boerse am sonntag - headline

Taumelt die Facebook-Aktie in die Krise?

Daumen runter: Die Umsatzentwicklung kurz vor dem dritten Quartalsbericht gefällt den Facebook-Aktionären gar nicht.


Wegen einer Sicherheitslücke konnten Hacker auf rund 50 Millionen Nutzer-Konten zugreifen. Das könnte dem Konzern nicht nur 1,6 Milliarden Euro kosten, sondern auch das Vertrauen der Community. Doch noch größere Bauchschmerzen als der aufpoppende Datenskandal bereitet den Anlegern eine schwache Wachstumsprognose, die den Konzern vor dem dritten Quartalsbericht erheblich unter Druck setzt.
 
Seit dem 26. Juli – jenem Tag, an dem Facebook die Ergebnisse des zweiten Quartals präsentierte – hat das Unternehmen 174 Milliarden Dollar an Marktkapitalisierung verloren. Allein 120 Milliarden Dollar waren es innerhalb eines einzigen Tages, Zuckerbergs schwarzem Donnerstag, an dem die Aktie nachbörslich mit einem Sturz von zeitweise 23 Prozent reagierte. Autsch. Nach dem Absturz konnten sich die Wertpapiere bis dato nicht erholen. Im August sah es zwar so aus, als würde sich der Anteilsschein bei rund 172 Dollar einpendeln und für etwas Ruhe bei den Kaliforniern sorgen, aber weit gefehlt: Bis 158 Dollar wurde die Aktie bereits durchgereicht und die Talfahrt geht weiter – anschnallen bitte.
 
Am 30. Oktober wird Zuckerberg den dritten Quartalsbericht des weltgrößten Onlinenetzwerkes vorstellen. Anleger interessiert: Steigt oder fällt die Aktie weiter? Bereits im vergangenen Juli konnte Facebook erstmals seit zwölf Quartalen in Folge nicht die Analystenprognosen übertreffen. Während sich Gewinn pro Aktie noch im Rahmen der Börsenerwartungen bewegte, entwickelten sich die Umsätze und Nutzerzahlen schwächer als prognostiziert. Schon jetzt sagt der Finanzchef David Wehner ein Umsatzwachstum voraus, das im kommenden Quartal bei nur noch etwa 20 Prozent liegen soll und somit erneut unter den Erwartungen der Wall Street bliebe. Weitere Kursverluste wären die Folge.
 
Als wären das nicht schon genug Probleme, mit denen der Konzern derzeit zu kämpfen hat, schliddert Facebook direkt in den nächsten Datenskandal, dabei sind die Untersuchungen im Falle Cambridge Analytica noch nicht einmal abgeschlossen. Amerikanischen Medienberichten zufolge könnte die irische Datenschutzbehörde DPC Facebook eine saftige Strafe aufbrummen, weil das Unternehmen die Daten seiner Nutzer nicht ausreichend geschützt haben soll. Die Behörde teilte mit, dass sich die Untersuchung insbesondere darauf konzentrierten, ob sich die soziale Netzwerkplattform an die vor kurzem verschärften Datenvorschriften, gehalten habe. Im Sinne der Datenschutz-Grundverordnung droht dem Netzwerk nun eine Strafe von bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes, also 1,6 Milliarden bei einem Umsatz von rund 40 Milliarden Dollar im Jahr 2017.
 
Zugriff auf Accounts
 
Facebook teilte mit, dass unbekannte Angreifer vollen Zugriff auf rund 50 Millionen Nutzer-Accounts erlangt hatten. Weniger als zehn Prozent der betroffenen Konten würden Nutzern aus der Europäischen Union gehören, twitterte die Datenschutzbehörde aus Irland kurze Zeit später. Mithilfe sogenannter Zugriffstoken, die eine Anmeldung ohne Passwort erlauben, sei der Zugriff möglich gewesen. Laut dem weltgrößten Onlinenetzwerk würde die Ursache für den Hack in einer Kette von drei Programmierfehlern rund um die Funktion „Anzeigen aus Sicht von“, die es Usern erlaubt, das eigene Profil aus Sicht anderer Nutzer zu sehen, liegen. Allerdings seien die Login-Daten nicht für den Zugang zu anderen Webseiten benutzt worden: „Wir haben keine Hinweise darauf gefunden, dass sich die Hacker mit Hilfe des Facebook-Logins Zugang zu anderen Apps verschafft haben“, teilte der für die Sicherheit zuständige Facebook-Manager Guy Rosen mit.
 
Doch es könnte noch schlimmer kommen: Falls die irischen Datenschützer das Netzwerk nicht nur zu einer Geldstrafe verdonnern, sondern auch das unbegrenzte Sammeln von Daten untersagen, wären die ökonomischen Folgen dramatisch. Denn zielgenaue Werbung – das Erfolgskonzept der Plattform – würde dadurch erschwert.
 
