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Thyssen: mit Magnetschwebetechnik an die DAX-Spitze?

Ein revolutionäres Aufzugssystem: ThyssenKrupp nutzt die Magnetkraft (Bild: ThyssenKrupp)

Die Vergangenheit: das ist der Stahl bei ThyssenKrupp jetzt (Bild: Fotolia / Thomas Knospe)


Das ist ein Ding! ThyssenKrupp hat eine neue Generation von Aufzügen vorgestellt, die mit Magnetschwebetechnik funktionieren. Wie von einem riesigen Magnet gezogen steigt zugleich seit Monaten die Thyssen-Aktie, denn auch die Zeit der Stahlproduktion, in den letzten Jahren ein milliardenschwerer Klotz am Bein, findet ihr Ende. Das ist, alles in allem, eine formidable Revolution. Und birgt für Anleger jede Menge Phantasie.

Die 160 Jahre lange Ära der von einem Seil durch einen senkrechten Schacht gezogenen Kabine – des klassischen Fahrstuhls also – geht mit Thyssens neuen Magnetaufzügen unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Die nun vorgestellten neuartigen Aufzüge werden durch Magnetschwebetechnik transportiert, die bisher aus dem Schienenverkehr bekannt waren. Die Vorteile des Systems: Mehrere Kabinen können in einem Schacht verkehren. Auch horizontale Bewegungen sind möglich, um zum Beispiel Gebäude miteinander zu verbinden. In einem im württembergischen Rottweiler errichteten Thyssen-Testturm fahren drei Aufzugkabinen auf zwei miteinander verbundenen vertikalen Schienen auf und ab – und quer. Vor rund einem Jahr hatten erste Nachrichten, ThyssenKrupp experimentiere mit der einst als Zukunftstechnologie für Eisenbahnen gehandelten Magnetschwebetechnik, die Anleger aufhorchen lassen.

Die Aktien von ThyssenKrupp gingen aufgrund der aktuellen Nachrichten mit einem Plus von fünf Prozent in die abgelaufene Woche. Damit notierte der Titel so hoch wie letztmalig im Frühjahr 2015. Im Laufe der Woche wurde dann mit 26,80 ein Niveau erreicht, das die Aktie letztmalig im April 2011 hatte. Analysten sind der Meinung, dass die Aktie sich bis weit über 30 Euro verteuern könnte, wenn das Niveau hält und es zu einem nachhaltigen Ausbruch über den aktuellen Widerstand bei 26,43 Euro kommt. Die Aktie unterschritt den kritischen Kurs zwar vorläufig, aber das muss, das wird noch nicht das letzte Auswärtssignal gewesen sein.

Welche Strategie jetzt greift und wie Anleger dabei sein können, ist eine interessante Frage. DAX-Anleger haben jedenfalls wachsendes Interesse der Anleger an ThyssenKrupp, der traditionsreichen Industrieaktie, die seit Jahren ein fast zum Hidden Champion in Deutschlands höchster Börsenliga verkommen wäre. Das Interesse an sich ist dabei kein Wunder, bewegen sich die Titel doch in einem intakten kurzfristigen Aufwärtstrend. Hiervon zeugt nicht zuletzt die steigende 21-Tages-Linie im Tageschart. Und warum, alles wegen der Magnetschwebeaufzüge?

Abschied vom Stahl: das wird nicht einfach

Nein, noch ist bei ThyssenKrupp nicht alles magnetisch. Im Sommer schon will CEO Heinrich Hiesinger die Trennung vom Stahlgeschäft verkünden. Eine zuletzt nicht mehr sonderlich ruhmreiche Ära ginge so zu Ende. Nach dem Verkauf der amerikanischen Stahlwerke könnte der deutsche Stahlkocher als Juniorpartner in einer Allianz mit dem indischen Stahlgiganten Tata auch sein europäisches Stahlgeschäft aus der Bilanz herausbekommen. Über die Geschicke der rund 27.000 Beschäftigten, davon mehr als 20.000 in Nordrhein-Westfalen, würde dann nicht mehr in Essen entschieden, sondern in London, in den Niederlanden oder im indischen Mumbai.

Für Thyssen-Krupp wäre es ein Befreiungsschlag. Stahl ist die Keimzelle des Konzerns, mit Stahl sind Stahlmagnaten vom Schlage eines Alfried Krupp oder eines Fritz Thyssen märchenhaft groß und reich geworden, doch der Stahl hat den heute fusionierten Konzern vor einigen Jahren auch an den Rand der Pleite gebracht. Das Stahlgeschäft ist in einer stark vernetzten und globalisierten Welt ein enormes Risiko, weil der Konzern von unkalkulierbar schwankenden Weltmarktpreisen abhängt. Und natürlich von der Politik, die sich nicht nur in China immer wieder einmischt und die Marktbereinigung bremst.

„Sparprogramme verschaffen uns nur vorübergehend eine Atempause“, resümiert Hiesinger denn auch mit Blick auf die verlustreiche Traditionssparte. Thyssen-Krupp verdiene mit dem Stahl noch immer nicht seine Kapitalkosten. Gleichzeitig lasten riesige Pensionsverpflichtungen für die Stahlkocher auf der ausgezehrten Bilanz. Helmut Bünder schreibt in der FAZ: „Sollte sich Hiesinger mit dem neuen Tata-Chef Natarajan Chandrasekaran einig werden, könnten rund drei Milliarden Euro an Pensionslasten, dazu die der Stahlsparte zuzurechnenden Finanzverbindlichkeiten aus den Büchern des Konzerns verschwinden. In der Bilanz entstünde neuer Spielraum, um die Industriesparten nach vorn zu bringen.“

Und nun sieht es alles danach aus, dass dem lange etwas unterschätzten Heinrich Hiesinger bei ThyssenKrupp ein großer Wurf gelingt. Die Aktie hat Teile hiervon bereits eingepreist, der Chart im laufenden Jahr spricht für sich, aber könnte da noch mehr gehen? „Die Wahrscheinlichkeit für einen Break out nach oben stehen gut“, stelltt Manfred Ries auf Börse Online in Aussicht, „dabei liegt ein erstes Kursziel im Bereich der 30-Euromarke; langfristig sind Kurse um 36,20 Euro möglich.“ Genau dort liegt das Jahreshoch aus 2011; eine Wette darauf, dass es in absehbarer Zeit fallen könnte – sie erscheint verlockend. sig

06.07.2017 | 12:18

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