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Wie viel Potenzial steckt in den Dax-Halbjahres-Champions?

Wo im ersten Halbjahr die Bullen dominierten.(Foto: H-AB_Photography)


Sie haben Deutschlands Leitindex in den ersten sechs Monaten 2019 dominiert. Doch was bringt Halbjahr Nummer Zwei? Die besten Dax-Aktien im Check.  

Beiersdorf

Mit einem Kursanstieg von 91 auf 108 Euro und einem damit einhergehenden Kursplus von 18,6 Prozent ist die Beiersdorf-Aktie mit Blick auf das erste Halbjahr 2019 die fünftbeste im Dax. Nach ihrem Rekordlauf musste sie jüngst allerdings etwas federn lassen und steht nun noch bei 106 Euro. Die erfolgreiche Tour durch die ersten sechs Börsenmonate des Jahres ist durchaus überraschend, war die Aktie des Konsumgüterherstellers schon zuvor recht hoch bewertet und ist es mit einem 28er KGV jetzt erst recht. Bei einigen Analysten herrscht deshalb Skepsis, was die weitere Wertentwicklung anbelangt. Anleger sollten die hohe Bewertung der Papiere in Frage stellen, im Vergleich zur Konkurrenz hake es an Profitabilität und dem Barmittelfluss, kritisierte beispielsweise Bernstein-Research-Analyst Andrew Wood in einer Studie und beließ sein Kursziel bei 91 Euro. HSBC-Analyst Jeremy Fialko lenkt den Blick dagegen aufs Positive. Die europäischen Konsumgüterhersteller hätten sich zuletzt auf Effizienzsteigerungen konzentriert, nun rücke das Wachstum wieder in den Vordergrund. Er halte die Aussichten für Nivea und andere Beiersdorf-Marken für gut.

Die jüngsten Zahlen waren solide. Der Umsatz stieg in Quartal Eins um 7,8 Prozent, aus eigener Kraft um sechs Prozent. Vor allem in Afrika, Asien und Australien liefen die Geschäfte mit zweistelligen Wachstumsraten gut. Für das Gesamtjahr plant Beiersdorf weiter mit einem Umsatzplus aus eigener Kraft von drei bis fünf Prozent und einer operativen Umsatzrendite von 14,5 Prozent. Am 6. August veröffentlicht der Konzern die Zahlen zum zweiten Quartal. Da der Kurs bereits so hoch steht, dürfte fraglich sein, inwieweit ihm diese nochmal einen Schub geben können. Die Beiersdorf-Aktie könnte derzeit mehr vom allgemeinen Trend hin zu den weniger konjunktursensiblen Konsumgüter-Werten profitieren, als von den eigenen Wachstums- und Gewinnaussichten. Obacht also vor einer Überbewertung.

Allianz

Die vierbeste Kursentwicklung im Dax weißt nach sechs Monaten die Aktie der Allianz auf. Bis Ende Juni ist der Kurs des Papiers von Europas größtem Versicherungskonzern um 23 Prozent von 175 auf 216 Euro gestiegen. Vor kurzem sprang er sogar auf ein neues Rekordhoch von rund 218 Euro. Bei den Münchnern läuft es seit Ende der Finanzkrise praktisch wie am Schnürchen. Kontrolliert aber stetig steigt der Wert der Aktie, die Konzernumsätze und Gewinne wachsen Jahr um Jahr. In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres steigerte die Allianz ihr operatives Ergebnis um 7,5 Prozent auf drei Milliarden Euro. Der Umsatz wuchs um 9,3 Prozent auf 40,3 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr peilt Vorstandchef Oliver Bäte ein operatives Ergebnis zwischen elf und zwölf Milliarden Euro an. Dazu überzeugt der Versicherer mit einer überdurchschnittlichen Kapitalausstattung. Die Eigenkapitalquote liegt bei 67,2 Prozent. Die in der Versicherungsbranche wichtige Solveny-II-Kapitalquote bei 218 Prozent. Und neben den fundamentalen Zahlen, versorgt die Allianz Anleger nach wie vor mit dicken Ausschüttungen. Inzwischen liegt die Dividende je Aktie bei neun Euro, für das laufende Geschäftsjahr rechnen Analysten mit einer Erhöhung auf 9,51 Euro. Bei dem derzeitigen Kurs von rund 218 Euro liegt die Dividendenrendite bei 4,4 Prozent. Trotz des stark gestiegen Kurses kommt die Aktie darüber hinaus zu einem immer noch moderaten KGV von 11,4.

