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EZB: 2016 diesselben Leiden wie 2015?

Klaus-Dieter Bauknecht

Dr. Klaus-Dieter Bauknecht, IKB

Frankfurt am Main

EZB und Geschäftsbanken - unübersehbare Distanz (Bild: Handelsblatt)


Der Ölpreisverfall Ende 2014 hatte einen bedeutenden Einfluss auf den Inflationsverlauf der Euro-Zone in 2015, vor allem, weil er das Preisniveau bereits zu Jahresanfang 2015 beeinflusst hat und die Rohstoffpreise weiter gefallen sind. Eine ähnliche Entwicklung ist nun in 2016 als Folge des jüngsten Rohstoffpreisverfalls zu erwarten.

Von Klaus-Dieter Bauknecht

Die Inflationsrate in der Euro-Zone sollte in den kommenden Monaten aufgrund der Basiseffekte ansteigen, jedoch deutlich weniger stark als noch vor Kurzem erwartet. Vor allem aufgrund des Ölpreisrückgangs und eines stabilen Euro-Wechselkurses ist wieder mit einem stärkeren Preisdruck im ersten Quartal zu rechnen. Dies sollte, wie Anfang 2015, zu deutlichen Anpassungen der Inflationsprognose für das Gesamtjahr 2016 führen. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Inflationsrate in diesem Jahr selbst nach deutlichen Anpassungen höher liegen wird als in 2015, wo sie 0 Prozent betrug.

Im Dezember 2015 ging die EZB für 2016 von einer Inflationsrate in der Euro-Zone von einem Prozent aus. Die aktuelle Ölpreisdynamik deutet auf eine Inflationsrate hin, die deutlich unter diesem Niveau liegen sollte. Denn eine geringere monatliche Inflationsrate in den ersten zwei bis drei Monaten des Jahres 2016 als Folge des Ölpreisverfalls reicht schon aus, um die Inflationsprognose für das Gesamtjahr 2016 auf 0,5 Prozent zu senken. Die aktuelle Prognose der EZB ist deshalb nur dann aufrechtzuerhalten, wenn die Rohstoffpreise kurzfristig steigen oder wenn die Inflationsrate in den kommenden Monaten überraschend stark steigt. Beides ist aktuell jedoch sehr unwahrscheinlich. Die EZB wird deshalb bei der nächsten Prognoseveröffentlichung im März ihre Inflationserwartung für 2016 erneut und deutlich nach unten anpassen müssen. Dies hat sie in ihrer letzten Sitzung bereits angedeutet. Zudem sah sich die EZB im September 2015 wie gegenwärtig dazu veranlasst, weitere Maßnahmen der geldpolitischen Lockerung in Aussicht zu stellen.

Noch gibt es keinen Grund, weitere Schritte zur geldpolitischen Stimulierung anzukündigen, da sich der Einfluss dieser Maßnahmen erst langsam entfaltet, wie an der sich weiter erholenden Kreditvergabe und am relativ schwachen Euro zu erkennen ist. Geldpolitik hat eine relativ langsame Wirkung auf die Realwirtschaft, ebenso wie ein schwacher Euro nur mit zeitlicher Verzögerung für einen höheren Export sorgt. So wird sich das gesamte Ausmaß der derzeitigen geldpolitischen Maßnahmen erst noch zeigen. Auch geben aktuelle Konjunkturindikatoren in der Euro-Zone noch keinen Hinweis auf die Notwendigkeit einer Prognoseanpassung. Allerdings haben sich die Konjunkturrisiken aufgrund des sinkenden Wirtschaftswachstums in China und der bescheidenen US-Erholung jüngst erhöht, während sich die fallenden Rohstoffpreise negativ auf die Konjunktur der rohstoffreichen Schwellenländer auswirken, die wichtige Exportmärkte darstellen.

Sollte sich die konjunkturelle Lage der Euro-Zone kurzfristig erneut eintrüben und dies zu einer deutlichen Anpassung der EZB-Wachstumsprognosen führen, sind weitere Maßnahmen beim nächsten EZB-Treffen im März zu erwarten. Denkbar wären beispielsweise eine erneute Senkung des Einlagenzinssatzes auf -0,4 Prozent beziehungsweise eine Ausweitung des Aufkaufvolumens. Bei einer solchen Entwicklung wäre 2016 in der Tat ein Déjà-vu zu 2015, nicht nur in Bezug auf die Inflationsprognosen, sondern auch im Hinblick auf die Reaktionen der EZB.

Dr. Klaus-Dieter Bauknecht ist Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank AG.

12.02.2016 | 11:12

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