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Wincor Nixdorf: Zweckoptimismus?

Die Aktie des Geldautomaten- und Kassensystemherstellers legte jüngst zunächst zu. Handfeste Gründe dafür gab es aber nicht. Im Gegenteil: Der Vorstand rechnet mit höheren Restrukturierungskosten. Und auch die kurzfristigen Geschäftsaussichten sind angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen wenig berauschend. Offenbar muss es dennoch Argumente für Käufe gegeben haben.

BÖRSE am Sonntag

Ein Punkt für die jüngst feste Tendenz könnte die Charttechnik sowie die schlechte Kursentwicklung in der jüngsten Vergangenheit sein. Mit rund –17% seit Jahresbeginn ist das Papier von Wincor Nixdorf das drittschlechteste innerhalb des MDAX, der im gleichen Zeitraum um rund 19% zulegte. Noch mieser sieht die Bilanz seit dem Zwischenhoch von Februar 2011 aus. Die seinerzeit gestartete Abwärtsbewegung ließ den Kurs in der Spitze um mehr als 58% einbrechen, während der Index in Summe eine nahezu unveränderte Entwicklung aufweist.

Kräftige Zwischenerholung?

Mit der Abwärtsbewegung erreichte Wincor Nixdorf zuletzt ein Niveau wie seit dem Zwischentief von Ende 2008 nicht mehr, aus dem die Unterstützung 26,90 Euro resultiert. Sie wurde in der Vorwoche getestet und nach einem kurzen Rutsch darunter schnell wieder zurückerobert. Jüngst folgten nun bei zunächst steigendem Handelsvolumen Anschlusskäufe. Aus charttechnischer Sicht könnte das Halten der Unterstützung als kurzfristiges Long-Signal interpretiert werden, zumal seit Ende April kaum noch Abwärtsdruck auszumachen war und sich die Aktie nach dem heftigen Einbruch zuvor bereits stabilisierte. Vielleicht setzen die Investoren nun auf eine zumindest größere Gegenbewegung, gab es innerhalb des Abwärtstrends doch immer wieder solche kräftigen Zwischenerholungen. Im aktuellen Fall könnte dabei durchaus Spielraum bis anfänglich etwa 40 Euro bestehen. Sollte sich somit die jüngst steigende Tendenz fortsetzen, bieten sich eventuell spekulative Käufe an. Signalgeber könnte dabei ein nachhaltiger Sprung über die Hürde bei 31,55 Euro sein.

Negative Fakten eingepreist?

In dem jüngsten Kursanstieg spiegelt sich womöglich auch der Umstand wider, dass mit der vorherigen signifikanten Talfahrt seit Februar 2011 bereits etliches an schlechten Fakten und Aussichten eingepreist wurde. Die jüngst vom Vorstand gemachten teils negativen Aussagen belasteten daher nicht. Firmenlenker Eckard Heidloff erläuterte in einem Interview mit der „Börsen-Zeitung“, dass er nicht mit einer kurzfristigen Belebung im Heimatmarkt Europa rechnet. Wincor Nixdorf leidet wegen der Staatsschuldenkrise unter der schwachen Nachfrage der Banken in Westeuropa, die sich aktuell mit Investitionen zurückhalten, und hatte daher im April ein Sparprogramm auf den Weg gebracht. Im Zuge dessen sollen auch 500 Arbeitsplätze wegfallen. Der Vorstand betonte nun noch einmal die Notwendigkeit der eingeleiteten umfassenden Restrukturierungen, mit denen sich der Konzern dem widrigen Marktumfeld entgegenstellen will. Die dafür im laufenden Geschäftsjahr 2011/12 (bis Ende September) angekündigten Kosten von 40 Mio. Euro dürften aber nicht ausreichen. Er rechnet nun für das nächste Geschäftsjahr mit einem zusätzlichen Aufwand von etwa 20 Mio. Euro. Erklärtes Ziel der Restrukturierungen ist es, die Kostenführerschaft zurückzuerobern, nachdem man in den vergangenen Jahren angesichts des sehr starken Fokus auf Innovationen die Ausgaben ein wenig aus den Augen verloren hatte, erläuterte der Vorstand weiter. Er bekräftigte zudem, dass Wincor Nixdorf mittelfristig wieder an alte Ergebnis- und Margengrößen anknüpfen will. Maßstab dafür sei das Geschäftsjahr 2007/08. Damals hatte der Konzern bei einem Umsatz von 2,32 Mrd. Euro ein Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Firmenwertabschreibungen (EBITA) von 206 Mio. Euro sowie einen Überschuss von 127 Mio. Euro erwirtschaftet.

