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Deutsche Börse: attraktive Bewertung, doch Risiko Brüssel

| Thomas Behnke

Skulpturen von Bulle und Bär vor dem Gebäude der Frankfurter Wertpapierbörse in Frankfurt am Main.
Bulle und Bär vor der Frankfurter Börse: Die Symbole für Aufschwung und Abschwung stehen sinnbildlich für die aktuelle Lage der Deutschen-Börse-Aktie. Noch dominiert die Vorsicht. (Foto: shutterstock)

Deutsche-Börse-Aktie unter Druck: Nach dem Allzeithoch im Mai sorgt ein EU-Kartellverfahren für Unsicherheit. Der Kurs fällt, die Bewertung wird wieder attraktiver. Lohnt jetzt der Einstieg oder überwiegt noch das Risiko?

Die Deutsche Börse steht unter Druck. Nachdem die Aktie im Mai 2025 bei 294,30 Euro ein Allzeithoch markierte, ging es seither spürbar bergab. Nun kommt mit dem von der EU-Kommission eingeleiteten Kartellverfahren zusätzlicher Gegenwind hinzu. Der Kursrückgang hat die Bewertung jedoch wieder auf ein attraktiveres Niveau gebracht. Bietet die Aktie beim aktuellen Kurs wieder Chancen, oder überwiegt derzeit noch das Risiko?

EU-Kartellverfahren sorgt für Unsicherheit

Die EU-Kommission hat ein förmliches Kartellverfahren gegen die Deutsche Börse (ISIN: DE0005810055) und die US-Technologiebörse Nasdaq (ISIN: US6311031081) eingeleitet. Der Verdacht lautet, dass sich beide Unternehmen bei Geschäften mit Finanzinstrumenten in Europa wettbewerbswidrig abgestimmt haben. Konkret geht es um eine frühere Zusammenarbeit zwischen der Eurex und der finnischen Börse Helsinki Stock Exchange (HEX), die heute zur Nasdaq gehört. Laut EU-Kommission werden die Ermittlungen „mit Priorität“ geführt. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, drohen empfindliche Strafen von bis zu zehn Prozent des weltweiten Jahresumsatzes. Bei der Deutschen Börse wären das potenziell fast 900 Millionen Euro, gemessen am Umsatz von 8,94 Milliarden Euro im Jahr 2024. Das Unternehmen zeigt sich dennoch zuversichtlich: „Gemeinsam mit unserem externen Rechtsberater sind wir der Ansicht, dass wir diesen Fall erfolgreich verteidigen können“, hieß es in einer ersten Stellungnahme.

Chartbild bleibt schwach: intakter Abwärtstrend seit Allzeithoch im Mai 2025

Trotz dieser Zuversicht bleibt das Thema ein Unsicherheitsfaktor. Seit dem Allzeithoch im Mai befindet sich die Aktie im Korrekturmodus. Der jüngste Kursrutsch nach Bekanntwerden des Kartellverfahrens hat den bestehenden Abwärtstrend bestätigt. Aus charttechnischer Sicht fehlen derzeit Impulse für eine nachhaltige Gegenbewegung. Solange keine Stabilisierung oder Bodenbildung erkennbar ist, erscheint Zurückhaltung angebracht. Allerdings ist bemerkenswert, dass die Bewertung nach der Kurskorrektur nun wieder deutlich näher an langfristig attraktiven Niveaus liegt.

Deutsche Börse

Bewertung rückt in attraktiven Bereich

Nach einer Phase mit einer deutlichen Überbewertung haben sich die Bewertungskennziffern normalisiert. KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) und KCV (Kurs-Cashflow-Verhältnis) zeigen Werte, die aktuell mit 19,1 beim KGV und 15,7 beim KCV im Bereich ihrer historischen Durchschnittswerte von 19 bzw. 15,4 liegen. Das sind zwar noch keine ausgesprochenen Schnäppchenniveaus, aber attraktive Werte. Beim KCV lässt sich daraus ein solides Renditepotenzial von 6,4 Prozent ableiten, wenn man den operativen Cashflow ins Verhältnis zum aktuellen Börsenwert setzt. Zusammen mit der aktuellen Dividendenrendite von 1,9 Prozent ergibt das in etwa ein Potenzial von über 8 Prozent, was somit über dem Sweet-Spot von 7 Prozent liegt, ab dem langfristige Investments interessant erscheinen können. Die Voraussetzung ist natürlich, dass das Geschäftsmodell Perspektiven bietet und auch künftig tragen sollte.

Starkes Geschäftsmodell mit stabilen Erträgen

Und in dieser Hinsicht kann die Deutsche Börse überzeugen. Der Betrieb von Handelsplätzen ist grundsätzlich ein sehr lukratives Geschäft. Der deutsche Branchenprimus gehört in Europa zu den führenden Anbietern auf diesem Gebiet. Mit seinem diversifizierten Angebotsspektrum aus Produkten, Services und Technologien deckt er alle Bereiche der Wertschöpfungskette eines Marktinfrastrukturanbieters ab.

