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Thyssenkrupp verkauft Stahlsparte nach Indien

Stahlkonzern ohne Stahlsparte: Thyssen-Krupp (Bild: Thyssen-Krupp)

Einer der neuen Schwerpunkte: Anlagenbau (Bild: Thyssen-Krupp)


Der Aufsichtsrat von Thyssenkrupp hat der Fusion der Stahlsparte des deutschen Traditionskonzerns mit der europäischen Stahltochter des indischen Konzerns Tata zugestimmt. Europas zweitgrößter Stahlkonzern soll entstehen. Damit wird zwar weiter hierzulande Stahl gekocht, gesteuert wird das Geschäft in Zukunft aber aus Indien: bei Tata Steel.

Mehr als zwei Jahre wurde verhandelt – nun hat der Aufsichtsrat des Essener Thyssenkrupp-Konzerns grünes Licht für die geplante Stahlfusion mit der niederländisch-britischen Tata-Tochter gegeben. Damit verabschiedet sich der größte deutsche Stahlkonzern weitgehend von dem überaus traditionsreichen, aber zunehmend schwankungsanfälligen Geschäft mit dem Stahl. Stattdessen ist man nun Teilhaber an Europas zweitgrößtem Stahlkonzern Thyssen-Krupp-Tata-Steel, kurz TSE.

Für Anleger ergeben sich nun gute Perspektiven. Der Thyssen-Krupp-Konzern litt über Jahre hinweg – spätestens seit 2011 – an schwankenden Erträgen aus dem Stahlgeschäft, zudem belastete eine misslungene Investition in Brasilien die Konzernbilanz massiv. Dies Milliardenrisiko konnte Konzernchef Heinrich Hiesinger dank jahrelanger Bemühungen aus dem Weg räumen, stattdessen wird sich der Traditionskonzern nun auf den Bau von Hightech-Aufzügen, Kompenten und Anlagen, ja, von ganzen Fabriken sowie auf das weitere Industriegeschäft konzentrieren. Die vollendete Stahlfusion ist damit ein wichtiger Meilenstein für Thyssen-Krupp auf dem Weg zu einem Industrie- und Dienstleistungskonzern.

Europas zweitgrößter Stahlkocher

An dem neuen Stahl-Gemeinschaftsunternehmen mit Sitz in den Niederlanden wird Thyssenkrupp zunächst nur noch eine Beteiligung von 50 Prozent halten. Dies war kritisiert worden, und es gab lange Nachverhandlungen, die unstrittig war Thyssen-Krupp mehr wert als TSE, Bestehende Wertunterschiede sollten zunächst dadurch ausgeglichen werden, dass Thyssen-Krupp mit vier Milliarden Euro mehr Schulden in das Unternehmen einbringen darf als Tata mit 2,5 Milliarden Euro. Das entlastet Thyssen-Krupp zusätzlich, denn die Schulden waren ein weiteres großes Problem, das Konzernchef Hiesinger nachts den Schlaf hätte rauben können.

Zuldem entwickelte sich das Stahlgeschäft bei den englich-niederländischen Indern deutlich schlechter als bei den Essenern. Im Fall eines Börsengangs soll Thyssenkrupp nun einen höheren Anteil von 55 Prozent an dem Erlös erhalten, Tata 45 Prozent. Erwartet werden jährlich wiederkehrende Synergien in Höhe von 400 bis 500 Millionen Euro. Das Gemeinschaftsunternehmen soll mit rund 48.000 Angestellten rund 22 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr produzieren. Nach derzeitigem Stand käme das Unternehmen Thyssen-Krupp Tata Steel Europe auf einen Umsatz von etwa 17 Milliarden Euro.

Tata übernahm den britisch-niederländischen Stahlkonzern Corus im Jahr 2007, hatte seither aber wenig Freude an seiner Neuerwerbung. Vor allem die britischen Werke der zu Tata Steel Europe (TSE) umfirmierten Gesellschaft litten lange unter hohen Verlusten. Technologisch blieb TSE hinter der Konkurrenz. Die deutschen Ingenieure bei Thyssen-Krupp sollen helfen. De facto könnte der Zusammenschluss auch als eine deutsch-niederländisch-britische Fusion mit indischem Geld genannt werden. Die gegenwärtige ökonomische Ordnung, in der das selbstverständlich ist, hat sich im Vergleich zur Kolonial- und Weltkriegszeit sehr gewandelt.

Beschäftigungsgarantien in deutschen Stahlwerken

Nach zunächst heftigen Protesten hatten schließlich auch die Arbeitnehmervertreter Zustimmung zu dem Vorhaben signalisiert. Die deutschen Stahlkocher hatten zuvor Beschäftigungsgarantie bis zum 30. September 2026 sowie eine langfristige Standortsicherung erhalten. Geplant ist aber auch der Abbau von bis zu 4.000 Stellen, davon etwa die Hälfte in Deutschland.

Sowohl der Betriebsrat von TSE als auch von Thyssen-Krupp Steel Europe (TKSE) haben dem Vorhaben bereits zugestimmt. Dafür waren weitreichende Zugeständnisse seitens des Managements notwendig. So erhielten die Arbeitnehmer beider Parteien nach anfänglichen Protesten Jobgarantien bis 2026 und weitreichende Investitionszusagen für die kommenden Jahre. „Das hat es vorher so nie gegeben. Die Kollegen aus anderen Sparten beneiden uns darum“, erklärte TKSE-Gesamtbetriebsratschef Tekin Nasikkol bei einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche. Langfristig könnten durch das Joint Venture aber insgesamt 4.000 Jobs wegfallen. 2.000 dieser Arbeitsplätze fallen bei Thyssen-Krupp weg. Das ist der Preis, den Konzernchef Hiesinger für die Entlastung von Schulden und schwankenden Stahlerlösen zu zahlen hatte.

Sebastian Sigler

30.06.2018 | 16:05

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