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China zeigt seine zwei Gesichter

Foto: Montage/Freedigitalphotos.net/worradmu/voraorn.

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In China startet das neue Jahr zwar erst am 8. Februar – an den Märkten hat es seinen ersten Eindruck aber schon hinterlassen: Die kommenden zwölf Monate stehen nach dem für viele Chinesen bedeutenden Jahreshoroskop im Sternzeichen des Feuer-Affen. Diese gelten als selbstbewusst und kämpferisch, aber eben auch als egoistisch und ungeduldig. 

Gastbeitrag von Dr. Ulrich Stephan

Eine durchaus explosive Mischung bringt der Feuer-Affe, wie sich bereits gezeigt hat: Der chinesische Leitindex CSI 300 verlor in den ersten Handelsstunden des 4. Januar mehr als sieben Prozent, woraufhin der Aktienhandel ausgesetzt wurde. Auch in den folgenden Tagen herrschte Nervosität an den Märkten. Dabei besteht mit Blick auf die fundamentalen Rahmendaten kaum Anlass für Panik: Auch wenn einige Marktkennzahlen zuletzt schwächer ausfielen, dürfte Chinas Wirtschaft tendenziell auf Kurs bleiben – und für Anleger entsprechend interessant.

Warum es in China trotzdem zu den jüngsten Kursverlusten kommen konnte hat zwei Hauptgründe. Aus Sicht chinesischer Anleger dürfte das Auslaufen des Aktien-Verkaufsverbots für Großinvestoren eine maßgebliche Rolle gespielt haben. Nach den Börsenturbulenzen vom vergangenen Sommer hatte Peking den sechsmonatigen Verkaufsstopp angeordnet, um die Märkte zu beruhigen. Dieser sollte zum 8. Januar auslaufen. Viele private Anleger stießen in Sorge um eine bevorstehende Verkaufswelle ihre Aktien ab, wodurch sie den befürchteten Kurssturz selbst mit auslösten. Zwar reagierte die Regierung Chinas mit der Verlängerung modifizierter Verkaufsbeschränkungen sowie Aktien-Stützungskäufen seitens der Zentralbank.

"Circuit breaker" verstärkt Verunsicherung der Anleger

Hinzu kam, dass die Einführung einer technischen Handelssperre die Verunsicherung unter den Marktteilnehmern anheizte: Denn am 4. Januar kam ein System zum Einsatz, das den Aktienhandel an den chinesischen Börsen nach einem Tages-Kursverlust des CSI 300 von 5 Prozent automatisch für 15 Minuten unterbrach und bei einem Minus von mehr als sieben Prozent für den gesamten Tag aussetzte. Was sinnvoll klingen mag, hat einen großen Nachteil: Es beschneidet die Selbstreinigungskräfte des Marktes und verstärkt die Verunsicherung unter Anlegern. Dieser Meinung war auch die chinesische Führung und setzte den „circuit breaker“ eine Woche später wieder außer Kraft.

Entscheidender für Investoren außerhalb Chinas war allerdings die Tatsache, dass einige chinesische Einkaufsmanagerindizes Ende 2015 schlechter ausfielen als erwartet: So fiel im Dezember der Caixin-Index für das Verarbeitende Gewerbe in China mit 48,2 Punkten wofür insbesondere ein schwächerer Export verantwortlich war. Dass die chinesische Regierung über den Jahreswechsel eine weitere Abwertung ihrer Währung Renminbi zum US-Dollar zuließ, deuteten einige Investoren als Schwächeeingeständnis – die Abwertung als einen Versuch, die Exportwirtschaft Chinas anzukurbeln. Von anderer Seite wurde über einen Kontrollverlust spekuliert. Auch hier steuerte Peking schnell gegen und griff noch in der ersten Januar-Woche ein, um den Renminbikurs zu stützen – mit mäßigem Erfolg. Zwar legte der Renminbi gegenüber dem US-Dollar wieder leicht zu, die chinesischen Aktienkurse fielen jedoch weiter.
 

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Die Sorgen der Investoren sind aus meiner Sicht nicht völlig aus der Luft gegriffen, erscheinen aber etwas übertrieben. Der chinesische Industriesektor, der einstige Haupttreiber des Wirtschaftswachstums, könnte allerdings weiter unter Druck geraten. Diese Entwicklung ist nicht unproblematisch jedoch folgerichtig. Schließlich ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt auf einem guten Weg ihr Wirtschaftsmodell nachhaltig umzubauen: Weniger Verarbeitendes Gewerbe, mehr Dienstleistungen und Konsum – das bedeutet, eine höhere Qualität des Wachstums. Investoren sollten den zweistelligen Wachstumsraten Chinas nicht länger hinterher trauern.

Selbst die aktuellen Raten sind weltweit noch immer beispiellos hoch. Ich betrachte die geringere Wachstumsdynamik als Normalisierung. Hinzu kommt, dass die Regierung in Peking sowohl die finanziellen als auch die administrativen Möglichkeiten hat, die heimische Wirtschaft zu stimulieren. Dazu gehören beispielsweise der Einsatz der Devisenreserven sowie die weitere Senkung der Mindestreservesätze oder der Leitzinsen. Ich erwarte zudem, dass das Haushaltsdefizit in diesem Jahr auf 3,5 Prozent ausgeweitet werden könnte, um unter anderem verstärkt Investitionen in Infrastrukturprojekte zu ermöglichen. Zuletzt konnte auch der private Konsum mit rund sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr zulegen – ein starker Wert.


Aus diesen Gründen gehe ich weiter von rund 6,7 Prozent Wirtschaftswachstum für das aktuelle Jahr aus. Mit einer „harten Landung“, also einem Absinken des Wachstums auf unter 6 Prozent, rechne ich derzeit nicht. An den chinesischen Börsen dürfte das Risiko von Ausschlägen nach unten bis auf weiteres bestehen bleiben. Anleger sollten daher zunächst Vorsicht walten lassen und die weitere Entwicklung abwarten. Grundsätzlich sollten Anleger in China ihren Fokus auf den vergleichsweise liquiden und von institutionellen Anlegern geprägten Aktienmarkt in Hongkong legen: Die dort notierten H-Aktien erscheinen mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 8,7 interessant.

Dr. Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank.

08.02.2016 | 13:11

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