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Den Rubicon überschritten?

Gaius Julius Caesar (Bild: Fotolia / pic3d)


„Alea iacta est!“ Der Ausspruch ist so bekannt wie der, der ihn tätigte. Und für das heutige Italien, das auf dem von ihm mitgeschaffenen antiken Erbe fußt, könnte das aktuelle Referendum eine ähnliche Wirkung haben. Für Matteo Renzi, den bisherigen Regierungsschef, sind die dramatischen Folgen bereits spürbar. Er tritt zurück. Doch die Folgen für die Finanzmärkte kommen erst noch.

Von Jon Jonsson

Die Entscheidung der italienischen Wähler im Referendum zur Verfassungsreform hat vielfältige Auswirkungen: Kurzfristig dürften die Renditen der italienischen Staatsanleihen steigen, während sich die Spreads zu anderen europäischen Anleihen ausweiten werden. Die Volatilität steigt, nicht nur in Italien, sondern in ganz Europa. Desweiteren besteht auch die Möglichkeit, dass Italien durch die Rating-Agenturen herabgestuft wird und die Kreditkosten steigen.

Besonders besorgniserregend ist, dass das „Nein“ schlimme Folgen für den angeschlagenen italienischen Bankensektor haben könnte. Banken wie die UniCredit Banca Popolare und insbesondere die Monte dei Paschi di Siena sind aufgrund ihrer notleidenden Kredite schon das ganze Jahr schwer unter Druck. Allerdings ist zu bedenken, dass im Referendum nicht über Italiens Verbleib in der Europäischen Union abgestimmt wurde – obwohl es in vielen Kreisen so interpretiert wird.

Premierminister Matteo Renzi versuchte, mit dem Unterhaus als primäre gesetzgebende Körperschaft und einer Begrenzung der Macht des Senats, den politischen Prozess zu beschleunigen. Seine Initiative erhielt sowohl interne als auch externe Unterstützung von nationalen Politikern und internationalen Organisationen wie der OECD. Tatsächlich gab es 2015 einen Bericht, dass „institutionelle Reformen [in Italien] die Grundlage für bessere Politikgestaltung und entschiedenere Umsetzung sein können.“ Die Gegner argumentieren unterdessen, dass dies wichtige Kontrollmechanismen aushebelt – und ihre Stimme fand Gehör. Ob zu Recht oder zu Unrecht – der Markt sieht dies wahrscheinlich als ein weiteres Beispiel für den wachsenden Anti-Establishment-Trend.

Wie geht es weiter?

Nach Renzis Rücktritt gibt es wohl vorgezogene Neuwahlen, obwohl diese nicht vor 2018 stattfinden müssen. Wahrscheinlicher ist, dass der italienische Präsident Sergio Mattarella eine „technokratische“ Übergangsregierung ernennt, oder die Regierungsgeschäfte zwischenzeitlich von einem anderen Vertreter aus der Mehrheitspartei PD geführt werden.

Mit Blick auf den Markt glauben wir, dass das „Nein“ das Vertrauen in die Erholung der italienischen Wirtschaft verringert. Es wird wahrscheinlich auch die Unsicherheit infolge der steigenden Euroskepsis im Euroraum steigern. Italienische Staatsanleihen und riskantere Anlagen in Europa werden eher negativ beeinflusst.Wie wir nach den US-Wahlen und der Brexit-Abstimmung gesehen haben, konnten die Märkte diese Entwicklung jedoch früher als erwartet einpreisen. Wir sind überzeugt, dass Geduld hier der Schlüssel ist, um die Gelegenheiten für den Ankauf attraktiv bewerteter Vermögenswerte zu nutzen. Grundsätzlich hat Europa zwar mit stagnierendem Wirtschaftswachstum, mit Fragen der Außenpolitik und mit der Flüchtlingskrise zu kämpfen, aber wir glauben weiterhin, dass es sich rechtzeitig damit befassen wird. Tatsächlich sieht unser Basis-Szenario so aus, dass Europa sich weiter erholen wird, wenn auch sehr langsam.

Als Gaius Julius Caesar im Jahre 49 vor Christus mit seiner Armee über den Rubikon marschierte, einen kleinen Fluss nördlich von Rom, erklärte er bekanntlich „Alea iacta est“ – der Würfel ist gefallen. Das ist im heutigen Italien nicht ganz richtig. Es kann immer noch seine Zukunft selbst gestalten, doch es muss schnell und entschlossen handeln.

Jon Jonsson ist Senior Portfolio Manager – Global Fixed Income beim US-Asset-Manager Neuberger Berman.

 

 

06.12.2016 | 15:28

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