Neben den starken Zahlen und der Dividende profitiert der Konzern derzeit von der Unsicherheit am Markt. Den Versicherer beeinflussen die politischen Brandherde, die Handelskonflikt sowie die Sorgen um die Weltwirtschaft derzeit wenig, was ihn als eine Art „sicheren Hafen“ interessant macht. Auch wenn grundsätzlich von der Aktie überzeugt, warnt Deutsche Bank-Analyst Hadley Cohen jedoch vor einem Mangel an Kurstreibern im weiteren Jahresverlauf. Sein Kursziel setzt er bei 225 Euro. Doch womöglich könnte es schon reichen, dass es – zumindest stand jetzt – keine negativen Kurstreiber gibt.

Linde

Im Zuge der Fusion mit Praxair hat sich die Aktie des so entstanden Konzerngiganten im ersten Halbjahr 2019 ebenfalls zum Anlegerliebling gemausert. Geführt wird der nun weltweitgrößte Industriegase-Konzern inzwischen von CEO Steve Angel aus den USA. Seit März treten Linde und Praxair so nach langen Verhandlungen als gemeinsames Unternehmen auf. Die Aktie ist in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres um 30 Prozent von 138 auf 179 Euro gestiegen. Inzwischen kosten die Titel sogar schon rund 181 Euro. Anleger wie Analysten erhoffen sich viele positive Synergieeffekte aus der Fusion. Der Zusammenschluss dürfte Wachstum und Profitabilität von Linde mittelfristig steigern, schrieb Deutsche Bank-Analyst Tom Jones. Dazu kommt der neu entfachte Hype um die Brennstoffzelle. Deren Einsatz könnt „mittelfristig weiteres Potenzial bieten, da Linde als Wasserstoffproduzent von einer anziehenden Nachfrage nach dem Brennstoffzellentreibstoff profitieren würde“, schreibt die DZ Bank.

In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres stieg der bereinigte Gewinn, sprich die Fusionskosten rausgerechnet, um elf Prozent auf 927 Millionen Dollar. Der Umsatz stagnierte. 6,9 Milliarden Dollar entsprachen dem Vorjahresniveau. Der Konzern habe uneinheitlich abgeschnitten, schrieb Baader Bank-Analyst Markus Meyer. Während Umsatz und Ergebnis die Markterwartungen verfehlten, hätte Linde auf bereinigter Basis überrascht. Währungseffekte herausgenommen, stieg der Umsatz allerdings um rund fünf Prozent. Entscheidender ist jedoch ohnehin der Ausblick. Und der ist ein guter. Im Gesamtjahr soll der bereinigte Gewinn je Aktie um bis zu 13 Prozent zulegen. Dazu zahlt Linde für 2018 wohl eine Dividende in Höhe von 3,20 Euro, was einer Ausschüttungsquote von 1,76 Prozent entspräche. Und ein Aktienrückkaufprogramm mit einem Volumen von sechs Milliarden Dollar dürfte den Kurs stützen. Ein Wehrmutstropfen jedoch bleibt: CEO Steve Angel warnte schon vor einer möglicherweise schwächeren Entwicklung in Europa. 

SAP

Die zweitbeste Dax-Aktie im ersten Halbjahr 2019 war gemessen an der Kursentwicklung die des deutschen Software-Giganten SAP. Um mehr als 40 Prozent von 87 auf 122 Euro konnte diese von Januar bis Juni zulegen. Derzeit notiert ihr Kurs etwas darunter, bei knapp 113 Euro. Die SAP-Aktie gehört seit Jahren zu den großen Dax-Dauerläufern. Nach Ende der Finanzkrise ging es stetig bergauf. Auf Zehnjahressicht steht ein Plus von über 300 Prozent zu Buche. Das hat den Konzern mit Sitz im baden-württembergischen Walldorf längst zum wertvollsten börsennotierten Unternehmen in Deutschland werden lassen. Auf knapp 150 Milliarden Euro beläuft sich die Marktkapitalisierung inzwischen. Und geht es nach Vorstandschef Bill McDermott sollen es bis 2023 bis zu 300 Milliarden Euro werden, doppelt so viel also. Dazu hat er seinem Konzern unter anderem ein Effizienzprogramm auferlegt, das ab Herbst dieses Jahres anlaufen soll. Während dieses auf der einen Seite die Kosten minimieren soll, plant SAP auf der anderen Seite bis 2023 eine Umsatzsteigerung um 40 Prozent auf 35 Milliarden Euro. Insgesamt soll das die Marge jährlich um einen Prozentpunkt auf schlussendlich 34 Prozent klettern lassen. Für das laufende Jahr rechnen die Walldorfer mit einem Anstieg des bereinigten Betriebsgewinns um die Spanne von 9,5 bis 12,5 Prozent auf 7,85 bis 8,05 Milliarden Euro. Die Zahlen zum ersten Quartal untermauerten die Ansprüche. Der Umsatz kletterte um 16,3 Prozent auf 6,1 Milliarden Euro, das operative Ergebnis stieg um 18,8 Prozent auf 1,47 Milliarden Euro. Vor allem da sich SAP bereits auf hohen Umsatz- und Gewinnniveau bewegt sind die Zuwächse beeindruckend. Im zweiten Quartal verlangsamte sich das Wachstum, allerdings auf hohem Niveau. Operatives Ergebnis und Umsatz stiegen um jeweils elf Prozent auf 1,82 Milliarden und 6,6 Milliarden Euro. Das Betriebsergebnis sank im Zuge des Konzernumbaus jedoch um zirka 20 Prozent auf 827 Millionen Euro, was etwas stärker war, als erwartet und dem Kurs zusetzte.

