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Schweißperlen auf Anlegerstirnen

Wahlkampf in der Sommerhitze. Nun ja, die Kanzlerin wird’s wohl machen, und ihr Gegenkandidat ist ja auch einer, der rechnen kann. Also Algarve statt Abgeltungssteuer, Fuerteventura statt Finanztransaktionssteuer? Ganz so einfach ist es nicht.

BÖRSE am Sonntag

Wahlkampf in der Sommerhitze. Nun ja, die Kanzlerin wird’s wohl machen, und ihr Gegenkandidat ist ja auch einer, der rechnen kann. Also Algarve statt Abgeltungssteuer, Fuerteventura statt Finanztransaktionssteuer? Ganz so einfach ist es nicht.

Gewiss, Begeisterung ist es nicht, die die Mehrheit der Anleger für Frau Merkel empfindet. Ein „weiter so“ im September weckt kaum positive Phantasie. Wer aber zusammenrechnet, was die Gegenseite vorhat, der legt besser schnell den Taschenrechner zur Seite und trinkt einen Espresso auf den Schreck. Auf 32 Prozent soll die Abgeltungssteuer sofort steigen, wenn die SPD die Bundestagswahl gewinnt. Doch das ist nicht alles. Anleger könnten danach bald vor die Wahl gestellt werden, entweder diese 32 Prozent oder wahlweise ihren Einkommenssteuersatz zugrundelegen zu lassen, wenn Kapitalerträge zu versteuern sind. Das will man sich, so ist es geplant, drei Jahre lang anschauen. Fallen dann die Gesamterträge aus der Kapitalertragssteuer geringer aus, als dies bei synthetischer Besteuerung zu erwarten wäre, wird diese angewandt. Spätestens jetzt ist der nächste Espresso fällig. Doch es kommt noch besser. Macht nämlich im September eine rot-grüne Koalition das Rennen, wird Steinbrück eine Schamfrist von drei Jahren möglicherweise gar nicht einhalten müssen, denn ein möglicher grüner Koalitionspartner möchte die Abgeltungssteuer sofort komplett kippen.

Eigentlich reicht das schon. Erwähnt sei aber, um den Schweißausbruch zu beschleunigen, was diejenigen, zu deren Ahnen die Väter von Mauerbau und Stasi-Knast gehören – die Linke also – gerne umsetzen würden, wenn denn so viele Wähler für ihre eigene Enteignung stimmen, dass eine Koalition ohne gewendete Kommunisten unmöglich ist. Dann soll jede einzelne Finanztransaktion mit einer Steuer von 0,1 Prozent belastet werden. Klingt wenig, ist enorm viel. Und ist im übrigen in ähnlicher Form bei den Grünen zu lesen. Jetzt spätestens hilft auch kein Espresso mehr.

Und die Schweißperlen wollen einfach nicht weg von der Stirn, wenn der magische 22. September ins Spiel kommt. Die Kurstafeln aller Börsen hierzulande, ja, in ganz Europa spiegeln bereits jetzt die positiven, moderaten oder negativen Erwartungen für ganze Märkte und einzelne Titel wider. Nur eine Partei, die kontinuierlich von Interessierten unter die Fünf-Prozent-Hürde geredet wird, möchte Anlegern das lassen, was sie bisher haben: die FDP.

Und was macht die Bundeskanzlerin? Sie ist nicht weit weg von der FDP, was ihre Pläne für die Finanzmärkte angeht. Es ist aber auch ein wenig Steinbrück in der Merkel – für Anleger besteht also keinesfalls die Möglichkeit, das Taschentuch, mit dem Schweißperlen getupft werden können, ganz wegzulegen. Anleger, die rechnen können, wissen, was im September zur Wahl steht. Begeisterung ist definitiv nicht das, worauf sich Anleger einstellen dürfen, aber zumindest auf einen ruhigen Nachtschlaf darf gehofft werden – falls die Träume eher in gelb und schwarz gehalten sind.