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Discount-Zertifikate: Wege aus der Nullzinsfalle

(Bild: Fotolia / vege)

Prof. Dr. Lutz Johanning (Bild: Frank Ullmer)

Prof. Dr. Dirk Schiereck (Bild: Schiereck)


Eine aktuelle wissenschaftliche Studie zu Discount-Zertifikaten stellt Auswege aus dem aktuellen Zinsdilemma vor, in dem sich aktuell extrem viele Anleger und Investoren befinden. Die Ergebnisse sind insbesondere für die sicherheitsorientierten Privatanleger, die im derzeitigen Niedrigzinsumfeld sinnvolle Anlagealternativen suchen, ausgesprochen erfreulich. Zu den wesentlichen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen interviewten der Deutsche Derivate Verband (DDV) und die BÖRSE am Sonntag die Autoren der Studie, Prof. Dr. Lutz Johanning und Prof. Dr. Dirk Schiereck.

„Es ist zum Verzweifeln!“ Dieser Stoßseufzer ist derzeit allenthalben bei Privatanlegern zu hören, die sich den Kopf darüber zermartern, wie sie im derzeitigen Niedrigzinsumfeld ihr Geld anlegen sollen. Die Aktienmärkte sind heiß gelaufen und eilen von einem Rekord zum nächsten, und für vermeintlich sichere Staatspapiere müssen die Investoren inzwischen sehr hohe Preise zahlen. Das Sparbuch wirft schon lange nichts mehr ab – schlimmer noch, einige Banken stellen ihren Kunden schon Negativzinsen in Rechnung. Und was ist die bittere Konsequenz? Das Vermögen der Privatanleger, die nichts tun oder in ungeeignete Wertpapiere investieren, schmilzt dahin, und die Aussichten auf eine auskömmliche private Altersvorsorge verdüstern sich immer mehr.

Aber gibt es überhaupt noch sinnvolle Anlagen für den Privatanleger? Eine Anlagealternative sind sicherlich Discount-Zertifikate. Doch sind sie wirklich so gut wie immer behauptet? Um diese Frage zu klären und um Antworten zu erhalten, die nicht auf Mutmaßungen, sondern auf harten Daten und Fakten beruhen, hat der DDV bei renommierten Finanzwissenschaftlern eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben.

Umfangreiche und sorgfältige Analyse


In der Studie, die von den Professoren Dr. Lutz Johanning und Dr. Dirk Schiereck sowie von Björn Döhrer und Arndt Völkle erstellt wurde, geht es insbesondere um die Erfolgswahrscheinlichkeit und die Rendite, die bei einem Investment mit Discount-Zertifikaten realistischer Weise zu erwarten sind. Die Analyse basiert auf einem großen Pool empirischer Marktdaten und umfangreichen Produkt- und Portfoliobewertungen. Auf dieser Grundlage wurden Szenarien berechnet, die sich an fünf Anlegertypen mit unterschiedlichen Risiko- und Anlagepräferenzen orientieren. Die Autoren kommen dabei zu einem für Privatanleger erfreulichen Ergebnis: Risikoarme Discount-Zertifikate sind ausgesprochen sichere Finanzprodukte und eignen sich besonders für sicherheitsorientierte Privatanleger.

Insgesamt weisen Discount-Zertifikate eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit auf, also eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der Anleger mit seiner Investition am Ende der Laufzeit eine positive Rendite erzielen wird. Die Studie zeigt, dass in vier der fünf Risikoklassen, in die Wertpapiere nach der europäischen PRIIPs-Regulierung eingeteilt werden, die Erfolgswahrscheinlichkeit höher ist als bei einem vergleichbaren Investment in Geldmarkt- und Rentenpapiere. Aber nicht nur der Faktor Sicherheit spricht für Discount-Zertifikate, mit ihnen kann der Privatanleger auch vergleichsweise attraktive Renditen erzielen.

