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BASF-Aktie: Zweitgrößter Jahresverlust der Konzerngeschichte droht

Muss sich BASF auf düstere Zeiten einstellen? (Foto: Thorsten Frisch / shutterstock.com)


Seit Jahresbeginn hat die BASF-Aktie schon fast 30 Prozent an Wert verloren. Und weder die jüngsten Quartalszahlen, noch der mittelfristige Ausblick konnten zuletzt überzeugen. Helfen soll nun eine neue Strategie, die bei Anlegern unter der Woche jedoch ebenfalls alles andere als gut ankam. Also raus aus der Aktie? Nicht unbedingt!

Unter Anlegern wie Analysten war sie bereits mit Spannung erwartet worden, die neue Strategie von Vorstandschef Martin Brudermüller, die den größten Chemiekonzern der Welt langsam aber sicher wieder in die Erfolgsspur führen soll. Die jüngsten Ergebnisse schließlich reichten nicht, um den im negativen Sinne temporeichen Abwärtstrend, in welchem sich die BASF-Aktie seit Jahresbeginn befindet, zu stoppen. Und so ruhten die Hoffnungen auf ehrgeizigen Zielen und einer Strategie, die deutlich mehr Wert freisetzen würde.

Wie sich am Dienstag zeigen sollte, bleibt es zunächst bei Hoffnungen. Denn Brudermüllers Blick in die Zukunft war alles andere als ein schubgebendes Feuerwerk vielversprechender Ankündigungen. Das hatte nun – zugegeben – auch kaum einer erwartet. Dass aber so gar nichts aufblitzte und nicht einmal ein kleines Fünkchen Begeisterung aufstieg, war dann doch eine grobe Enttäuschung. Und so sackte die Aktie zwischenzeitlich um fast vier Prozent nach unten, womit sich das Jahresminus des BASF-Papiers auf rund 30 Prozent aufsummierte. Geht man von dem noch Mitte Januar aufgestellten Rekordhoch bei rund 98 Euro aus, beträgt das Minus mit Blick auf den derzeitigen Kurs von 65,70 Euro sogar mehr als 33 Prozent, womit die Aktie des Chemie-Konzerns in diesem Jahr bislang klar zu den schwächsten Werten im Dax zählt. Wenn es dabei bleibt, droht BASF an der Börse der zweitgrößte Jahresverlust der Konzerngeschichte.

Chemie-Branche im „Bewertungsloch“

Martin Brudermüller will mit seiner neuen Strategie zwar „die Segel auf Wachstumskurs“ setzen, doch all das hilft wenig, wenn der konjunkturelle Rückenwind fehlt. So steckt die deutsche Chemie-Branche derzeit über Konzerngrenzen hinweg in einem „Bewertungsloch“. Zu groß sind die Sorgen der Anleger vor einer deutlichen Abkühlung der Weltwirtschaft und zu oft werden sie ihnen von Unternehmensseite bestätigt. Vor wenigen Tagen erst legte mit Kunststoffspezialist Covestro erneut ein Dax-Konzern eine Gewinnwarnung vor. Der Aktienkurs der Leverkusener brach so innerhalb von 24 Stunden um mehr als 15 Prozent ein. Auch für den Essener Spezialchemiekonzern Evonik läuft es nicht gerade berauschend. Mit einem Minus in Höhe von knapp 23 Prozent steht dessen Aktie seit Jahresbeginn ebenfalls deutlich im Minus. Der Wert des Papiers von Konkurrent Wacker Chemie hat sich inzwischen gar von rund 167 Euro auf knapp 79 Euro halbiert. Und die Bayer-Aktie steckt sowieso seit Monaten in einer schweren Kurs-Krise. Das sich verlangsamende globale Wachstum, der Handelskonflikt mit den USA und nicht zuletzt die Krise der deutschen Autoindustrie setzen der Branche gewaltig zu.

Und damit zurück zu BASF. Den Ludwigshafenern nämlich sind die deutschen Automobilhersteller größter Kunde. Kein Wunder, dass deren Schwäche massiv aufs Ergebnis drückt. Hinzu kommen die historisch niedrigen Pegelstände des Rheins, welche Produktionseinschränkungen und höhere Transportkosten mit sich bringen.