Mut geschöpft?

Vielleicht schöpfen die Investoren daher nun wieder Mut, nachdem die Gewinnwarnung von April und die mäßigen Ergebnisse für das erste Halbjahr 2011/12 verdaut sind. Seinerzeit stellte die Gesellschaft für das Gesamtjahr stagnierende Umsätze von etwa 2,3 Mrd. Euro sowie einem kräftigen Gewinnrückgang in Aussicht. Das EBITA wird bei etwa 100 Mio. Euro erwartet, nach 162 Mio. Euro im Vorjahr. Berücksichtigt sind dabei die veranschlagten 40 Mio. Euro für die Restrukturierung. Grund für die Reduzierung waren vor allem die negativen Auswirkungen der Staatsschuldenkrise auf die Geschäfte mit den Banken, was sich auch negativ in den Ergebnissen des ersten Halbjahres niederschlug. Im Bereich Einzelhandel lief es indes besser. Insgesamt sank der Umsatz in den ersten sechs Monaten dennoch um 4% auf 1,16 Mrd. Euro. Das EBITA schrumpfte sogar um 49% auf 45 Mio. Euro. Beim Nachsteuergewinn ging es um 53% auf 27 Mio. Euro abwärts. Die Frage ist nun, ob damit der Tiefpunkt erreicht ist.

Tragfähiges Geschäftsmodell

Ungeachtet dessen scheint das Geschäftsmodell von Wincor Nixdorf tragfähig genug, um auch künftig profitables Wachstum zu ermöglichen. Der Konzern setzt darauf, dass bei den Verbrauchern in vielen Regionen Cash nach wie vor King ist. Weil der Umgang mit den Zahlungsmitteln viel Geld kostet und zudem Sicherheitsrisiken und vermehrt rechtliche Vorgaben zu berücksichtigen sind, wird erwartet, dass sich innovative Technologien zur Automatisierung der Bargeldprozesse durchsetzen. Wincor Nixdorf optimiert mit seinen IT-Produkten und Dienstleistungen derartige Abläufe. Spezialisiert hat man sich auf Banken und Handelsunternehmen, die aufgrund eines weltweit intensiven Wettbewerbsdrucks bestrebt sind, ihre Geschäftsprozesse kontinuierlich zu verbessern, um somit einerseits Kosten und Komplexität zu reduzieren und andererseits den Service für den Endkunden zu verbessern. Wincor Nixdorf zählt sich auf dem Gebiet solcher Lösungen für diese beiden Branchen weltweit zu den führenden Anbietern. Das Know-how aus dem Kerngeschäft nutzt der Konzern zur Expansion in verwandte Sektoren. Dazu gehören Postgesellschaften sowie Gastronomie- und Tankstellenfilialisten.

Fazit

Die Geschäfte von Wincor Nixdorf werden aktuell zwar von der Staatsschuldenkrise beeinträchtigt, dennoch sollte die Tätigkeit des Konzerns auch künftig profitables Wachstum ermöglichen. Vielleicht drückt sich diese Annahme auch in dem jüngsten Kursanstieg aus. Zuversicht, dass die eingeleiteten Restrukturierungen helfen, die aktuelle Durststrecke zu überwinden, sowie die Ansicht, dass durch den Kurseinbruch seit Februar 2011 die negativen Faktoren ausreichend eingepreist sind, könnten ebenfalls stützend wirken. Das alles klingt zwar nach Zweckoptimismus, dennoch ist zumindest eine kräftigere Zwischenerholung möglich, weshalb spekulative Long-Positionen im Falle eines wie oben skizziert charttechnischen Signals erwägenswert scheinen.