Eine ganze Reihe von Vorteilen

Ein weiterer Vorteil von Discount-Zertifikaten sind ihre geringen Kosten, hier sind Zertifikate im Vergleich zu anderen Wertpapieren nahezu unschlagbar. Und nicht zuletzt: Discount-Zertifikate sind für Privatanleger auch deshalb besonders attraktiv, weil sie sehr einfach strukturiert und leicht verständlich sind. Der Mitverfasser der Studie, Prof. Dr. Dirk Schiereck, fasst den Nutzen von Discount-Zertifikaten für Privatanleger wie folgt zusammen: „Im derzeitigen Niedrigzinsumfeld kommt man an Wertpapieren nicht vorbei, will man sein Vermögen schützen oder neues Vermögen aufbauen. Erwartet ein Anleger seitwärts tendierende bis leicht steigende Kurse des jeweiligen Basiswerts, drängen sich hier Discount-Zertifikate als Anlagealternative förmlich auf.“

Die Banken hatten Ende Mai 190.046 Discount-Zertifikate mit vielen unterschiedlichen Basiswerten und mit verschiedenen Ausstattungsmerkmalen im Angebot. Damit hat jeder Anleger die Möglichkeit, das Zertifikat zu kaufen, das genau seiner Markterwartung sowie seiner Risikoneigung und Renditeerwartung entspricht. Wer sich unsicher fühlt, sollte sich an seinen Bankberater wenden, der bei der Auswahl eines maßgeschneiderten Zertifikats gerne behilflich ist. Jetzt heißt es nur noch: Aktiv werden für den eigenen Vermögensaufbau und für die private Altersvorsorge. Wenn es also um die Gesundheit ihrer Finanzen geht: Fragen Sie nicht ihren Arzt und Apotheker, sondern ihren Bankberater. Ein Mittel, das er ihnen verschreiben wird, dürften Discount-Zertifikate sein.

Was die Autoren der Studie empfehlen

Deutscher Derivate Verband und BÖRSE am Sonntag: Herr Prof. Schiereck, warum sind Discount-Zertifikate grundsätzlich für Privatanleger interessant?

Prof. Schiereck: Discount-Zertifikate sind sehr einfach strukturierte und leicht bewertbare Wertpapiere, die sich für den Vermögensaufbau eignen. Die Banken haben eine Vielzahl von Discount-Zertifikaten mit vielen unterschiedlichen Basiswerten und mit verschiedenen Ausstattungsmerkmalen im Angebot. So hat jeder Anleger die Möglichkeit, das Zertifikat zu kaufen, das genau für ihn passt.

DDV / BaS: Angenommen, ich habe eine Lieblingsaktie und es gibt ja meist sehr viele Discount-Zertifikate, die sich auf meine Lieblingsaktie beziehen, woher weiß ich dann, welches für mich das richtige Discount-Zertifikat ist?

Prof. Schiereck: Jeder Anleger sollte sich zunächst einmal darüber klar werden, wie groß seine Risikoneigung ist. Je nach Risikoaversion oder Risikofreude sollte er dann den Risikopuffer – man spricht hier auch von Discount oder Cap – wählen. In einem zweiten Schritt muss sich der Anleger überlegen, wie lange er das Wertpapier halten will. Danach sollte sich die Laufzeit des Discount-Zertifikats bemessen.

DDV / BaS: Herr Prof. Johanning, warum sollte ich statt meiner Lieblingsaktie oder Lieblingsanleihe, ein Discount-Zertifikat mit diesem Basiswert kaufen?

Prof. Johanning: Mit Discount-Zertifikaten lassen sich die Risiken, die ja mit fast jedem Wertpapier verbun den sind, besser justieren und recht genau auf die eigene Risikoneigung abstimmen. Außerdem haben Discount-Zertifikate ein für den Anleger interessantes Auszahlungsprofil, denn mit Discount-Zertifikaten kann man im Vergleich zum Basiswert sehr viel wahrscheinlicher eine positive Rendite erzielen. Dafür verringert sich die maximal erzielbare Rendite, da die Gewinne bei Discount-Zertifikaten begrenzt sind. Der Anleger tauscht also bei einem Discount-Zertifikat im Vergleich zum Basiswert ein geringeres Risiko und eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit gegen möglicherweise höhere Gewinne.