Das beginnt mit der Bereitstellung von Index- und ESG-Daten sowie Analyse- und Research-Lösungen (Pre-Trading). Daneben bietet der Konzern Börsenplattformen wie Xetra, Eurex, EEX und 360T für den Handel (Trading) sowie Clearing-Services (Verrechnungsgeschäft). Das sind die Kernelemente eines Börsenbetreibers. Über diese Infrastruktur können private und institutionelle Investoren Anlageinstrumente wie Derivate, Rohstoffe, Emissionsrechte, Devisen, Aktien, Anleihen und weitere Wertpapiere handeln. Abgerundet wird das Angebot durch Post-Trading-Aktivitäten, zu denen die Abwicklung und Verwahrung von Wertpapieren und anderen Finanzinstrumenten (Clearstream), das Sicherheiten- und Liquiditätsmanagement sowie Investmentfonds-Services zählen.

In den vergangenen Jahren hat die Deutsche Börse ihr Profil zudem um daten- und softwaregetriebene Geschäftsfelder erweitert. Mit der Übernahme des dänischen Investment-Softwareanbieters SimCorp wurde das Segment „Investment Management Solutions“ deutlich gestärkt. Der Konzern positioniert sich damit zunehmend als Technologie- und Serviceanbieter für institutionelle Anleger. Auch IT-Lösungen und -Services bleiben ein wachsender Bestandteil des Geschäftsmodells. Über DB1 Ventures investiert die Deutsche Börse weiterhin in Unternehmen, die zur strategischen Ausrichtung passen, etwa in den Bereichen Fintech oder Marktinfrastruktur.

Wirtschaftlich zeichnet sich das Geschäftsmodell durch hohe Profitabilität und starke Cashflows aus. Ein hoher Anteil an wiederkehrenden Umsätzen, die gute Skalierbarkeit der Handelsplattformen und der Ausbau datenbasierter Dienstleistungen stützen die Ertragskraft. Insgesamt ist das Geschäftsmodell robust und langfristig aussichtsreich.

Risiken bleiben im Blick

Ein potenzieller Belastungsfaktor ist der geplante sogenannte „Consolidated Tape“ der Europäischen Union. Dieses Vorhaben soll künftig sämtliche Handelsdaten der europäischen Börsen in einem zentralen Datenfeed bündeln, um Markttransparenz und Wettbewerb zu erhöhen. Dadurch könnten Börsenbetreiber wie die Deutsche Börse einen Teil ihrer bisherigen Preissetzungsmacht bei Marktdaten verlieren, da die Preisgestaltung stärker reguliert und vereinheitlicht werden soll. Der Effekt dürfte aber begrenzt bleiben, weil Derivate- und Indexdaten kaum betroffen sind und die Deutsche Börse selbst als Anbieter dieses Feeds auftreten könnte.

Darüber hinaus sieht sich der Konzern auch mit weiteren Einflussfaktoren konfrontiert. Das laufende Kartellverfahren sorgt ebenso für Unsicherheit wie strukturelle und konjunkturelle Rahmenbedingungen. Eine geringere Marktvolatilität in den letzten Monaten reduzierte Handels- und Clearingumsätze, sinkende Zinsen drückten auf Erträge aus hinterlegten Sicherheiten. Der schwächere US-Dollar wirkte zuletzt ebenfalls bremsend.

Deutsche-Börsen-Aktie: Noch kein Kaufsignal, aber auf dem Radar

Nach einem starken Lauf im Frühjahr hat die Aktie der Deutschen Börse in den vergangenen Monaten deutlich an Boden verloren. Sinkende Zinsen und geringere Marktvolatilität haben den Kurs gedrückt. Das nun eingeleitete Kartellverfahren gegen die Deutsche Börse könnte ein weiterer Unsicherheitsfaktor sein, der den Kurs vorerst belastet. Der Abwärtstrend ist weiterhin intakt und aus charttechnischer Sicht ist noch nicht die Zeit gekommen, um als Investor Positionen aufzubauen.

Allerdings hat die Aktie nach der Korrektur wieder ein attraktives Bewertungsniveau erreicht, das sie für langfristig orientierte Anleger interessant macht. Daher sollte sie weiterhin aufmerksam beobachtet werden. Anzeichen für eine mögliche Bodenbildung könnten ein Signal für langfristige Investments sein. 

FAQ: Deutsche-Börsen-Aktie im Überblick

Wie wirkt sich das EU-Kartellverfahren auf die Aktie aus?
Das Verfahren sorgt kurzfristig für Unsicherheit und belastet den Kurs. Langfristig dürfte der Effekt begrenzt bleiben, da die Deutsche Börse von einem stabilen Geschäftsmodell getragen wird.

Was bedeutet der geplante „Consolidated Tape“ für die Deutsche Börse?
Die EU will Handelsdaten aller europäischen Börsen in einem zentralen Feed bündeln. Dadurch könnten Margen im Marktdaten-Geschäft sinken, allerdings voraussichtlich nur moderat.

Ist die Aktie aktuell günstig bewertet?
Durch die Korrektur seit dem Allzeithoch im Mai 2025 liegt die Bewertung wieder auf einem Niveau, das in etwa dem langfristigen Durchschnitt entspricht – kein Schnäppchen, aber attraktiv für Langfristanleger.

Wie steht es um die charttechnische Situation?
Der Abwärtstrend ist intakt, eine Bodenbildung noch nicht erkennbar. Neueinstiege wären daher aktuell mit erhöhtem Risiko verbunden.

Wann könnte sich ein Einstieg lohnen?
Sobald sich die Kurse stabilisieren und sich eine Bodenbildung abzeichnet, könnte sich die Aktie wieder zu einem Kandidaten für langfristige Investments entwickeln.

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