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Frühlingserwachen der Weltkonjunktur?


Auf der Nordhalbkugel hält spürbar der Frühling Einzug. Doch während in der Natur alles sprießt und blüht, wehte von der Konjunkturseite bis zuletzt ein kühlerer Wind. Mit einer gewissen Skepsis blicken Anleger daher auf die seit Jahresanfang zu beobachtende Erholung an den Börsen. Diese wurde nicht unwesentlich durch das rege „taubenhafte“ Gezwitscher aus der Notenbankwelt befeuert, also den Rufen nach einer sanfteren geldpolitischen Wende – und weniger durch die kraftlosere Dynamik bei globalem Wirtschafts- und Gewinnwachstum in einem alternden Aufschwung.

Ein Beitrag von Ann-Katrin Petersen 

Um eine anhaltend aufgehellte Stimmung an den Börsen zu erzeugen, reichen geldpolitische Tauben allein mittelfristig nicht aus. Zumindest nicht, solange sich kein Frühlingserwachen bei den Konjunkturindikatoren durchsetzt. Und solange politische Unsicherheiten die Märkte nicht loslassen. 

Doch pünktlich zum Start des „Wonnemonats“ Mai scheinen die Zeichen vermehrt auf „grün“ zu stehen.


1. Die Weltwirtschaft nimmt sich zunehmend ein Beispiel an der Natur: Maßgebliche Frühindikatoren wie die globalen Einkaufsmanagerindizes haben zuletzt Anzeichen einer Bodenbildung gezeigt. In China, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, entfalten die fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen offenbar endlich ihre Wirkung. Dies dürfte nicht nur positiv auf die gesamte Region Asien ausstrahlen, sondern auch auf die exportorientierten Volkswirtschaften des Euroraums. Gleichzeitig ist jedoch der jüngste Ölpreisanstieg im Blick zu behalten, denn er könnte sich als Belastungsfaktor für den – angesichts fester Arbeitsmärkte und steigender Lohneinkommen – bislang robusten Konsum entpuppen

2. Bei wichtigen politischen Stolpersteinen zeichnet sich entweder eine Entspannung ab (Sino-US-Handelsstreit) oder unmittelbare Risiken wurden zumindest zeitweilig aus dem Weg geräumt (Verschiebung der Brexit-Frist auf den 31. Oktober 2019). Gerade für das exportorientierte verarbeitende Gewerbe bleibt ein belastbar konstruktiveres handelspolitisches Gezwitscher zwischen Washington und Peking – ob per Twitter oder auf konventionellerem Weg – eine wichtige Voraussetzung, um die Schwächephase zu beenden.



Kurzum: Ein kurzfristiges (Wieder-)Ersprießen des Pflänzchens Konjunktur(-Dynamik) erscheint durchaus möglich, wenngleich der bereits seit fast zehn Jahren andauernde Aufschwung der Weltwirtschaft seinen Höhepunkt wohl überschritten hat und mittelfristige Wachstumsrisiken bestehen bleiben. Unsere mittelfristigen strukturellen und finanzmarktbasierten Rezessionsmodelle für die US-Wirtschaft zeigen aktuell eine Rezessionswahrscheinlichkeit von 30–35 % auf Sicht von einem Jahr an. Im Gegensatz dazu liegt das Risiko auf Basis unseres kurzfristigen zyklischen Ansatzes auf Sicht der nächsten sechs Monate bei lediglich 6 Prozent.


Was bedeutet dies für Anlageentscheidungen?

Für sich genommen wäre eine temporäre Verbesserung der Makrodaten nicht ausreichend, um das sich abzeichnende Szenario einer spätzyklischen Konjunkturverlangsamung infrage zu stellen. Wir erwarten nach wie vor ein moderateres Marktrenditepotenzial („Beta“) als in der letzten Dekade – in Kombination mit höheren Marktschwankungen. Das ist ein Umfeld, in dem für Investoren eine aktive Vermögensallokation über die Anlageklassen hinweg sowie eine aktive Auswahl von Wertpapieren zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Die nächsten Monate könnten sich dabei allerdings als ein günstiges Zeitfenster für risikobehaftetere Vermögensklassen herausstellen: Geduldigere Zentralbanken, kombiniert mit einer verbesserten Wachstumsdynamik und niedrigen kurzfristigen Rezessionsrisiken träfen auf eine (noch) zurückhaltende Positionierung von Investoren.

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16.05.2019 | 10:46

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