boerse am sonntag - headline

Aktienrückkäufe: in den USA beliebt, in Europa kaum verbreitet

Ulrich Stephan (Bild: Deutsche Bank)


Aktienrückkäufe vor allem in den USA eine gängige Praxis: In den Jahren 2014 und 2015 haben US-Unternehmen eigene Papiere im Wert von rund 1 Billion US-Dollar zurückgekauft.

Von Ulrich Stephan

Unternehmen erwerben ihre eigenen Anteile – das klingt zunächst ungewöhnlich. Dabei sind Aktienrückkäufe vor allem in den USA eine gängige Praxis: In den Jahren 2014 und 2015 haben US-Unternehmen eigene Papiere im Wert von rund einer Billion US-Dollar zurückgekauft.

Doch warum kaufen Unternehmen überhaupt ihre eigenen Aktien zurück? Der Rückkauf von Aktien ist eine Möglichkeit, überschüssige Liquidität an die Anteilseigner „weiterzugeben“: Wenn ein Unternehmen seine eigenen Aktien kauft, erhöht es damit die Nachfrage nach dem Wertpapier. Die gekauften Aktien werden zudem nicht selten vom Markt genommen, was im Normalfall den Preis steigen lässt – das heißt, der Unternehmenswert verteilt sich in der Folge auf weniger Papiere. Damit steigen in der Regel der Gewinn und die Dividende pro Aktie, was wiederum die Nachfrage und den Kurs antreiben kann. Aktionäre können also von Aktienrückkäufen der Unternehmen profitieren. Seit 2012 trugen sie jährlich mit rund 1,6 Prozentpunkten zum Gewinnwachstum pro Aktie bei.

In Europa ist diese Art der „Kurspflege“ weniger populär als in den USA: Während US-Unternehmen von 2010 bis 2015 je Quartal durchschnittlich Aktien im Wert von 3,3 Prozent ihrer Marktkapitalisierung zurückgekauft haben, liegt dieser Wert in Europa darunter.

Aktienrückkäufe: In den USA aus Steuergründen beliebt

Der Hauptgrund für den höheren Stellenwert von Aktienrückkäufen in den USA liegt im US-Steuersystem begründet. Denn während in den Vereinigten Staaten Erträge aus Dividenden mit 40 Prozent besteuert werden, werden bei realisierten Kursgewinnen lediglich 20 Prozent abgeführt. In Europa hingegen werden beide Ertragsarten steuerlich identisch behandelt.

Das hat entsprechende Auswirkungen auf die sogenannte Cash-Rendite, die sich aus dem Effekt von Aktienrückkäufen und dem Dividendenertrag zusammensetzt: Im US-amerikanischen S&P 500 ohne Finanzwerte betrug diese im vergangenen Jahr 5,2 Prozent. Der gesamteuropäische Stoxx 600 ohne Finanzwerte kam auf vier Prozent, wobei die Aktienrückkaufrendite nicht einmal ein Prozent betrug.

Beim Volumen von Aktienrückkäufen dürfte es auch in Zukunft zu keiner Annäherung zwischen den USA und Europa kommen. Denn in der Regel kaufen Unternehmen nur in einem positiven wirtschaftlichen Umfeld Aktien zurück – schließlich erhöht eine solche Maßnahme ihre Verschuldungsquote. Zumal in Europa neben der Sorgen um die weltwirtschaftliche Entwicklung die Diskussionen bezüglich eines möglichen Brexits und der Schuldensituation Griechenlands die Märkte zusätzlich belasten könnten.

Aktienrückkäufe: schwierig in negativem Umfeld

Somit dürfte sich die Bereitschaft, die Verschuldungsquote zu erhöhen, in den meisten europäischen Unternehmen in Grenzen halten. Das würde auch den Trend der vergangenen Jahre bestätigen: Während in den USA die Verschuldungsquote der Unternehmen seit 2010 von rund 23 Prozent auf etwa 27 Prozent gestiegen ist, tendiert sie in Europa in die andere Richtung – und sank auf aktuell rund 20 Prozent.

Eine zweite Möglichkeit, die Aktienrückkaufquote, also die Anzahl der gekauften Aktien im Vergleich zur Gesamtanzahl ausstehender Aktien zu erhöhen, bleibt europäischen Unternehmen praktisch ebenfalls verschlossen: Die Kürzung der Dividenden. Denn dabei handelt es sich um eine unter europäischen Aktionären sehr unpopuläre Maßnahme. Ohne anziehende Gewinne dürfte sich daher vorerst wenig am Status Quo ändern.

Doch nicht nur europäische, auch US-Unternehmen sehen sich derzeit neuen Herausforderungen gegenüber: Ihre Umsätze stagnieren und die Gewinne könnten in den kommenden beiden Quartalen im Vergleich zum Vorjahr sinken. In Kombination mit einem moderaten US-Wirtschaftswachstum – die Deutsche Bank erwartet 1,4 Prozent für das Jahr 2016 – dürfte es den US-Unternehmen daher zunehmend schwer fallen, ihre Aktienrückkäufe auf dem hohen Niveau der vergangenen Jahre zu halten.

Ertragsstärke und Stabilität könnten für US-Aktien sprechen

Insgesamt könnten entsprechend risikobereite Anleger im aktuellen schwierigen Marktumfeld auch einen Blick auf US-Aktien werfen. Nicht nur, weil US-Unternehmen in puncto Ertragsstärke gegenüber europäischen Konzernen aktuell die Nase vorn zu haben scheinen. Für den Aktienmarkt jenseits des Atlantiks könnte außerdem sprechen, dass er sich – im Vergleich zu den europäischen Börsen – durch eine oftmals geringere Schwankungsbreite auszeichnet.

Dr. Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

04.05.2016 | 16:21

Artikel teilen: