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Ein Deutscher lehrt Amazon das Fürchten

(Foto: Paul McKinnon / Shutterstock)



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Ein Koblenzer Schulabbrecher schafft als Start-Up-Unternehmer einen digitalen Weltkonzern. Seit dieser Woche ist das kanadische Unternehmen Shopify größer als alle Dax-Konzerne. Die Börsenkurse schießen empor. Warum gelingt einem Deutschen das in Kanada, aber nicht hierzulande?

Shopify hat die Marke von 150 Millionen Euro Marktkapitalisierung durchbrochen. Die Börse ist ganz heiß nach den Aktien der E-Commerce-Plattform, so dass der Wert des Unternehmens seit zwei Wochen Milliarde um Milliarde steigt. Binnen einer Woche schafft Shopify so viel Marktwert wie ein ganzer Lufthansa-Konzern kostet. Inzwischen ist Shopify größer und wertvoller als jeder Dax-Konzern - man könnte sich für ein Shopify sogar 23mal die ganze Commerzbank kaufen.

Hinter dem spektakulären Welterfolg steht ein 41 Jahre alter Koblenzer. Tobias Lütke ist Gründer und CEO von Shopify und damit derzeit der erfolgreichste Unternehmer aus Deutschland. Er stößt in die Milliardärs-Garde von Bill Gates, Jeff Bezos und Elon Musk vor - doch kaum einer hierzulande hat seinen Namen je gehört. Dabei hätte es schon 2019 auffallen können, dass Elon Musks Spende von 1.000.000 Dollar für eine Baumpflanzaktion namens „Teamtrees“ plötzlich von diesem Deutschen namens Lütke mit 1.000.001 Dollar übertroffen worden ist.

Miserabler Schüler

Die Geschichte von Tobias Lütke könnte einem Kitschroman über Nerd-Karrieren entstammen. Als Siebenjähriger bekommt er von den Eltern einen ersten Computer geschenkt - auf diesem Schneider CPC bringt er sich das Programmieren bei. Mit elf Jahren schreibt er Commodore-64-Spiele um, und verbringt seine Zeit als Zocker für Videospiele. „So 15, 16 Stunden am Tag“ spielt er, vor allem „Pac-Man“ oder „Space Invaders“, Computermagazine helfen ihm schließlich, selbst Spiele zu programmieren. „Wir machten uns damals große Sorgen um ihn", gibt seine Mutter später zu. Die Eltern schicken ihren introvertierten Jungen zum Therapeuten, schließlich scheint der sich völlig hinter seinem Computer zu verstecken. In der Schule sei er auch deswegen ein „miserabler Schüler“ gewesen, gesteht er heute. Eine Lese-Rechtschreibschwäche tut das übrige - und so bricht der junge Pfälzer nach der zehnten Klasse das Görres-Gymnasium mit einem Realschulabschluss ab. Fortan konzentriert er sich auf das, was er wirklich gut kann und ihm Spaß macht - programmieren. Bei Siemens-Nixdorf in Koblenz startet er eine Ausbildung zum Fachinformatiker, doch schon bald zieht es ihn aus Deutschland weg.

Während eines Urlaubs in Kanadas Wintersportparadies Whistler lernt er die blonde Fiona McKean aus Ottawa kennen, er verliebt sich und wandert für sie 2002 nach Kanada aus. Heute sind die beiden verheiratet und haben drei Kinder.

Software statt Snowboard


Im Jahr 2004, just da Elon Musk sein Tesla-Abenteuer beginnt, startet auch Lütke in Ottawa sein erstes Unternehmen: Snowdevil. Mit seinem Snowboard-Freund Scott Lake will er aus einer - auch ganz gründer- klassisch - Garage heraus Snowboards über das Netz verkaufen. Kurzerhand programmiert er eine eigene digitale Plattform für den E-Commerce-Laden. Das Kumpel-Geschäft mit den Snowboards fliegt nicht so recht, sein Schwiegervater muss finanziell aushelfen, doch plötzlich steigt die Nachfrage nach der Software. Im Familien- und Freundeskreis leiht er sich 200.000 Dollar Startkapital zusammen und launcht 2006 offiziell die E-Commerce-Plattform „Shopify“. Die erste Firmenzentrale der zwei Gründer wird ein Tisch im Bridgehead Coffee Shop in Ottawa, der sich vor allem durch ein gutes WLAN auszeichnet. Die Plattform ermöglicht kleinen und kleinsten Onlinehändlern den Aufbau eigener Shops, mitsamt Bezahloptionen und die Integration in den Amazon Marketplace.

Vier Jahre nach der Gründung ruft Lütke - im Herzen immer noch eine Spielernatur - einen Wettbewerb aus, um Shopify bekannter zu machen. Demjenigen Mittelständler auf seiner Plattform, der den höchsten Umsatz in zwei aufeinanderfolgenden Monaten erzielen würde, wird ein MacBook Pro versprochen. Ein Freund ermutigt ihn, das Preisgeld kurz darauf auf 100.000 Dollar zu erhöhen, damit die Aktion einschlägt. Der Wettbewerb bringt 1400 neue Händler auf die Plattform und beschert Shopify den Durchbruch.

Investoren und Wagniskapitalgeber melden sich, 2015 folgt schließlich der Börsengang. Wer damals bei Lütge mit 20.000 Euro eingestiegen wäre, hätte heute mehr als eine Million daraus gemacht.

Mit der Shopify-Software schafft Lütke aber nicht nur gewaltige Börsenwerte. Ohne es anfangs zu ahnen, gründet er eine Gegenwelt zum Marktriesen Amazon. Millionen kleiner Händler in aller Welt können mit Shopify an Amazon vorbei direkt an Endkunden verkaufen. Der Erfolg ist nicht bloß gewaltig, er wird spektakulär. Das Wirtschaftsmagazin „Barron’s’“ (Wall Street Journal) kürt Lütge 2021 zum „besten CEO“ und „Anti-Amazon“. Gerade da die Welt den Marsch ins Amazon-Monopol fürchtet, kommt ein junger Deutscher und eröffnet die digitale Konkurrenz. Amazon-Aktien haben sich in den letzten drei Jahren verdoppelt - die Aktien von Shopify aber haben sich verachtfacht.

Globaler Durchbruch dank Corona


Die Corona-Krise führt für Shopify schließlich zum globalen Durchbruch. Überall auf der Welt wenden sich Händler ihren Online-Läden zu und brauchen Lütkes einfache Software. Der erweitert sein Angebot um eine Zahlungsplattform (Shop Pay) und einen Fulfillment- und Logistikarm; das Unternehmen hilft Händlern heute umfassend auch mit Branding, E-Mail-Marketing und Werbung. Inzwischen verkaufen die größten Influencerinnen der Welt wie Kim Kardashian oder Kylie Jenner über Shopify. Alleine letztere hat schon mehr als 900 Millionen Lippenstifte über Shopify abgesetzt.

So ist der Schulabbrecher nicht nur einer der reichsten Deutschen und erfolgreichster Start-up-Unternehmer geworden, er führt jetzt auch das größte Unternehmen Kanadas, sein Shopify ist dreimal so wertvoll wie Ebay und die Wachstumsdynamik nimmt noch zu. Lütge freilich ist trotz des Milliardenspektakels bescheiden geblieben. Er fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, und sein Arbeitszimmer sieht immer noch so aus, „als habe er gerade ein Praktikum begonnen: stahlgraues Regal, Registerschrank, zwei Arbeitsplätze – that's it.“, beschreibt das Manager Magazin. Mit seiner Schiebermütze (in seiner alten Heimat „Batschkapp“, in seiner neuen „Flatcap“ genannt) und seinen wasserblauen Augen sieht immer noch so aus wie ein Koblenzer Rheinfischer, der sich auf den Feierabendwein freut. Und freuen kann er sich derzeit jeden Tag.

Von Wolfram Weimer

30.07.2021 | 15:02

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