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Dividenden – Gewinne fürs Portfolio

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Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat und Geschäftskunden der Deutschen Bank (Bild: Deutsche Bank)


Im Geschäftsjahr 2014 wurden weltweit 1,17 Billionen US-Dollar ausgeschüttet – eine Steigerung von 10,5 Prozent im Vergleich zu 2013. Diese interessanten Performance-Chancen sind allerdings nicht der einzige Punkt, der für Dividendentitel sprechen könnte.

Von Ulrich Stephan

Das Aktienjahr 2016 begann für Anleger weltweit mit einem Fehlstart: Bereits am ersten Handelstag des Jahres zog der Kurseinbruch in China die internationalen Börsen mit nach unten. Der DAX gab rund 4,3 Prozent nach und legte damit den schlechtesten Jahresauftakt seit 28 Jahren hin. Für den gesamteuropäischen Stoxx 600 war es mit einem Minus von 2,5 Prozent sogar der schlechteste Start in ein Jahr überhaupt. Etwas überschaubarer waren die Verluste im S&P 500: -1,5 Prozent bedeuteten aber auch für den US-Index einen 15-Jahres-Negativrekord.

Erinnerungen an den Sommer 2015 wurden wach: Schon damals hatten Börsenturbulenzen in China die internationalen Aktienmärkte erschüttert. Viele Marktteilnehmer reagierten verunsichert. Ist im neuen Jahr mit ähnlich hohen Volatilitäten zu rechnen wie 2015? Die Deutsche Bank prognostiziert ein weiteres schwankungsintensives Aktienjahr. Dennoch: Anleger, die ein Investment mit interessantem Rendite-Risiko-Profil suchen, dürften um Aktien auch 2016 kaum herumkommen –. So rentieren 10-jährige Bundesanleihen aktuell mit nur 0,25 Prozent p. a. Selbst für ein deutliches Mehr an Risiko bekommen Anleger am europäischen Anleihemarkt derzeit kaum auskömmliche Renditen. Eine Situation, die sich beim Blick auf die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank mittelfristig kaum ändern dürfte: Erst im Dezember weitete die EZB ihr milliardenschweres Anleiheankaufprogramm zeitlich bis zum März 2017 aus.

In einer solchen Situation könnte es für viele Anleger interessant sein, ihren Fokus auf dividendenstarke Aktien zu legen. Denn Dividenden können einen erheblichen Beitrag zum Gesamtertrag eines Aktieninvestments leisten – weshalb sie in einigen Wirtschaftsmedien schon als „neuer Zins“ bezeichnet wurden. So hat der Bundesverband Investment und Asset Management errechnet, dass ein Investor im breitgestreuten europäischen Aktienindex MSCI Europe in den vergangenen 40 Jahren mehr als 40 Prozent seiner Erträge allein durch Dividendenzahlungen erzielte. Für den deutschen Leitindex DAX geht die Deutsche Bank davon aus, dass Dividendenzahlungen im Jahr 2016 sogar rund die Hälfte der Aktienmarktperformance ausmachen könnten. Eine vergleichsweise hohe Dividende zahlen dabei typischerweise solide, etablierte Unternehmen.

Insgesamt entwickelten sich Dividendentitel in Sachen Performance – also Kursgewinn plus Dividende – in der Vergangenheit durchschnittlich besser als Papiere, die eine niedrigere Dividende zahlten. Das lag vor allem daran, dass die Unternehmensgewinne in den vergangenen Jahren zugelegt haben und mit ihnen die gezahlten Dividenden: Im Geschäftsjahr 2014 wurden weltweit 1,17 Billionen US-Dollar ausgeschüttet – eine Steigerung von 10,5 Prozent im Vergleich zu 2013.