Die Cyber-Attacken auf das Netzwerk lehren aber auch Folgendes: Der Facebook-Aktie ist ein Skandal relativ egal. Den Nutzern übrigens auch. Zwar entfachen die Sicherheitslöcher bei Facebook weltweit immer wieder einen Sturm der Kritik, doch blieben die großen Nutzungsrückgänge aus. Aber wer braucht schon Datenschutz, wenn man stattdessen maßgeschneiderte Inhalte und Werbung direkt in die persönliche Blase serviert bekommt? Richtig: Niemand. Das belegt der Fall Cambridge Analytica. Obwohl der Tech-Gigant massiv in der Kritik stand, persönliche Nutzerdaten an das Datenanalyse-Unternehmen weiter gegeben zu haben und dadurch indirekt den amerikanischen Wahlkampf beeinflusst zu haben, stiegen die Anteilsscheine des Konzerns als ob nichts gewesen wäre. Mark Zuckerberg sollte sich jedenfalls über die Toleranz seiner Community freuen. Was beim CEO weniger Endorphine freisetzen wird, ist der Blick auf die ausstehende Quartalbilanz Ende Oktober, denn egal wie die Untersuchung des US-Kongresses im Fall Cambridge Analytica ausgeht und wie schnell der Facebook den aktuellen Datenhack in den Griff bekommt, Kopfschmerzen hat der Facebook-Manager derzeit vor allem wegen der schwächelnden Umsatz- und Gewinnbilanzen.
 
Umsatzexplosion durch VR und Instagram?
 
Wachstumspotenziale sehen Experten vor allem bei den von Facebook aufgekauften Unternehmen Oculus Rift und Instagram. Mit einem neuen VirtualReality-Headset, das kabellos und mit einem Kaufpreis von 399 Dollar verhältnismäßig erschwinglich ist, stellt Oculus eine technische Innovation vor, mit der ein Vorstoß in Nischenmärkte wahrscheinlich wird. Einschätzungen verschiedener Analysten zeigen, dass in diesem Bereich große Wachstumspotenziale existieren. Wurden laut der International Data Corporation (IDC) im vergangenen Jahr lediglich 14 Milliarden Dollar auf dem VR/AR-Markt umgesetzt, sollen es 2022 bereits 209 Milliarden Dollar sein.
 
Auch der digitale Fotodienst wirkt als Stabilisator der Facebook-Aktie. Das sich verändernde Nutzungsverhalten der jungen Generation schadet zwar einerseits der Mutterplattform selbst, spielt Instagram aber in die Karten. Während die Zahl der monatlich aktiven Nutzer Ende 2017 bei rund 600 Millionen lag, sind es mittlerweile über eine Milliarde. Zudem kündigte das Unternehmen ein Update an, dass Produktkäufe mithilfe eines einfachen Klicks möglich machen soll. Laut der 100-prozentigen Facebook-Tochter klicken derzeit rund 90 Millionen Nutzer auf Produktfotos, um weitere Informationen zu bekommen. Ergo: Das Shopping-Feature dürfte gut angekommen.
 
Fazit


Die Sicherheitslücken manövrieren Facebook in den nächsten Datenskandal – und das, obwohl der Fall Cambridge Analytica noch nicht abgeschlossen ist. Was viel gravierender ist: Die schwache Entwicklung der Nutzerzahlen und ein wahrscheinlich unter den Erwartungen bleibendes Umsatzwachstum.
 
Doch ungeachtet der Skandale und verfehlten Erwartungen ist Facebook weiterhin eine Geldmaschine: So stieg der Umsatz im Quartal bis Ende Juni im Jahresvergleich um 42 Prozent auf 13,23 Milliarden Dollar, während der Gewinn um 31 Prozent auf 5,1 Milliarden Dollar zunahm. Kurzum: Das Unternehmen steht auf einem finanziell stabilen Fundament. Keine Schulden, hoher Cashflow. Damit lässt sich arbeiten. Auch Analyst Ken Kam sagt, die Aktie sei eine gute Fünf-Jahres-Investition, da sie derzeit mit etwa 20 Prozent unterbewertet ist. Ob diese Einschätzung nicht zu optimistisch ist, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass der Konzern mit all seinen Plattformen großes Wachstumspotenzial besitzt. So halten Oculus Rift, Instagram und WhatsApp die Facebook-Aktie relativ stabil. Zumindest vorerst. Doch präsentiert Mark Zuckerberg am 30. Oktober Zahlen, die weit unter den Erwartungen der Analysten liegen, droht der nächste Absturz.  


Florian Spichalsky

Florian Spichalsky

11.10.2018 | 14:39

Artikel teilen: