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Bayer-Aktie wird zum Gift für's Depot

Wird das Bayer-Kreuz auf neue Art symbolhaltig? (Bild: Bayer AG)


Die Bayer-Aktionäre dürften sich verwundert die Augen reiben. Bei einer Aktie, die einmal als Witwen- und Waisenpapier mit vergleichsweise stabiler Wertentwicklung gegolten hat, ist Feuer unterm Dach. Drohende hohe Geldstrafen im Zusammenhang mit Glyphosat sorgen für Panik unter den Anteilseignern. 76,03 Euro war der jüngste Tiefpunkt der Aktie. Das ist ein Verlust um rund 20 Prozent binnen weniger Tage. Was die Anleger jetzt erwarten könnte.

Am vergangenen Donnerstag setzte sich der heftige Kursverfall der Bayer-Aktie, der wenige Tage vorher begonnen hatte, mit Vehemenz fort. Addiert man die Verluste der letzten Tage, löste sich eine Marktkapitalisierung von etwa 16 Milliarden Euro in Luft auf. Wohlgemerkt handelt es sich nicht um einen gehypten Technologiekonzern, sondern um ein solides deutsches DAX-Unternehmen der old economy. Am gleichen Donnerstag verkündete der Leverkusener Konzern, dass nach Erfüllung der wettbewerbsrechtlichen Auflagen des US-amerikanischen Justizministeriums die Übernahme von Monsanto abgeschlossen sei. Ein Teil der CropScience-Sparte von Bayer war dazu an den Wettbewerber BASF verkauft worden, um wettbewerbsrechtlichen Auflagen nachzukommen.

Bereits für 2019 würde durch Monsanto ein positiver Beitrag zum Ergebnis geleistet werden, so der Leverkusener Konzern. Die Anleger hörten die Botschaft wohl, allein es fehlt der Glaube. Investoren suchen belastbare Antworten auf viele offene Fragen. Möglicherweise hätte man bereits durch intensivere Kommunikation im Vorfeld mit großen Investoren Schlimmstes verhindern können. Der Hinweis von Bayer, dass man erst mit dem Abschluss der Übernahme am Donnerstag über die Vorgänge bei Monsanto kommunizieren könne, ist für die Zukunft ja hinfällig. Und Schön-Wetter-Kommunikation wird langfristig nicht aus der Malaise helfen.

Das Gerichtsurteil in den USA, das einem an Krebs erkrankten Hausmeister Recht gab und Bayer mit Zahlungen in Höhe von 289 Millionen US-Dollar belasten soll, wirkte wie ein Paukenschlag. Insgesamt sind in den Vereinigten Staaten über 5.000 Klagen im Zusammenhang mit dem Unkrautvernichter Glyphosat anhängig. Bereits für Oktober ist ein weiterer Gerichtstermin avisiert. Damit noch nicht genug: der „Guardian“ berichtete über Glyphosat-Rückstände in Getreidemischungen und Müsliriegeln, die von renommierten Lebensmittelherstellern wie der Kellogg Company vertrieben wurden. Die finanziellen Folgen für Bayer sind noch nicht absehbar. Es ist allerdings nicht unwahrscheinlich, dass die im Raum stehende hohe Strafzahlung deutlich nach unten abgemildert wird. Vergleichbare Fälle gab es schon bei Tabakkonzernen. Deshalb sollten sich Aktionäre von der hohen Summe nicht zu sehr ins Bockshorn lassen. Gegen das Urteil wird Berufung eingelegt. Monsanto und Bayer verwiesen darauf, dass das Gerichtsurteil wissenschaftliche Erkenntnisse und eine Vielzahl von Studien zu Glyphosat ignorieren würde. Fakt ist jedoch, dass die Einschätzung von Glyphosat unter Wissenschaftlern und auch bei internationalen Behörden höchst umstritten ist.

Jetzt auch noch Dicamba

Nicht nur Klagen wegen Glyphosat belasten Bayer. Laut „Wirtschaftswoche“ gibt es mit dem Pflanzenschutzmittel Dicamba ebenfalls Probleme. Der Vorwurf: Das Mittel habe auch Nutzpflanzen vernichtet, die nicht durch gentechnische Veränderungen von Monsanto immunisiert wurden. Monsanto konterte, dass das Mittel von den Landwirten nicht sachgerecht genutzt wurde. Insofern ein herber Schlag, da Dicamba als Substitut für Glyphosat eingesetzt wurde, weil sich bei Pflanzen zunehmend Resistenzen gegen Glyphosat gebildet haben. Auf den Bericht der „Wirtschaftswoche“, der auch über neue Sammelklagen von US-Landwirten im Fall von Dicamba berichtete, hat der Konzern mittlerweile reagiert und die Darstellung zurückgewiesen. Aus Monsantos Sicht seien die Klagen, die sich auch noch gegen andere Konzerne richten würden, seit längerem bekannt. Darüber sei auch schon in den Medien berichtet worden.

