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Deutsch-französische Partnerschaft: Synergieeffekte nutzen!


Keine Wachstum und Haushaltsdefizit in Frankreich. Deutlicher Wachstumsrückgang und Sparpolitik in Deutschland. Der frühere deutsch-französische Wachstumsmotor scheint heute die Eurozone zu hemmen, wobei die schwache französische Wirtschaft ganz besonders unter Beschuss liegt.

Die zum September 2014 erhobene Kritik an Frankreich beruht auf der Unfähigkeit des Landes, den Weg zurück zum Wachstumspfad zu finden. In 2012 und 2013 erreichte das Wirtschaftswachstum nur 0,3 Prozent. Nach IWF Angaben sollte die Wirtschaft im Jahr 2014 bei 0,4 Prozent stocken und nur mit Mühe 1 Prozent im Jahr 2015 erreichen. Eine blasse Bilanz im Vergleich zu Deutschland. Trotz der in den letzten Monaten schwächelnden Wirtschaft bleibt Deutschland weiterhin der „gute Schüler“ Europas. Auf längere Sicht schlägt Deutschland seinen Nachbarn deutlich: Der BIP-Zuwachs liegt seit 2007 bei 4 Prozent, wobei Frankreich nur 0,6 Prozent zulegte. Kritik kam dennoch auf, wegen der rigorosen deutschen Haushaltspolitik.

Wie konnte Frankreich einen solchen Rückstand zu Deutschland entwickeln? Dafür gibt es kulturelle und strukturelle Gründe. Das deutsche Wirtschaftsmodell konnte sich kontinuierlich an eine immer stärker werdende Währung anpassen (Arbeitskosten, sozialer Konsens, etc.). Im Gegensatz zu Ländern wie Frankreich, Italien und Spanien konnte sich die deutsche Gesellschaft über ihre zielstrebige Politik stets in Frage stellen. Die von der Regierung „Schröder“ ab 2002 durchgeführten Reformen zur Liberalisierung und Flexibilisierung des Arbeitsmarktes sind ein gutes Beispiel für die bestehenden Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland. Diese schwierigen und zum Teil unpopulären Maßnahmen haben aus dem zu dieser Zeit „kranken Mann“ Europas einen Grundpfeiler der europäischen Wirtschaft  gemacht. Das aktuell herausfordernde wirtschaftliche und finanzielle Umfeld zwingt nun Frankreich ähnliche Maßnahmen durchzusetzen.

Die französische Regierung versucht nun langsam Anpassungen vorzunehmen, wobei es mittlerweile leider sehr spät ist! Zum einen haben sich die Defizite vergrößert. Zum anderen ist es heute schwierig radikale finanzorientierte Maßnahmen durchzusetzen. Trotz des aktuell herausfordernden Umfeldes, lohnt sich für Investoren der Blick auf französische Unternehmen. Auch wenn der gesunde Menschenverstand uns zur Vorsicht mahnt. Die ökonomischen Fundamente unserer Unternehmen sind hervorragend. Französische Unternehmen zeichnen sich insbesondere durch die Qualität ihrer Führungskräfte und einer hohen Produktivität aus. In vielen Sektoren wie der Automobilindustrie (z.B. Michelin) oder der Luft- und Raumfahrtbranche (z.B. Safran) hat Frankreich gute Unternehmen, die Wachstumsmodelle entwickeln und reproduzieren können. So konnten sich diese Unternehmen weltweite Schlüsselmärkte sichern und zu globalen „Leadern“ entwickeln.

Positive Wertentwicklungen wie die von AIRBUS beispielsweise stellen die tugendhaften Effekte der französischen Wirtschaft unter Beweis. Dieses Beispiel ist außerdem das Sinnbild des riesigen Potentials der deutsch-französischen Partnerschaft. Beide Länder sind stark wirtschaftlich – Frankreich bezieht nach wie vor 10 Prozent der deutschen Exporte – und politisch miteinander verbunden. Statt zu vergleichen welches Land sich gerade schlechter entwickelt, sollten wir eher die Synergieeffekte der beiden Volkswirtschaften ausbauen und die Eurozone stärken. Wir sollten neue weltweite „Leader“ (Telekommunikation, Eisenbahnindustrie, usw.) entwickeln und ihnen den nötigen Rückenwind geben.

Didier Le Menestrel, Gründer der unabhängigen französischen Fondgesellschaft Financière de l'Echiquier

25.10.2014 | 17:27

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