die Höhe?

Das deutsche Börsenjahr steht 2017 bisher ganz im Zeichen der beiden großen und in der Vergangenheit stark gebeutelten Energieversorger Eon und RWE. Die Anteilsscheine beider Strom-Konzerne haben den Dax in den ersten neun Monaten des laufenden Jahres klar geschlagen. Das Eon-Papier liegt derzeit mit knapp 59 Prozent im Plus, verteuerte sich so von 6,70 Euro auf 10,60 Euro und belegt Dax-Platz vier in Sachen Kursperformance 2017. Bei Konkurrent RWE sieht es mit einem Kursgewinn von knapp 96 Prozent sogar noch besser aus. Von 11,80 Euro ging es auf 23,10 Euro nach oben. 2017 ist dieser rasante Anstieg gleichbedeutend mit dem Silberrang im Dax hinter der Deutschen Lufthansa.

Es sind zwei Kursexplosionen, die nach einer jahrelang anhaltenden Durststrecke und nicht zuletzt dem Atomkompromiss mit der Bundesregierung in irgendeiner Art und Weise zu erwarten waren. Dass sich die Aktienbarometer der beiden Energieriesen aber so langanhaltend und stark positiv entwickeln, ist eine willkommene Überraschung für Aktionäre und Anleger, die lange Zeit und beinahe ohnmächtig dabei zusehen mussten, wie die Aktien der einst so stolzen Stromgiganten innerhalb der letzten zehn Jahre jeweils um die 76 Prozent an Wert einbüßten.So scheint es, als könnten die beiden Essener Konzerne endlich in die Zukunft blicken ohne dabei ständig mit ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden. Und vor allem, das zeigen nun auch die von Eon vorgelegten Zahlen zum dritten Quartal, können sie trotz Atomausstieg und Energiewende wieder Gewinn machen.

Eon mit großem Turnaround

Stand bei Eon 2016 noch ein Rekordverlust in schwindelerregender Höhe von 16 Milliarden Euro zu Buche, konnte Konzernchef Johannes Teyssen am Mittwoch für die ersten neun Monate 2017 einen Nettogewinn von 3,9 Milliarden Euro verkünden. Freilich profitierte der Konzern dabei von einem großen Sondereffekt.  Im Sommer nämlich flossen drei Milliarden Euro von Berlin nach Essen, die Eon wiederum von 2011 bis 2016 über die inzwischen als verfassungswidrig erklärte Brennelementesteuer an den Staat hatte abgeben müssen. Aber auch um diesen Sondereffekt bereinigt stieg Eons Nettogewinn um 50 Prozent auf 970 Millionen Euro. Zudem sank die Nettoverschuldung von Ende 2016 bis heute um 6,5 auf 19,7 Milliarden Euro. Gleichzeitig stieg das Eigenkapital um 1,3 auf 6,2 Milliarden Euro an.

Im operativen Geschäft allerdings besteht noch Nachholbedarf. Hier sank das Ergebnis in den ersten neun Monaten 2017 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um acht Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. So legte zwar die Sparte „Energienetze“ um 18 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro zu, das Geschäft mit Kundenlösungen aber büßte beispielsweise 36 Prozent auf ein bereinigtes Ebit von 350 Millionen Euro ein. Und auch im Erneuerbare Energien-Sektor ging es um 20 Prozent auf 250 Millionen Euro zurück.

Nichtsdestotrotz sind die vorgelegten Zahlen gut wie lange nicht, was auch Eon selbst positiv in die Zukunft schauen lässt. „Wir liegen bei allen wesentlichen Zahlen und Entwicklungen im Plan und bestätigen daher unsere Prognose für das gesamte Geschäftsjahr“, sagte Finanzvorstand Marc Spieker. Man sei auf einem guten Weg, sich neuen Spielraum für künftige Investitionen und höhere Dividenden zu erarbeiten.

Das befriedigt auch die Analysten. Alberto Gandolfi von Goldman Sachs hob sein Kursziel  von elf auf 11,80 Euro an und zeigte sich vor allem von der verbesserten Schuldensituation angetan. Hieraus entstünde ein Spielraum in der Bilanz in Höhe von 90 Cent pro Aktie oder anders ausgedrückt in Höhe von acht Prozent der aktuellen Markkapitalisierung. Davon ausgehend rechnet er mit mehr Gewinndynamik sowie mehr Potenzial für Dividendenerhöhungen. Zudem sei Eon nun wieder strukturell attraktiv.