Mit einem KGV von 25 scheint die Aktie inzwischen auch auf hohem Niveau bewertet, da es sich bei dem SAP-Papier jedoch um einen nach wie vor wachstumsstarken Tech-Wert handelt, dürfte es sich noch um ein gesundes Verhältnis handeln. Die Dividende ist mit 1,50 Euro je Aktie für einen Tech-Wert ebenfalls eine ordentliche. Gut möglich, dass sie weiter steigt. Höhere Ausschüttungen und ein neues Aktienrückkaufprogramm würden geprüft, sagte McDermott bei der jüngsten Zahlenvorlage. Unter Analysten ist man mehrheitlich Fan der SAP-Aktie. Bei Goldman Sachs steht das Papier mit einem Kursziel von 135 auf der „Convicition Buy Lust“, Ross MacMillan von RBC Capital sieht den Kurs Ende des Jahres sogar bei 167 Euro. Die Einführung von Cloud-Lösungen dürfte zunehmen und für nachhaltiges Wachstums sorgen, schrieb er in einer Studie. Das vielleicht größte Risiko: Die Erwartungen an SAP sind damit inzwischen hoch, Europas Softwaregigant muss also auch entsprechend liefern.

Adidas

Dax-Champion mit Blick auf das erste Halbjahr 2019 ist die Adidas-Aktie. Die vielleicht größte Dax-Überraschung der vergangenen Jahre, überrascht damit weiter. Der Aktienkurs der Herzogenauracher, er will einfach nicht aufhören, zu klettern. So hat er in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres schon wieder um 50 Prozent von 182 auf 274 Euro zulegen können, steht inzwischen sogar bei knapp fast 280 Euro. Auf Zehnjahressicht kann das Drei-Streifen-Papier inzwischen einen Kurszuwachs von fast 1.000 Prozent verzeichnen. Und für Europas Sportartikelkrösus läuft es realwirtschaftlich weiter blendend. Im ersten Quartal 2019 stieg der Nettogewinn um 16 Prozent auf 631 Millionen Euro, der Umsatz zwar „nur“ um vier Prozent auf 5,8 Milliarden Euro, doch die wichtige Umsatzrendite legte auf 14,9 Prozent zu. Und dabei bremsten Produktionsengpässe und damit einhergehende Lieferschwierigkeiten auf dem US-Markt ein noch besseres Ergebnis. Im laufenden Geschäftsjahr soll der Nettogewinn um zehn bis 14 Prozent auf 1,88 bis 1,95 Milliarden Euro steigen, der Umsatz um fünf bis acht Prozent zulegen. Die Umsatzrendite soll irgendwo im Zielkorridor von 11,3 bis 11,5 liegen, was eine eher konservative Schätzung ist, glaubt man Christian Salis von der Privatbank Hauck & Aufhäuser. Das nächste Rekordjahr dürfte Adidas wohl sicher sein.

Ob das den Aktienkurs noch weiter in die Höhe treibt, ist indes fraglich. CEO Kasper Rorsted warnte bereits selbst: „Es wird schwieriger, solche Wachstumsraten aufrecht zu erhalten.“  Auch unter Analysten gehen die Meinungen inzwischen weit auseinander. Im Vergleich zu Nike und der globalen Sportartikelbranche betrage der Abschlag noch immer 20 und zehn Prozent, schrieb so beispielsweise Berenberg-Experte Graham Renwick und hob sein Kursziel auf 315 Euro an. HSBC-Analyst Erwan Rambourg dagegen sieht das Potenzial langsam ausgereizt. Trotz einer voraussichtlichen Anhebung der Ziele zur Halbjahresbilanz sehe er kaum noch positives Überraschungspotenzial für die „euphorischen Anleger“.  Tatsächlich steht das KGV mit einem Wert von 21 hoch, mit Blick auf das Gesamtjahr 2019 liegt der erwartete Wert sogar bei 29. Allerdings verspricht der Online-Handel noch einiges an Potenzial. Allein in den vergangenen zwei Jahren haben sich dessen Umsätze verdoppelt. Vielleicht überrascht Adidas also auch noch ein bisschen länger.

Oliver Götz

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18.07.2019 | 18:48

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