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Finger weg von der Tesla-Aktie!


Audi, Porsche, Mercedes, BMW - alle vier deutschen Premiumhersteller haben neue E-Modelle präsentiert und die Frontal-Attacke auf Tesla eröffnet. Porsche-Chef Oliver Blume stellt die Modelle Macan, Cayenne, Boxster und Panamera sogar nacheinander auf reinen Elektroantrieb um. Audi hat den SUV e-tron kaum präsentiert, da laufen die ersten Fahrzeuge in Brüssel bereits vom Band. Daimler-Chef Dieter Zetsche hat den EQC in Stockholm vorgestellt und verspricht eine massive Elektrifizierung - man werde Tesla den Markt nicht überlassen. 

Auch zahlreiche ausländische Hersteller planen noch in diesem oder in den nächsten Jahren weitere elektrische Modelle. Eine Auswertung des Beratungsunternehmens McKinsey ergab, dass schon in diesem Jahr insgesamt 71 verschiedene Elektroauto-Modelle eingeführt werden sollen, zusätzlich seien 32 neue Plug-in-Hybrid-Modelle geplant, die neben einem elektrischen Antrieb auch noch einen Verbrennungsmotor besitzen.
Der Elektro-Pionier Tesla bekommt es also mit massiver Konkurrenz der Platzhirschen zu tun. Die Offensive der Wettbewerber trifft Tesla in einem Moment, da sich die Probleme ohnedies häufen. Elon Musk stellt immer wieder in naher Zukunft die Profitabilität des Unternehmens in Aussicht, die Wirklichkeit sieht anders aus. Vielmehr reißen die Probleme nicht ab. Im vergangenen Jahr wurden die Produktionszahlen für das Model 3 nicht eingehalten. Zeitweilig wurde die Produktion gestoppt. Mit einer wöchentlichen Produktion von 6000 Wagen des Model 3 will Tesla den Weg Richtung Profitabilität einschlagen. Bis Ende Juni stieg die Zahl immerhin auf 5000 Wagen. Trotzdem melden die Werke immer neue Probleme.

Das einzige, auf das momentan im Unternehmen Verlass ist, ist das Verbrennen von Geld. Im zweiten Quartal stieg der Verlust auf 718 Millionen US-Dollar gegenüber 336 Millionen US-Dollar im Vergleichsquartal des Vorjahres an. Die liquiden Mittel liegen bei 2,2 Milliarden US-Dollar und sind damit gegenüber dem Vorjahr um etwa 800 Millionen US-Dollar geschrumpft. Hektisch werden die Kreditlinien Teslas verlängert, bei der Deutschen Bank in Höhe von 1,1 Milliarden US-Dollar wurde kürzlich auf August 2019 verlängert. Andere Banken sind inzwischen skeptisch geworden.

Denn nun droht neuer Ärger: Die vollmundigen Überlegungen von Musk zum Börsenrückzug des Autobauers haben ein Nachspiel. Das Justizministerium geht dem Vorgang inzwischen nach und hat Dokumente zu dem dubiosen Vorgang angefordert. Die US-Staatsanwälte prüfen, ob Musk durch seinen Tweet, Tesla von der Börse nehmen zu wollen, die Öffentlichkeit getäuscht und Kursmanipulation betrieben habe, meldet die Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg.

Anleger fürchten nun eine strafrechtliche Untersuchung und eine Klagewelle, die das Unternehmen teuer kommen könnte. Einige Verschiedene Hedgefonds klagen bereits gegen Tesla, weil sie Musks Tweet mit der Behauptung "Finanzierung gesichert" als Kursmanipulation bewerteten.
Unterdessen berichtet Fox Business News, dass die US-Börsenaufsicht SEC in der Sache sämtliche neun Vorstandsmitglieder von Tesla gerichtlich vorladen lasse. Musk hatte am 7. August in einem Tweet überraschend verkündet, Tesla zum Aktienkurs von 420 US-Dollar privatisieren zu wollen. Später zog er sein Vorhaben zurück. Als rechtlich brisant gilt vor allem seine Behauptung, die Finanzierung für einen solchen Deal sei gesichert. Zu den prominentesten und gefährlichsten Klägern zählt der Leerverkäufer Andrew Left.
Mit den Eskapaden des schillernden Konzernlenkers wollen einige Führungskräfte offenbar auch nicht mehr leben. Top-Manager verlassen den Autobauer, in Kalifornien ist bereits von einer „Flucht vom sinkenden Schiff“ die Rede. Teslas Chefbuchhalter Dave Morton hat spektakulär seinen Posten aufgegeben - nach nur einem Monat in dem Job. Dann suchte aus dem Finanzressort mit Justin McAnear ein weiterer hochrangiger Manager das Weite. Auch Personalchefin Gabrielle Toledano erklärt ihren Rückzug. Und ebenso Shen Jackson, Teslas Leiter der Fertigungstechnik.

In den USA wird der impulsive Elon Musk inzwischen immer häufiger mit Donald Trump verglichen. Beide seien twitterwütig und aggressiv. In Konferenzen werden Analysten schon einmal wegen angeblich langweiliger Fragen arrogant zurechtgewiesen. Von Mitarbeitern erwartet er, in arbeitsintensiven Phasen am besten unter dem Schreibtisch zu schlafen. In einem Interview mit der „New York Times“ beschreibt er seine 120-Stunden-Arbeitswoche. Die immer neuen Ideen in seinem Kopf seien wie "nicht endende Explosionen", erklärte er einem irritierten Publikum.

Ruhe findet er laut eigenen Aussagen nur noch mit Schlaftabletten. In der New York Times sprach er von dem "schlimmsten Jahr seiner Karriere" und der Überlastung. Er sagte, regelmäßig das Schlafmittel Ambien zu nehmen. Das öffentliche Bekenntnis zum Drogenkonsum hat das Vertrauen in Elon Musk weiter erschüttert. Während des Podcast-Gesprächs mit dem Komiker Joe Rogan paffte Musk eine ihm angebotene Zigarette mit einer Tabak-Marihuana-Mischung. "Ich rauche Gras normalerweise nicht, fast nie", sagte der US-Unternehmer. "Ich finde nicht, dass es gut für die Produktivität ist. Es ist wie eine Tasse Kaffee im Rückwärtsgang." In Kalifornien ist Cannabis-Konsum nicht illegal.
Das impulsives Verhalten des Tesla-Chefs verunsichert die Aktien-Anleger zusätzlich und sorgt für starke Schwankungen an der Börse.

Die Analysten der US-Bank JP Morgan haben sich in ihren Einstufungen den Kurs-Kapriolen der Tesla-Aktie angepasst. Nach dem Musk-Tweet zur Privatisierung des Konzerns wurde das Kursziel bei 308 US-Dollar gesehen, zwei Wochen später waren es dann nur noch 195 US-Dollar. Begründung: Das erste Kursziel hat den Einstieg des saudischen Staatsfonds berücksichtigt, jetzt habe man sich aber doch entschlossen, die Aktie nur nach fundamentalen Kriterien zu beurteilen. Die Rating-Agentur Morningstar setzte noch eins drauf. In einer aktuellen Studie rät sie zum Verkauf der Aktie mit einem Kursziel von 175 US-Dollar. Zwar haben sich Shortspekulanten bei Tesla schon mehrfach verzockt, denn die Aktie konnte den ganz großen Einbruch immer noch verhindern. Für diesen Herbst aber sieht es stürmisch aus.

21.09.2018 | 13:27

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