Attraktiv für Eon ist derweil das Übernahmeangebot vom finnischen Energieunternehmen Fortum für Uniper. Eon hatte Uniper selbst erst vor einem Jahr an die Börse gebracht und hält nun noch 47 Prozent der Anteile. Da sich Unipers Börsenwert inzwischen verdoppelt hat, winken Eon bei einem Verkauf zirka 3,7 Milliarden Euro. Sicher ein willkommener Sondereffekt, um auch im nächsten Jahr eine hübsche Bilanz präsentieren zu können.

Was Eon derzeit mit RWE verbindet

Uniper derweil ist ein gutes Stichwort, wenn es um die Zukunft von Eon-Konkurrent RWE geht. Noch ist nämlich trotz aller Beteuerungen nicht klar, ob es nicht doch zu einer Zerschlagung von Uniper kommt. Bisher will Fortum den Konzern von CEO Klaus Schäfer als Ganzes übernehmen, doch die Finnen werben damit ein führendes Unternehmen für saubere Energie zu sein, weshalb es fraglich erscheint, ob man auch die Gas- und Kohlekraftwerke von Uniper übernehmen will. Und genau für diese Sparte interessiert sich nach Handelsblatt-Informationen RWE. In Sachen Zukäufe hatte RWE-Chef Rolf Martin Schmitz zudem erst kürzlich gesagt: „Wenn sich Gelegenheiten ergeben, werden wir die nutzen.“

Hinter einem solchen Zukauf stünde dann wohl auch die Hoffnung der RWE, dass Kohle- und Gaskraftwerke noch weitaus länger zur Stromerzeugung genutzt werden müssen als erwartet und von der Politik gefordert. Hier dürfte man mit allen Augen, die man hat, nach Berlin auf die Jamaika- Koalitionsverhandlungen blicken.

RWE: aus dem Tal der Tränen heraus

Fernab von Uniper und möglichen Zukäufen in der Zukunft läuft es für RWE in der Gegenwart aber ähnlich wie bei Eon immer besser. Die Zahlen für das dritte Quartal legen die Essener erst nächste Woche vor, aber ein bereinigtes Ebit in Höhe von 2,2 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2017 kann sich im Vergleich zu den 1,9 Milliarden aus dem Vorjahreszeitraum schon mal sehen lassen. Und während man 2016 noch über fünf Milliarden Euro Verlust machte, steht in den ersten sechs Monaten 2017 ein Nettoergebnis von 2,6 Milliarden Euro geschrieben. Um Sondereffekte bereinigt bleiben etwas mehr als 800 Millionen Euro Gewinn stehen. 35,3 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Erst kürzlich hat Goldman Sachs-Analyst Alberto Gandolfi sein Kursziel für das RWE-Papier von 23,70 auf 26,50 angehoben, was sich als kursstützend erweisen sollte. Geht es nach Gandolfi, könnte der Versorger durch eine große Portfolio-Umgestaltung schuldenfrei werden und sich einen Spielraum in der Bilanz in Höhe von mindestens elf Milliarden Euro schaffen. Sollte dieses Potential ausgeschöpft werden und RWE sich mehr auf die Stromproduktion mithilfe Erneuerbarer Energien konzentrieren, sehe er bei den Aktien des Konzerns noch rund 30 Prozent Luft nach oben, schreibt Gandolfi.

Doch trotz all der positiven Nachrichten und einer wahrlich beeindruckenden Kursperformance 2017 ist sowohl bei Eon als auch bei RWE Vorsicht geboten. Denn noch immer stehen die Geschäftsmodelle beider Konzerne auf wackeligem Fundament. Beide scheinen sie zu einer Art Spielball der politischen Akteure geworden zu sein. Und wie die sich wann und für was entscheiden, steht in den Sternen und kann sich von Jahr zu Jahr ändern. Davor warnt im Falle RWE auch Citigroup-Analyst Michel Debs: Von politischer Seite gehe ein Risiko aus, schreibt er. So könnte die EU im November höhere Preise im CO2-Emissionshandel bestimmen und die Grünen die Schließung von Kohlekraftwerken in den Koalitionsvertrag schreiben lassen.

Die Zukunftsaussichten für Deutschlands Versorger sind also weiterhin durchwachsen. Vor allem deshalb, weil sie von so vielen politischen Entscheidungen abhängig sind, dass man sich bei Vorhersagen und Prognosen schwer tut. Die bisherigen Zahlen im Jahr 2017 stimmen aber positiv und bisher scheint es durchaus so, als sei an der Börse weiterhin Luft nach oben. Raus aus der Krise sind RWE und Eon deshalb noch lange nicht, immerhin aber scheinen sie wieder ein Stück weit lebendiger geworden zu sein. OG

09.11.2017 | 16:05

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