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Die großartige Nation

Um die 10% Arbeitslosigkeit, und an die 25% bei den Jugendlichen, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen: große Zahlen, aber keine großartigen natürlich. Frankreich ist auf dem Weg nach Süden und damit ist nicht der alljährliche Treck der Urlauber in den Midi gemeint. Auch wenn man über die Ferien einer ganzen Nation, stets gleichzeitig und umfassend, lang und quer durch die Wirtschaftsbereiche, auch einmal nachdenken könnte, aber es ist ja Winter.

BÖRSE am Sonntag

Seit dem Bericht des Industriellen Louis Gallois zur Lage der Grande Nation herrscht eine Art Schockzustand in Paris. Die aufgelisteten Schwachstellen sind unangenehm, die zur Behebung der Probleme erwogenen Maßnahmen noch unangenehmer. Frankreich scheint auf dem Weg, von einer der beiden tragenden Säulen der Eurozone und der EU zu einer Belastung zu werden. Man leistet sich ein paar luxuriöse Dinge, die von der wenig exportstarken und auch sonst eher nicht mehr so innovativen Wirtschaft nicht materiell unterfüttert werden können. Ein Spitzensteuersatz von 75%, ein nach dem Wahlsieg des Sozialisten François Hollande teilweise heraufgesetztes Rentenalter und eine starre Bürokratie zeichnen das Bild eines Landes, das sich zwar immer wieder seiner Größe versichert, aber zu deren Erhalt nicht viel unternimmt. Jedenfalls nichts mit Hand und Fuß. Noch immer intrigieren die politischen Parteien vorzugsweise innerhalb ihrer selbst, noch immer werden die wichtigsten Entscheidungen zentral getroffen und von einer stark aufgeblähten Beamtenschaft in die Winkel des Reiches vermittelt. Das hat seinen Preis: 57% des Bruttoinlandsprodukts werden vom Staat verwaltet und verteilt. In der Honecker-DDR waren es, nur mal zur Einordnung, 85%. So wird natürlich verständlich, dass Frankreich, wenn es um die großen einheimischen Industrien geht, keinen Spaß versteht: Da wird auch ein Hersteller von Molkereiprodukten schnell zum nationalen Heiligtum, sobald eine Übernahme etwa aus den USA droht. Die Pepsi-Kultur trifft in Frankreich vielleicht auf die vehementeste Ablehnung in ganz Europa. Gemeinschaftsunternehmen mit anderen Europäern gelten naturgemäß als französisch, wie etwa EADS, weshalb dessen ehemaliger Chef Gallois auch so ernst genommen werden sollte: Der weiß beim Reformbedarf, wovon er spricht. Das alles kann in unseren Tagen von diesseits des Rheins nicht mit amüsiertem Gleichmut betrachtet werden. Frankreich, wie gesagt, ist die Stütze der europäischen Rettungsschirme und eines der Standbeine. Das wurde unlängst schmerzlich deutlich, als die erste leichte Zurückstufung des Rettungs-Ratings erfolgte, und zwar aufgrund der französischen Zahlen und Daten. Eine „Zeitbombe“ nennt der britische „Economist“ die große Republik, brutal, aber leider wohl treffend. Nur dass man sich in Paris schnell indigniert gibt bei Kritik von außen, zumal wenn sie von jenseits des Kanals kommt. Monsieur Hollande allerdings hat die Chance,  die Misere zu ersticken, trotz seiner teuren Vorleistungen an die gutgläubigen Wähler. Dass ein flexibler Arbeitsmarkt bessere Ergebnisse liefert, ein weniger stranguliertes Unternehmen eher atmen kann und eine gerupfte Gans keine goldenen Eier legt, hat er im Prinzip schon zugegeben. Jetzt fehlen die kühnen Taten. Der erste Sozialist seit Mitterrand, der eine solche Machtfülle hat, könnte es schaffen. Vielleicht allerdings, das lassen die Erfahrungen in Italien, Spanien und, ja, auch Deutschland vermuten, um den Preis seiner Wiederwahl. Da steht er am Scheideweg – ein Blick auf Gerhard Schröder, der schon wenige Jahre nach seinen Reformen dafür historisch genannt wird und gleichwohl nicht schlecht lebt, könnte den französischen Präsidenten aber vielleicht doch ermutigen.