DDV / BaS: In Ihrer Studie erwähnen Sie häufig die Erfolgswahrscheinlichkeit. Was sagt dieser Wert aus?

Prof. Johanning: Die Erfolgswahrscheinlichkeit gibt die Chance an, dass der Anleger mit seiner Anlage am Ende der Laufzeit eine positive Rendite erzielen wird. Diese Wahrscheinlichkeiten lassen sich mithilfe einer Monte-Carlo-Simulation für Discount-Zertifikate, den Basiswert oder auch Alternativinvestments schätzen. Es geht dabei also nicht um die erwartete Rendite.

DDV / BaS: Herr Prof. Schiereck, warum ist ein Discount-Zertifikat gerade für Anleger mit wenig Risikotoleranz geeignet?

Prof. Schiereck: Mit Discount-Zertifikaten lassen sich die Risikoneigungen der Anleger ja ganz einfach abbilden, und das gilt für alle Anlegertypen. Besonders risikoscheue Anleger des Typs A und des Typs B haben in normalen Marktphasen gerade mit Blick auf vergleichbare Investments aber die größten Vorteile, weil die Erfolgswahrscheinlichkeit, also die Wahrscheinlichkeit, mit dem jeweiligen Discount-Zertifikat eine positive Rendite zu erzielen, besonders hoch ist.

DDV / BaS: Warum sollte man gerade jetzt in Discount- Zertifikate investieren?

Prof. Schiereck: Im derzeitigen Niedrigzinsumfeld kommt man an Wertpapieren nicht vorbei, will man sein Vermögen schützen oder neues Vermögen aufbauen. Angesichts immer neuer Höchststände in vielen Aktienmärkten beschleicht viele Anleger jedoch ein mulmiges Gefühl, und sie haben Angst, das volle Risiko eines Aktien-Investments zu tragen. Erwartet ein Anleger seitwärts tendierende bis leicht steigende Kurse des jeweiligen Basiswerts, drängen sich hier Discount-Zertifikate als Anlagealternative förmlich auf.

DDV / BaS: Herr Prof. Johanning, sind Fonds nicht viel besser als Zertifikate?

Prof. Johanning: Beide Produkte haben ihre Daseinsberechtigung. Bei aktiv gemanagten Fonds erhält der Anleger die Chance auf eine Überrendite. Discount-Zertifikate sind dagegen passive Anlageprodukte auf Indices oder auf einzelne Aktien, die im Vergleich zum jeweiligen Basiswert ein geringeres Risiko aufweisen. ETFs sind ebenso wie Zertifikate passive Produkte und damit sehr viel kostengünstiger als die aktiv gemanagten Fonds. ETFs verfügen aber normalerweise über keine Strukturierung und anders als Zertifikate damit über keine Risikoreduzierung des Basiswerts.

DDV / BaS: Sind in Zertifikaten nicht versteckte Kosten enthalten?

Prof. Johanning: Das wird vielfach behauptet, stimmt aber nicht. Die Zertifikatebranche war die erste, die mit Issuer Estimated Value (IEV), also mit dem vom Emittenten geschätzten Wert eines Zertifikats in dem jeweiligen Produktinformationsblatt alle für den Anleger relevanten Kostenpositionen ausweist. Die Regulierung auf europäischer Ebene hat im Rahmen der sogenannten PRIIPs-Verordnung dieses Konzept weitgehend übernommen und wendet es ab 2018 dann auch für Fonds und Lebensversicherungen an.

DDV / BaS: Vielen Dank für das Gespräch!

Prof. Dr. Lutz Johanning ist Inhaber des Lehrstuhls für empirische Kapitalmarktforschung der WHU – Otto Beisheim School of Management.

Prof. Dr. Dirk Schiereck ist Leiter des Fachgebiets Unternehmensfinanzierung der Technischen Universität Darmstadt.

06.07.2017 | 12:54

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