Und so rutschte das Ebitda des Chemieriesen von Juli bis September im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent auf nur noch 1,47 Milliarden Euro ab. Das bereinigte Ergebnis sank sogar um 24 Prozent auf 1,39 Milliarden Euro. Das Ergebnis je Aktie ging ebenfalls zurück. Um zehn Prozent auf 1,31 Euro. Vor allem der Gewinn im klassischen Chemie-Geschäft gab mit 23 Prozent auf 851 Millionen in besonders schmerzhafter Deutlichkeit nach. Immerhin der Gesamtumsatz konnte mit einem Plus von acht Prozent auf 15,6 Milliarden Euro leicht zulegen. Das dürfte aber nicht zuletzt an den Zukäufen im Agrochemiegeschäft gelegen haben, die sich aus dem Bayer-Monsanto-Deal ergeben hatten. Aus Wettbewerbsgründen mussten die Leverkusener einen Großteil ihrer Geschäfte im Agrar-Sektor abgeben, BASF bekam den Zuschlag.

Nach den enttäuschenden Zahlen lagen die Hoffnungen der Aktionäre also auf einem möglicherweise wieder besseren Ausblick. Doch auch die waren unter der Woche schnell zunichte gemacht. Wenn CEO Brudermüller sagt: „Es spricht doch einiges dafür, dass 2019 nicht ganz leicht wird“, dann sagt das eigentlich schon alles. Oder zumindest ziemlich viel.

So soll das Ergebnis vor Sondereinflüssen von 2018 an jährlich nur noch um drei bis fünf Prozent ansteigen. In den Jahren zwischen 2012 und 2017 waren es im Schnitt noch acht Prozent gewesen. Die Schätzungen lägen deutlich unter den Markterwartungen, zeigte sich unter anderem Baader Bank-Analyst Markus Mayer wenig begeistert.

Warum die Aktie trotzdem interessant bleibt

Nun ist die BASF jedoch bekannt dafür, eher konservative beziehungsweise recht realistische Einschätzungen mit Blick auf die Zukunft zu geben. Die großen negativen Überraschungen bleiben damit meist aus. Zudem legt der Konzern Wert auf langfristiges, kontinuierliches und gesundes Wachstum, wirtschaftetet nicht über die eigenen Verhältnisse. So schließt Brudermüller zwar Zu- und Verkäufe für die Zukunft nicht aus, das Hauptaugenmerk jedoch solle darauf gelegt werden, Prozesse „effizient und zuverlässig zu gestalten“. Das heißt: Kosten einsparen, Strukturen verschlanken, Produktivität steigern und weiterhin organisch wachsen. Zudem will man sich noch mehr zum Kunden hin orientieren und flexibler werden. Und alles in allem zumindest weniger kriseln als die kriselnde Branche im Schnitt. Oder anders ausgedrückt: Stärker wachsen als der Markt.

Dabei helfen soll vor allem China, der mit einem Anteil von rund 40 Prozent schon jetzt größte Chemie-Markt der Welt. 2030 könnten daraus 50 Prozent werden, schätzen sie bei BASF. Und die Ludwigshafener scheinen dort gut positioniert. „Unser neuer Verbundstandort in Zhanjiang, in der Provinz Guangdong, sowie die Erweiterung des Standorts Nanjing werden unser Wachstum in diesem dynamischen Markt maßgeblich voranbringen", weiß  Brudermüller seinen Konzern auf dem richtigen Weg.

Analystenmehrheit rät zum Kauf

Analysten freut vor allem der Konzernumbau „light“, der klarer fokussierte Sparten verspreche, wie es Kepler Cheuvreux-Experte Christian Faitz formulierte. Zudem seien die angestrebten Kosteneinsparungen bis 2021 zwar ehrgeizig, aber alles in allem glaubwürdig, so Faitz weiter. Sein Kursziel setzt er bei 96 Euro. Nur knapp darunter liegen Commerzbank und Deutsche Bank mit 95 respektive 94 Euro. Er sehe die Aktie weiter als klar werthaltig an, schrieb Tim Jones, Analyst bei Deutschlands größtem privaten Geldhaus. Sein Kollege vom Analysehaus Bernstein Research dagegen warnt: Die Aktie des Chemiekonzerns sei zwar preiswert, aber es fehlten die Treiber für eine überdurchschnittliche Kursentwicklung. Mit einem Kursziel von 88 Euro votiert allerdings auch er immer noch für den Kauf der Aktie.

In der derzeit kritischen Phase an den Weltbörsen sprechen für das Papier darüber hinaus ein niedriges KGV von 11 und eine Dividende von 3,20 Euro, die, den Angaben des Chemiekonzerns nach, trotz alle Herausforderungen weiter ansteigen soll. Nach der bislang fast schon übertrieben schwachen Kursentwicklung könnte die Aktie auch und nicht zuletzt deshalb zum Anlaufpunkt für Sicherheit suchende Value-Anleger werden. Es bleibt also spannend.

22.11.2018 | 22:57

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