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Der große Krisenprofiteur RWE

(Foto: RWE)



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Während vielerorts die Kurse purzeln, befinden sich die Papiere des Energieversorgers in einem beeindruckenden Rally-Modus. Von Anlegern lange verschmäht, machen die Essener auf einmal in fast allen Konzernbereichen große Freude.  

Lange unbeliebt, ist RWE gerade so etwas wie das Unternehmen der Stunde am deutschen Aktienmarkt. Seit Beginn des Jahres hat die Aktie des Energieversorgers zwölf Prozent an Wert hinzugewonnen. Der Dax hat im selben Zeitraum ähnlich viel an Wert verloren. Während Anleger branchen-, börsen- und länderübergreifend zuletzt aus Aktien flüchteten, laufen die Papiere von RWE zur Höchstform auf. Schon seit 2015 entwickelt sich die Aktie der Essener stark, hat sich seither mehr als vervierfacht und befindet sich in einem intakten Aufwärtstrend. Nach einem schwächeren Jahr 2021, schießt der Kurs nun wieder nach oben. Aktuell kostete eine Aktie 40,50 Euro und damit so viel, wie seit elf Jahren nicht mehr.

Aufgrund der Energiewende und den damit verbundenen Ausstiegen aus der Atom- und Kohleenergie, ließen Investoren lange die Finger von klassischen Versorger-Aktien, zu denen auch RWE zählte. Doch die Essener haben aus der Not eine Tugend gemacht, die Zeichen der Zeit erkannt und das Firmenportfolio einerseits breiter diversifiziert, andererseits die Energiewende als Chance begriffen und sich den Ausbau von Solar- und Windkraft auf die Fahne geschrieben. Bei Anlegern kommt das schon seit einigen Jahren gut an. Jetzt aber könnte die Rally noch einmal an Schwung gewinnen. Für RWE könnte es gerade kaum besser laufen. Der Konzern scheint einer der ganz wenigen Profiteure der aktuellen Energiekrise zu sein. Kurzfristig wie langfristig.

Preise steigen, Gewinne klettern


Zunächst einmal haben sich die Strompreise deutlich verteuert. Insbesondere in diesem Jahr. Daten des Bundesverbands für Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) nach, kostet die Kilowattstunde für einen Haushalt mit einem Jahresverbrauch von  3.500 Kilowattstunden derzeit im Schnitt 37,14 Cent. 2020 waren es 31,81 Cent. Die Großhandelspreise für Strom hätten sich in diesem Jahr sogar verdreifacht, schreibt die DZ-Bank und prophezeit: „Da die Stromnachfrage wächst, sollte RWE dauerhaft von einem Umfeld mit verbesserten Preisen profitieren.“ Bereits im Februar hatte RWE die Prognose für den Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 3,3 bis 3,6 auf 3,6 bis vier Milliarden Euro angehoben. Analysten von Goldman Sachs und JPMorgan halten die Schätzung immer noch für eher konservativ. Bei erstgenannter US-Bank stehen die RWE-Titel auf der Conviction-Buy-List mit einem Kursziel von 53 Euro.

Die vor kurzem veröffentlichten Zahlen für das erste Quartal enthielten bereits einen deutlichen Gewinnsprung. Das bereinigte operative Ergebnis kletterte um 65 Prozent auf 1,46 Milliarden Euro. Das Nettoergebnis verdoppelte sich sogar auf 735 Millionen Euro. Unter dem Strich blieb ein Gewinn in Höhe von 2,2 Milliarden Euro. Im ersten Quartal des Vorjahres waren es 900 Millionen Euro. Zwar spielten in die Ergebnisse auch sehr schwache Vorjahreswerte aufgrund der hohen Sturmschäden in den USA und vorteilhaftere Bewertungen von Finanzprodukten mit hinein, dennoch sind sie ein Zeichen der Stärke. Denn: Alle Anzeichen deuteten auf ein weiter anziehendes operatives Wachstum hin, schreibt Goldman-Analyst Alberto Gandolfi.

Erneuerbare werden ausgebaut, Kohle wohl länger abgebaut

Die Nordrhein-Westfalen profitieren sowohl kurzfristig von einer möglichen Laufzeitverlängerung der Kohlekraftwerke aufgrund der Energierisiken durch die russische Invasion in die Ukraine, wie auch langfristig vom Ausbau der Erneuerbaren, der nun noch deutlich schneller vorangehen soll.  Wie wichtig eine möglichst große Energieunabhängigkeit und Energiediversifizierung sein kann, zeigt die aktuelle Russland-Krise überdeutlich. Und RWE hat hier überall die Finger im Spiel.

Ganz besonders bei Windkraft und Solarstrom. Im Kerngeschäft, maßgeblich von diesen beiden Energieerzeugungsformen geprägt – hinzu kommen Gas, Wasser und Biomasse – stieg das operative Ergebnis auf 1,3 Milliarden Euro. Der Anteil der Wind- und Sonnenenergie sprang dabei um 20 Prozent nach oben. In der Sparte Onshore Wind-Solar wurde aus einem operativen Verlust in Höhe von 119 Millionen Euro im Vorjahr ein Gewinn von 318 Millionen Euro. Im Offshore-Wind-Geschäft stieg der operative Gewinn von 297 auf 420 Millionen Euro. Die Energiewende, das zeigen diese Zahlen deutlich, wird für RWE immer mehr zum einträglichen Geschäft.

Analyst: Aktie die am besten positionierte für Energiewende in Europa


Bank Of America-Analyst Peter Bisztyga hält die Aktie des Energieversorgers sogar für die am besten positionierte für die Energiewende in Europa. Denn auch mit Blick auf den Megatrend Wasserstoff scheint RWE aussichtsreich positioniert. „RWE ist bei über 30 Wasserstoffprojekten dabei und arbeitet auch an der Dekarbonisierung der Industrie“, schreibt die DZ-Bank. Beim Flaggschiff GetH2 in Lingen sei RWE mit dem Bau einer 100 MW-Elektrolyseanlage beauftragt. Hier soll der Kern einer europäischen Wasserstoffwirtschaft entstehen. „Wasserstoff bietet für RWE eine zusätzliche Wachstumschance, weil man von der grünen Stromproduktion über die Herstellung von Wasserstoff und dessen Speicherung sowie dem Energiehandel alles abdeckt“, heißt es in der DZ-Bank-Studie weiter.

In Brunsbüttel entsteht derweil ein LNG-Terminal, um Flüssiggas, unter anderem aus den USA importieren zu können. Auch eine Maßnahme der Bundesregierung, um sich unabhängiger von russischen Energieimporten zu machen. Umgesetzt wird das Vorhaben von RWE, gemeinsam mit Gasunie. Bis zu dessen Fertigstellung hat RWE vorgesorgt und, wie die DZ-Bank schreibt, zwei schwimmende LNG-Terminals beschafft, mit denen jährlich zwischen zehn und 14 Milliarden Kubikmeter Erdgas bereitgestellt werden könnten.

RWE schickt sich an der große Krisen-Profiteur zu werden. Der Konzern, so DZ-Bank-Analyst Werner Eisenmann, sollte zunehmend von den sich nun nochmals beschleunigenden Megatrends, wie Energiewende, Elektrifizierung und Wasserstoff profitieren. Die aktuellen Zahlen und Prognosen legen das nahe.

OG

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16.05.2022 | 16:58

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