Die interessanten Performance-Chancen sind allerdings nicht der einzige Punkt, der für Dividendentitel sprechen könnte. Mit Blick auf die Kursentwicklung weisen sie zudem eine im Vergleich zu Papieren ohne Ausschüttungen geringere Schwankungsintensität auf, da dividendenstarke Unternehmen meist über ein solides, langfristiges Geschäftsmodell verfügen. Sie finden sich oft in Geschäftsfeldern, in denen seltener exorbitant hohe Gewinne, dafür aber konstantere Margen erwirtschaftet werden können.

Aber auch Dividendentitel sind nicht unabhängig von allgemeinen Marktentwicklungen – auch sie unterliegen Kursrisiken. Daher gilt es, bei der Auswahl die gleiche Sorgfalt walten zu lassen wie bei allen anderen Aktieninvestments auch. Ein entscheidender Aspekt dabei sind die Gewinnerwartungen eines Unternehmens. Sie entscheiden letztlich nicht nur darüber, wie sich der Aktienkurs entwickelt, sondern auch wie nachhaltig die Dividendenpolitik eines Unternehmens ist: Werden die Ausschüttungen allein aus dem Unternehmensgewinn bestritten, ist das ein positives Signal. Muss hingegen die Substanz eines Unternehmens angegriffen werden, um eine Dividende zu zahlen, wird sich das langfristig negativ auf den Unternehmenswert und damit den Aktienkurs auswirken. Im Rohstoffsektor beispielsweise werden derzeit nach wie vor vergleichsweise hohe Dividenden gezahlt – trotz der zum Teil massiv gefallenen Preise für Öl oder Industriemetalle und der damit einhergehenden sinkenden Gewinnerwartungen. Eine nachhaltige Dividendenpolitik scheint dadurch aktuell kaum mehr gewährleistet.

Die sogenannte Dividendenrendite – also das Verhältnis zwischen der pro Aktie ausgeschütteten Dividende und dem Aktienkurs – ist daher nicht mehr als ein erster Anhaltspunkt für die Attraktivität einer Aktie. Die Kurslisten der Unternehmen nach den höchsten Dividendenrenditen zu durchforsten, macht für potenzielle Anleger daher wenig Sinn.

Erst im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Perspektive ergibt sich ein klareres Bild: Für die Unternehmen im DAX liegt die durchschnittliche Dividendenrendite beispielsweise aktuell bei 2,6 Prozent. Ein Wert, der aufgrund der soliden wirtschaftlichen Lage und der hohen Cashbestände der DAX-Konzerne weiter steigen dürfte: Für das Jahresende rechnen die Analysten mit 3,1 Prozent.

Im restlichen Europa erscheint die Lage ähnlich aussichtsreich: Viele Unternehmen verfügen über hohe Bargeldbestände aus erwirtschafteten Unternehmensgewinnen, was für vergleichsweise stabile oder sogar steigende Ausschüttungen in den kommenden Monaten sprechen könnte. So liegen neben dem DAX auch der britische FTSE 100 (4,3 Prozent) und der Euro Stoxx 50 (2,7 Prozent) mit ihren Dividendenrenditen aktuell deutlich über der Verzinsung 10-jähriger Bundesanleihen. Bei der von der Deutschen Bank erwarteten konjunkturellen Stabilisierung in Europa könnten sich die Dividendenerträge in den kommenden Jahren zudem nachhaltig positiv entwickeln.

Es ist wenig verwunderlich, dass sich die meisten Unternehmen mit einer soliden Dividendenhistorie in defensiven Sektoren finden, etwa der Versicherungs- oder Konsumgüterbranche. Sie verfügen über etablierte Absatzmärkte und erwirtschaften regelmäßig überschaubare, aber verlässliche Gewinne. Dennoch besteht auch bei diesen Papieren das Risiko von Kursverlusten.

Insgesamt scheint die Zeit für eine langfristig erfolgversprechende Dividendenstrategie derzeit für Anleger günstig zu sein – eine entsprechend genaue Selektion der Aktien vorausgesetzt. In jedem Fall dürfte es sinnvoll sein, bei der konkreten Auswahl einzelner Investments die Expertise von Kapitalmarktexperten zu nutzen.

22.02.2016 | 18:32

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