Doch die Probleme werden bereits sichtbar. In jedem Fall wollen die beiden größten US-amerikanischen Saatguthändler Beck’s Hybrids und Stine Seed laut Nachrichtenagentur Reuters nun aber durchsetzen, dass Dicamba in der Landwirtschaft nicht mehr eingesetzt werden darf. Das wiederum dürfte zu deutlichen Umsatzeinbußen beim Hersteller führen, weil das gentechnisch veränderte Saatgut von Monsanto auf Dicamba abgestimmt ist. Bayer-Chef Werner Baumann stellte bei der Übernahme von Monsanto, für die er 54 Milliarden Euro in die Hand genommen hatte, die Schaffung von erheblichem Wert in den Vordergrund. Eine Frage drängt sich in diesem Zusammenhang auf: Hatte man die Gift-Risiken bei Monsanto, die ja keinesfalls unbekannt waren, unterschätzt oder wollte man sie aus Hybris und mit Blick auf einen Milliardenmarkt nicht wahrhaben?

2017 war die Welt bei Bayer noch weitgehend in Ordnung. Der Umsatz stieg leicht um 0,2 Prozent auf rund 35 Milliarden Euro. Das Konzernergebnis stieg um satte 61,9 Prozent auf rund 7,3 Milliarden Euro. Dabei waren positive Sondereffekte zu berücksichtigen. Vor Abschreibungen und Sondereffekten ist das Ergebnis leicht zurückgegangen. Das erste Quartal 2018 verlief mit einem auf 9,1 Milliarden Euro gestiegenen Umsatz überzeugend. Eine Kennzahl, nämlich die freien liquiden Mittel in Höhe von 5,3 Milliarden Euro, dürften Anleger mit Blick auf Schadenszahlungen mittlerweile besonders im Auge behalten. Am 5. September folgen die Zahlen für das zweite Quartal.

Übertriebener Kursverfall?

Etliche Analysten halten den aktuellen Kursverfall der Aktie für übertrieben, so auch die Experten der NordLB, die darauf verweisen, dass mit dem Gerichtsurteil zwar die Prozessrisiken für Bayer gestiegen sind. Die Summe, zu der Monsanto verurteilt worden sei, dürfe allerdings nicht auf andere Klagen hochgerechnet werden. Da der Sachverhalt auch unter Wissenschaftlern umstritten ist, könne ein anderes Instanz zu einem völlig anderen Ergebnis kommen. Den Kurssturz halten die NordLB-Experten für übertrieben. Gleichwohl wurde das Kursziel der Aktie von 98 auf 82 Euro reduziert und eine Halteempfehlung ausgesprochen. Äußerst mutig in ihrer optimistischen Einschätzung sind dagegen die Analysten der Schweizer Großbank UBS mit einer Kaufempfehlung. Das Kursziel für die Bayer-Aktie belassen sie weiter bei 130 Euro. Zur Erinnerung: im Xetrahandel lag das Wochentief, das gleichzeitig der niedrigste Kursstand seit Februar 2013 ist, bei 75,50 Euro.

Ein Blick in die Unternehmensgeschichte von Bayer könnte eher die Optimisten, die von einer Überreaktion sprechen, stützen. Vor exakt 17 Jahren wurde der Cholesterinsenker Lipobay, der u.a. für Todesfälle verantwortlich gemacht wurde, von Bayer vom Markt genommen. Auch damals wurde eine Sammelklage gegen Bayer wegen des Präparats, das in den USA unter dem Namen Baycol verkauft wurde, initiiert. Lipobay war mit einem höheren Umsatzvolumen als Aspirin ein Blockbuster des Konzerns. Letztendlich hat sich Bayer in Vergleichen mit Geschädigten geeinigt, ohne dass der Konzern dadurch ins Wanken geraten ist.

Was nun tun?

Neuinvestoren sollten in jedem Fall abwarten, auch wenn Analysten zum Kauf raten. Die Erholung am Freitag mit einem Plus von 1,8 Prozent war eine Reaktion auf die starken Verkäufe und damit rein technischer Natur. Neben fundamentalen Aspekten, die zurzeit aber äußerst unsicher sind, kann auch ein Blick auf den Chart helfen, um Chancen und Risiken einzuschätzen. Als Worst-Case-Szenario ließe sich aus dem Monatschart ein Durchrauschen bis hinunter auf 59,50 Euro, dem Hoch des Jahres 2011, ableiten. Dies wäre der Fall, wenn der Bereich um 76 Euro nachhaltig und dauerhaft unterschritten würde.

Wahrscheinlicher ist in den kommenden Wochen eine Seitwärtsbewegung mit heftigen Schwankungen um den Bereich von 76 Euro. Wenn hier eine Stabilisierung gelingen sollte, liegt das erste Kursziel aus technischer Sicht bei 90 Euro. Zur Eröffnung von weiterem Aufwärtspotential müsste eine fallende Abwärtstrendlinie, die momentan bei knapp 113 Euro verläuft, erobert werden. Vor Abschluss einer Bodenbildung um den Bereich von 76 Euro sollten langfristig orientierte Anleger sich an der Seitenlinie aufhalten. Wer an der Börse zu spät kommt, den bestraft der Markt, aber wer zu früh kommt, für den fällt die Strafe, sprich der Kursverlust, womöglich stärker aus.

Christian Bayer

19.08.2018 | 00:31

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